Wellness-Urlaub

wellness-2.jpgWir sind total im Trend. Wir machen jede Mode mit. Lifestyle ist unsere Sache. Wir kleiden uns bewusst, wir essen bewusst, wir leben bewusst. Und wir machen bewusst Urlaub.
Das gilt zumindest für Albert.

Albert durfte zwei Nächte bei den Großeltern übernachten. Das war Urlaub. Aber nicht irgendein Urlaub; es war Wellness-Urlaub.

Albert ist bald zwei Jahre alt. Albert ist trotzig. Das ist normal. Das hat oder hatte jeder mal. Heißt zum Glück Trotzphase, lässt sich daher aushalten.

Im Alltag äußert sich das klassisch. Will nich!, sagt Albert, wenn er etwas nicht will. Er will ständig etwas nicht. Will nich, will nich, will nich! Was ihm auch nicht groß hilft. Denn seine Eltern meinen, trotzdem einen Erziehungsaspekt anzusetzen, der da lautet: Will nich! hilft nicht bei Dingen, die grundsätzlich wichtig sind. Soll heißen: Sätze wie ‘du kannst ruhig dein Gemüse essen’ oder ‘wir ziehen dir für draußen Gummistiefel an’ oder ‘trink noch etwas, bevor wir losfahren’ oder ‘jetzt geht es ins Bett’ können mit will nich! nicht einfach blockiert werden.

Aber man muss ja mal Urlaub machen. Bei Großeltern. Wellness-Urlaub.

Möglicherweise führte diese erste Besonderheit, den Schnuller nicht – wie sonst zuhause – ausschließlich im Bett, sondern ständig im Mund haben zu dürfen, zu dieser sprachlichen Äußerung, die die Großeltern einfach nur missverstanden haben. Denn beim ersten Anflug von Trotz war von Albert – so erzählte man hinterher – laut und mit Nachdruck nur eines zu hören:
Well ness!

Und das scheint dem Urlaub seine Prägung aufgedrückt haben, es war sozusagen die Losung, um die Pforte zum Reich der Urlaubsentspannung zu öffnen. Well ness! brauchte Albert nur zu sagen. Und jeder Wunsch wurde mit Hingabe erfüllt.

Ach, wie herrlich stelle ich mir das vor: Wellness-Urlaub, wenn man trotzig ist.
Ich sehe es vor mir: Ein gekiester Weg, der zu einer abgelegenen Villa führt (‘Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg’), in der zwei rüstige Besitzer dem Gast jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Lange Flure und hohe getäfelte Wohnräume, die vor antiquarischen Möbeln nur so (s)trotzen, eine Küche, aus der verführerisch der Duft von Antipasti herüberweht, ein Lesesaal mit Schriften von Novalis bis Trotzki, eine Filmothek, in der auch Dr. No vertreten ist, Kunstobjekte der Gegenwart, im Hintergrund Musik von Nono und eine Terrasse mit unvergleichlichem Blick auf die gesamte Gegend.

Auch wenn es so wohl nicht gewesen ist, eines muss ich sagen:
Ich gönne es Albert.
Dafür ist Urlaub da.
Dafür sind Großeltern da.

2 Antworten zu „Wellness-Urlaub“


  1. 1 Moritz Papa Mai 31, 2007 um 4:25

    Großeltern sind eben eine wunderbare Erholung vom Elternstress. Allerdings ist es wie mit jeder Erholung, zu viel wird irgendwann langweilig.

  2. 2 mamarazzi Juni 2, 2007 um 1:27

    Endlich auch für uns Wellness Urlaub von unsere 2jährigen Tochter (Trotzphase) und vierjährigen Sohn(Aber das ist nicht fair – Phase).

    Aber ja, so nach zwei Tagen, dann ist schon ein wenig zu ruhig und langweilig, dann freuen wir uns wieder auf unsere zwei Kleinen.


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