Herr Scheu hat Angst.

Ich glaube es wirklich:
Äußerlich sitzt er ruhig, sachlich an seinem Schreibtisch, in Konferenzen, vor Mikrophonen.
Innerlich hockt er unter dem Schreibtisch. Oder im Schrank. Oder unterm Bett.
Der Herr Scheu.
Herr Scheu hat Angst.

Getrieben von großen inneren Kräften brütet Herr Scheu jeden Tag über neuen Möglichkeiten, der Angst Herr zu werden. Wenn der Tag beginnt, kreist der erste Gedanke um die Gefahrenabwehr, so, wie Abfangjäger um entführte Flugzeuge kreisen. Wenn der Tag endet, suchen seine letzten Gedanken nach den Denkstrukturen der Angstmacher, so, wie in den Computern der Verdächtigen nach Daten gesucht wird.

Herr Scheu unternimmt viel. Jede Woche tritt er vor die Mikrophone, um neue Ideen zu präsentieren. Und die Zahl der Ideen nimmt gar kein Ende. Was man nicht noch alles tun könnte. Herr Scheu wäre ein unbeschreiblicher Gewinn für jeden Verein: Umtriebig, fürsorglich, gewinnend. Nahezu missionarisch. Mit Leib und Seele dabei.

Er ist aber nicht im Verein. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Wenn das Gebilde, dem er vorsteht, ein Verein ist, dann hat er jedenfalls eine Menge Mitglieder zu betreuen. Schwierig ist es allerdings, aus diesem Verein austreten zu wollen. Man ist eigentlich automatisch Mitglied.

Herr Scheu hat Mitstreiter. Vor Monaten hörte ich ein Radiointerview mit einem Politiker, das sich – wie oben angesprochen – mit der hypothetischen Frage eines Abschusses entführter Flugzeuge durch die Luftwaffe auseinandersetzte. Es war ebenso offensichtlich wie jetzt beim Herrn Scheu: Auch bei desem Politiker war echte Angst zu spüren, die reale Sorge um das eigene Leben, die wirkliche Gefahr für sich selbst.

Als quasi-Vereinsmitglied habe ich da in zwei Punkten Schwierigkeiten:
Erstens ist Emotionalität im Politikgeschäft ein gefährlicher Partner.
Nicht, dass ich erwarte, dass stets kühl, sachlich und nüchtern debattiert wird. Aber Angst als Basis der Entscheidungsfindung – das kann nicht gut gehen.
Zweitens geht es mir nicht so.
Es ist Tatsache: Ich habe keine Angst. Ich kann mir viele Gedanken machen, ich kann die Lage einschätzen, ich kann Warnungen hören – Tatsache ist und bleibt: Ich verspüre keine Angst. Da kann ich nichts machen. Ich habe keine Sorge um mein Leben.
Mag sein, dass die Terrorabwehr schon so gut angewendet wird, dass ich mich nicht elementar in Sorge befinden muss. Mag sein, dass mein grundsätzliches Gefühl schon wie selbstverständlich sowohl durch die Gesetzeslage als auch durch Präsens und Nichtpräsenz sichernder Kräfte geprägt ist – dass ich also nur zu diesem Urteil komme, weil schon so viel geschützt wird. Tatsache bleibt, dass ich keine Angst verspüre. Ich kann seine Angst nicht nachvollziehen.

Das Tragische ist: Herr Scheu meint es ja nur gut. Er will doch nur das Beste. Dass wir uns sicher fühlen. Dass wir ruhig schlafen können.

Herr Scheu kann es nicht.

4 Antworten zu “Herr Scheu hat Angst.”


  1. 1 kerstin Juli 9, 2007 um 10:17

    Herr Scheu tritt vor die Mikrofone? Das wage ich zu bezweifeln.

  2. 2 yulius Juli 9, 2007 um 10:20

    Gut, mein Fehler.
    Er fährt.
    (Und ich glaube, er hockt auch nicht so richtig.)


  1. 1 Grundgesetz « Trackback zu Juli 13, 2007 um 1:47
  2. 2 Rezension « Curriculum Trackback zu August 7, 2007 um 2:51

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