GOOD WILL HAVING

Albert meldet Besitzansprüche an. War sein Leben bislang nahezu frei von Besitztum und eigener Habe – nehmen wir mal den Schnuller und den Teddy aus -, wächst das Bedürfnis, allgemeine Dinge zu seinen Dingen zu machen. Oder, sofern mehrere Dinge der gleichen Art vorhanden sind, zumindest einen Teil davon abzuschöpfen.

Harmlos ist der Wille, Dinge zu bekommen, die man gerne abgibt. Hier kommen die Kartoffeln, sagt Knuti und stellt sie auf den Tisch. Gut, will auch Toffeln haben, sagt Albert. Darf ich noch Soße? fragt Jack. Will auch Soße haben, sagt Albert. Das ist okay.

Weniger harmlos ist es bei Sachen, die nicht für ihn gedacht sind, wo ihm aber bereits irgendeine Erinnerung signalisiert, das Nachgeben eventuell nicht das Dümmste wäre. Willst du noch etwas Spargel? frage ich Knuti. Gerne, sagt Knuti. Gut, will auch Spargel haben, sagt Albert. Aber Albert, der ist doch nichts für dich, du magst ihn doch gar nicht, sage ich. Okee, sagt Albert. Das ist auch in Ordnung.

Noch weniger harmlos ist es bei Dingen, die er nun mal nicht dauernd bekommen soll. Kann ich was Süßes haben? fragt Jack. Gut, will auch Süßes haben, sagt Albert. Darf ich heute Fanta haben? fragt Lula. Will auch Fanta haben, sagt Albert.

Schließlich: Ganz und gar nicht harmlos ist es bei Sachen, die einfach ausgesprochen schlecht zu bekommen sind. Und das ist leider am häufigsten der Fall. Schau mal, der Bus da, sage ich ganz unbedarft. Will haben Bus, sagt Albert. Siehst du den Vogel da? fragt Lula. Will haben Vogel da, sagt Albert. Man, ist das ein toller Tag heute, sagt Knuti genervt. Will auch tollen Tag haben, sagt Albert. Yeah, sie haben ein Tor geschossen, schreit Jack. Gut, sagt Albert, will auch ein Tor haben.
Da wird’s schon schwierig.

Wir drehen jetzt einen Film. Wir lassen einfach ständig die Kamera mitlaufen. Für die Dramaturgie ist Albert zuständig, und da er ja letztlich auch noch Produzent und Hauptdarsteller des Streifens ist, liegt das Projekt haupt-sächlich in seiner Hand. Ich habe den Rohschnitt des ersten Teiles sehen dürfen, und ich bin ganz begeistert. Albert macht das wirklich gut, es gibt keinen Durchhänger, der Spannungsbogen ist geschickt aufgebaut, die Hand-lung stringent – hervorragende Arbeit. Es deutet sich ein echter Blockbuster an. Mit Blick auf den amerikanischen Markt soll er wohl GOOD WILL HAVING heißen, im deutschsprachigen Raum schlicht GUT, WILL HABEN. Es kann nicht mehr lange dauern, bis er in die Kinos kommt.

Heute hat er, glaube ich, die Schlüsselszene gedreht, die Stelle des Films, an der – nach einer eher ruhigen Einleitung – die Handlung plötzlich Fahrt aufnimmt und einen Ausblick auf den finalen Showdown erahnen lässt:

gut-will-haben-4.jpgIch sitze gerade auf dem Sofa und lese im Feuilleton Filmkritiken. Albert kommt am Sofa vorbei und trägt die Fernbedienung des Fernsehers mit sich herum. Ich stehe auf, um mir noch einen Kaffee zu holen. Albert rennt weg, schreit nein, nicht Ferndienung nehmen, panisch. Ich gehe langsam weiter, rede beschwichtigend auf ihn ein, sage, wir könnten doch in Ruhe reden, ich wolle doch gar nicht die Fernbedienung und er müsse doch gar keine Angst haben.

Und Albert sagt: Gut. Will aber auch eine Angst haben.

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