Jaja, die Zeit

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Albert hat eine Fähigkeit an sich entdeckt, die wohl nur er und seine Altersgenossen besitzen: Er ist in der Lage, den Zeitfluss stoppen. Ehrlich! Er durchbricht den linearen Verlauf einer Zeitleiste. Einfach so. Mit der Sprache. Ein Wort genügt. Ein Zauberwort. Ist es erklungen und nimmt es den Lauf in die Welt, erfüllen seine Schwingungen den gesamten Erdkreis, dann wird die Zeit relativ relativ.

Und siehe, ich verkünde es gerne, das Zauberwort, voll ungeheurer Macht, es lautet daselbst: Nochmal!

Kaum ist es gesprochen, schon arbeitet die Zeit emsig daran, die Kurve zu kratzen, den Weg zurückzusuchen, sich einen vermeintlich längst vergangenen Punkt zu suchen und eine formvollendete Schleife zu bilden. Die Zeit lechzt nach Wiederholung, Fortschreiten ist nicht ihre Sache mehr. Oh du Zauberwort, könntest du doch auch mich ermächtigen, des unablässigen Weiterziehens Herr zu werden und der Umbarmherzigkeit des Laufes aller Dinge Einhalt zu gebieten! Manch Erlebnis würd ich repetieren, so mancherlei Situation zum wiederholten Male erleben wollen. (Erste Gedanken: Ein Tor meines Lieblingsvereins, ein Kuss meiner Liebsten - besser wohl in anderer Reihenfolge.)

Ich fahre mit Albert zum Einkaufen. Reinheben in den Wagen. Nochmal! Nein, es regnet so, wir wollen … Nochmal reinheben. Gut. Geht schneller. Ist mir ja auch nicht so wichtig, wie es ihm ist. Rein ins Geschäft. Rasierschaum aussuchen. Die von ihm in die Hand genommene Zahnpasta zurückstellen. Nochmal Zahnpasta haben. Nein, wir müssen doch noch andere Dinge einkaufen. Nochmal die Zahnpasta angucken. Gut, guck sie dir nochmal an. Stellst du sie dann weg? Ja, dann. So, bist du fertig? Nein, nochmal angucken. Also nochmal. Weiter. Papa, Hände weg da. Wie soll ich da schieben? Naja, Hände in die Mitte des Lenkers, kurz stehenbleiben, Artikel in den Wagen tun, Hände automatisch nach außen, auf Alberts Hände. Nein, nicht dahin. Weg da. Gut, hatte ich vergessen. Was wollte ich jetzt kaufen? Nochmal. Was nochmal? Nochmal deine Hände. Meine Hände sind doch innen! Nein, nochmal deine Hände auf meine Hände. Ach so, nichts leichter als das. Weg. Die Hände? Ja. Okay. Jetzt nochmal deine Hände auf meine Hände. Man kann nicht alles nochmal machen, es muss auch mal weitergehen. Noch einmal, Papa.

Und so weiter.

Versuche, das Zeitkontinuum wiederherzustellen, sind aussichtslos. Sie heben sich paradoxerweise selbst auf. Man bleibt ohne Ausweg in der Problematik der Zeitschleife hängen, kann ihr argumentativ nicht entfliehen.

“Ich sag dir nochmal, dass man nicht alles nochmal machen kann”, sage ich. Und verstumme.

2 Antworten zu “Jaja, die Zeit”


  1. 1 kerstin Mai 15, 2007 um 1:30 Uhr nachmittags

    Ich wüsst’ ja auch Situationen, die ich gerne noch einmal erleben würde (nicht unbedingt ein Fußballtor). Aber so fremdgesteuert, die Prioritäten der Menschen sind schon sehr unterschiedlich.

  1. 1 Jaja, die Zeit schon wieder « Curriculum Trackback zu Mai 20, 2007 um 6:08 Uhr nachmittags

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