bloß nicht

Ich bin in leichter Sorge. Um Albert. Was aus dem mal wird.
Als Autofahrer. Und als Mensch.

Wir kommen gerade vom Sonntagsspaziergang zurück. Gibt’s selten, aber nun mal gerade heute, und da heute Sonntag ist, ist es wohl ein Sonntagsspaziergang. Also, drei zu Fuß, einer inlinernd, einer dreiradelnd. Albert halt.

Und wenn ich eine Theorie über den Zusammenhang von menschlichem Charakter und Fahreigenschaften im öffentlichen Straßenverkehr hege – LKW-Fahrer und Wohnmobilfahrer scheinen dies zu belegen -, so blicke ich mit gewisser Sorge auf die charakterliche Zukunft Alberts.

Ich glaube, er wird ein Mittelspurfahrer.

Erst die Baumaßnahmen der letzten Jahre haben ein Menschenbild herausstellen können, dass zuvor so gesondert nicht zu beobachten war. Früher gab’s zwei Spuren. Eine für Schnelle, eine für Langsame. Eindeutig zuzuordnen waren Lastwagen (wenn sie halt nicht gerade überholen), Autos mit Anhängern, Senioren und ich: Die monatlichen Einkünfte eines Studenten reichten zu einem roten und leicht durchgerosteten Fiat Panda 45 – wobei die 45 in etwa für die Geschwindigkeit in km/h am Berganstieg stehen mochte. Noch zwei Mitfahrer im Auto, und die rechte Spur war fest gepachtet. Fuhr ein Lastwagen vor einem, der noch langsamer war als man selbst, harrte man – mangels Alternativen – geduldig auf eine deutliche Veränderung des Höhenprofils Richtung abwärts.Und freie linke Spuren. Denn da fuhren eigentlich die anderen. Die Autofahrer im eigentlichen Sinn. Mit richtigen Autos. Klar, es gab ganz schnelle, die mit Linksdauerblinken heranrauschten, vorbeizogen, zu einem Punkt wurden und eine Diskussion im Panda nach sich zogen, ob man nun einen Ford Capri, einen Opel Manta oder einen BMW nicht gesehen hatte. (Die Lastwagenmarken, die kannte man genau.) Aber es war auch die Spur von Passat, Kadett, Taunus und Audi 100, die wohl auch viel rechts fuhren, die mir aber immer nur links begegneten – beim Überholtwerden.

Heutzutage ist das anders. Man könnte ja die zusätzliche Spur als weitere Überholspur verstehen. Das würde schon den Verkehr etwas entspannen. Aber diese Rechnung ist ohne den Mittelspurfahrer gemacht worden, den eigentlichen König der Autobahn. Er hat die Mittelspur quasi zu seinem Eigentum gemacht. Er ist es, der hochherrschaftlich in the middle of the road einherfährt, mit souveränem um leicht gönnerhaftem Blick nach rechts und links. Dies ist seine Straße, er bestimmt das Tempo, und er kann es durchhalten. Rechts fährt das niedere Volk, und wenn das mal meint, den Mittelstreifen für einen Überholvorgang missbrauchen zu müssen, kann der Mittelspurfahrer gnädigerweise ja mal nach links ausscheren – auf seine Überholspur halt. Ähnlich wie die Wohnmobilfahrer treffen Mittelspurfahrer auch nicht mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aufeinander, da sie ein Universaltempo fahren. Auf diese Weise ist auch gewährleistet, dass sich nie zwei oder mehr Könige mit ihren Reichen ins Gehege kommen und das Gefühl der Alleinherrschaft einen Kratzer bekäme.

Wer ein anderes Vorstellungsbild vom Zusammenlaben auf der dreispurigen Autobahn hat und erstmal in der rechten Spur beginnt, um dann, je nach Überholnotwendigkeit und Geschwindigkeit, zwei Überholspuren hat, darf des Mittelspurfahrers wegen jetzt einen Umweg machen: Man fährt rechts, nähert sich dem langsamer fahrenden Mittelspurfahrer, setzt zum Überholen an (die rechte Spur mag frei sein, aber – regelkonform – wird nicht rechts überholt), findet sich auf der Mittelspur wieder, setzt zum Überholen an, überholt, wird mit einem Blick voller Gnade und Mitgefühl für dieses wohl irgendwie anrüchige Fahrverhalten oder Tempo gesegnet, schert rechts ein, vergewissert sich, dass niemand – regelungerecht – den Mittelspurfahrer rechts überholt, und schert nochmals rechts auf die erste Spur ein. Bis der nächste Mittelspurfahrer in Sichtweite kommt.

Das zum ausgewachsenen Mittelspurfahrer in freier Fahrbahn: Das Selbstverständnis des eigenen Lebens wird auf die Straße projiziert und ausgelebt. Ich sehe ihn vor mir: Wie er zuhause seine Pantoffeln im Flur sorgsam unter den Schrank schiebt, die Slipper anzieht, seine beige Sommerjacke in den Arm nimmt, zur Tür hinausgeht, sie zwei- oder besser dreimal absperrt, unters Carport tritt, den grünmetallic-Familienvan – den er nicht benötigt – per Funkfernbedienung öffnet, seine Frau einsteigen lässt, die beige Sommerjacke auf den Rücksitz legt, ganz vorsichtig, wie er einsteigt und den Motor anlässt, sich von der Frau aus dem Autoreiseatlas den Weg zur Autobahnauffahrt erklären lässt, bald auf die Autobahn einbiegt, die Mittelspur erreicht und innerlich zur Ruhe kommt, mit dem Gedanken, der Großteil der Reise wär ja nun schonmal geschafft.

Und Albert zeigte erste Tendenzen zum Mittelspurfahrer. Verkehrstechnisch, (noch) nicht charakterlich. Drei Fußgänger waren wir heute, mit wechselnden Geschwindigkeiten, in verschiedenen Konstellationen, umschwirrt von einem Inlinerjungen, kurvenschneidend, abbremsend, sich an Hände, Schultern, Hüften hängend – und in der Mitte Albert. Konsequent die Breite der Fahrbahn abschätzend in der Mitte, im Weg hier, im Weg da, vor unseren Füßen, durch die Beine, von hinten drängelnd.

mitte-2d.jpgOhoh. Ein Mittelspurfahrer.
Einzig die Konstanz in der Geschwindigkeit fehlt ihm noch.

Das gibt Anlass zur Hoffnung.

3 Antworten zu “bloß nicht”


  1. 1 wortteufel Juni 3, 2007 um 7:28

    Gebt die Hoffnung nicht auf, dass aus ihm ein anständiger Rechtsfahrgebotsbefolger wird. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

  2. 2 yulius Juni 3, 2007 um 7:30

    Danke. Ich bleibe zuversichtlich.
    Es geht halt schließlich auch um beige Sommerjacken und so.

  3. 3 Moritz Papa Juni 3, 2007 um 8:03

    Vielleicht wird er auch ein echter Linksspurfahrer mit dem entsprechenden Gefährt. Alles egal, hauptsache keine beige Sommerjacke, das wäre schon eine extrem grauenhafte Vorstellung penetranter Mittelspur-Mittelmäßigkeitslangeweile.


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