Wir leben in einer realen Welt. Ist ja erstmal okay so. Aber liegen nicht irgenwo verborgen noch andere Welten, Welten, von denen wir vielleicht schon mal gehört haben? Die wir uns schon mal gewünscht haben? Die zu erreichen ein doch sehr lohnendes Ziel wäre?
In der realen Welt fragt Jack: „Haben wir einen Essensatlas oder so?“ Man antwortet: „Äh, einen … Essensatlas?“ Jack: „Ja, ich will was über Kaugummi schreiben.“
Möglichkeit 1, mit dieser Situation umzugehen: Real. Was du meinst, könnte man antworten, ist ein Lexikon, ein Nachschlagewerk, von mir aus auch eine gute Internetverbindung, um sich Informationen zur Geschichte des Kaugummis, die Zusammensetzung des Kaugummis und die verschiedenen Arten des Kaugummis zu besorgen.
Real. Aber auch nicht mehr.
Möglichkeit 2: Innerliches Ausmalen, wie der Essensatlas denn wohl aussieht, was er an Informationen liefert und letztlich abwägen, ob man ihn in der eigenen Bücherwand schon mal gesehen hat.
Und bevor man sich an die Beantwortung dieses letzten Punktes heranwagt, geht man auf Reisen. Ein Essensatlas. Wunderbar. Quasi die Landkarte des Schlaraffenlandes, exakt vermessen und kartografiert, in saubere Zeichnungen umgesetzt, mit Längen- und Breitengraden versehen – gern auch mit Kilometerangeben – und fest eingebunden, damit er auch unterwegs nicht gleich auseinanderfleddert.
Man schlägt also auf`s Geratewohl auf, landet auf der Seite 173 und ist schon mittendrin. Die längst in Vergessenheit geratenen Milchseen – wer erinnert sich nicht plötzlich an diese alten Erzählungen aus der Kindheit – werden befahren, Bug voraus, eine steife Brise treibt uns voran. Einzelne geräucherte Lachsschwärme umkreisen uns, springen munter ums Boot. Einige Seemeilen voraus sollen sich die Butterberge befinden, sagt uns die Karte. Und richtig, mit einem Mal weht uns ein erster Hauch von Kakao um die Nase: Kakaobutter. Wie im Essensatlas verzeichnet. Je näher wir kommen, desto höher erscheinen sie. Obenauf mit Puderzucker bedeckt. Und zu ihren Füßen ein Strand aus Zuckersand, durchflossen von wohlig warmem Kakao. Rechterhand erblicken wir auch tatsächlich den Zuckerhut, wie angegeben. Am Steak legen wir an, schlagen uns durch Unmengen frittierter Auberginen, tunken kurz in die pikante Paprikacreme, weichen ehrfurchtsvoll vor den heißen Kaffeequellen zurück, umrunden die Curry-Kürbis-Suppe, benetzen unsere Zungen mit dem Tau des Weines, probieren vom Käseaufschnitt, gelangen durch die Höhle des Rollbratens zum Kuchenteich, und, und, und …
Ich geh jetzt meine Bücherwand nochmal durch.
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