Herr Bisch geht auf die Siebzig zu. Man sieht es ihm nicht richtig an. Er scheint sich seit Jahrzehnten nicht zu verändern. So lange ich Herrn Bisch kenne, trägt er täglich einen Blaumann über seinem Hemd mit den hochgekrempelten Ärmeln, dazu Holzclogs. Sein braungebranntes Gesicht wird umrahmt von weißblondem Kruselbart und wenigen Locken um die Platte auf dem Kopf.
Herr Bisch ist häufig in seinem Garten.
Herr Bisch ist Frührentner.
Vor bestimmt dreißig Jahren hat Herr Bisch aus gesundheitlichen Gründen sein aktives Arbeitsleben beendet. War er bis dahin im wöchentlichen Wechsel auf Schicht im nahegelegenen Autozuliefererbetrieb, schied er ziemlich plötzlich aus. Die Gründe sind mir nicht bekannt. Es hat mich als Kind aber auch nicht weiter interessiert. Herr Bisch war nur immer präsent im Nachbargarten, wenn wir spielten, wenn wir aus dem Fenster guckten, wenn wir kamen oder gingen.
Anfangs glichen sich unsere Gärten noch. In dieser Gegend, die die sogenanneten Siedler in den Dreißiger Jahren größtenteils selbst angelegt und mit ihren kleinen Häusern bebaut hatten, haben noch viele Grundstücke die ursprüngliche Größe; bestimmt fünfzig Meter zieht sich die Fläche hinter dem Haus bis nach hinten, wo sie auf das entsprechende Ende des Grundstückes von der nächsten Straße trifft. Die erste Generation ist mittlerweile fast vollständig verschwunden. Die zweite belegt den Großteil der Siedlung, vereinzelt kommt die dritte Generation dazwischen, oder Grundstücke werden unterteilt und neu bebaut.
Herr Bisch hat noch einen großen Garten. Es ist sein Reich. Im Laufe der Jahre ist der Garten dicht und dichter geworden. Der Rasen ist gehegt und gepflegt worden, er leuchtet stets in frischestem Grün. Flora der verschiedensten Art hat in Herrn Bischs Garten ein Zuhause gefunden. Die Bewässerung wurde schon bald von einem tiefen Brunnen übernommen, bis nach unten gemauert, mit Winde und Holzeimer versehen, von einem Ziegeldach überdeckt. Wege wurden verlegt, nachdem die alten Betonplatten der Anfangszeit herausgerissen worden waren. Ein massives Metallgerüst in leuchtendem Rot diente der Aufhängung einer Schiffsschaukel, in der die zwei Nachbarsmädchen viel schaukelten. Ehrfurcht und leichter Neid bestimmten unsere Kinderblicke in den Nachbargarten. Die dortigen Kinder waren in gänzlich anderem Alter als wir, es gab eigentlich keine Berührungspunkte. Der Garten war im Grunde fremdes Land, von einem unsichtbaren Zaun aus Respekt umgeben.
Die Mädchen sind mittlerweile ebenso aus dem Haus wie ich, der ich nur zu elterlichem Besuchen wie früher auf der Terrasse stehe und in des Nachbars Garten schaue. Herr Bisch habe jetzt ein Gartenhaus gebaut, sagt mein Vater. Nicht so ein kleines, sondern mit reichlich Quadratmetern, einen Bauantrag und die Einwilligung des hinteren Nachbarn benötigend. Der Betonsockel sei wohl recht aufwendig und teuer gewesen. Massive Blockbauweise habe reichlich Holz gefordert. Das Dach habe entgegen erster Planung seiner Vorstellung nicht genügt, mittlerweile sei es bestimmt zehn Zentimeter dick gedämmt neu aufgebracht worden. Fließend Wasser und Strom seien zum Haus verlegt worden, ein neuer Weg schlängele sich dorthin. Eigentlich aber nutze er es nur zum Lagern diverser Baureste und Gartengeräte. An einer Seite lagere er reichlich Brennholz. Zwar habe er keinen Kamin, aber für den möglichen Gebrauch eines Feuerkorbs würde er das Holz brauchen.
Auch an der Garagenrückseite habe er einen Holzlagerplatz gebaut, breiter und tiefer als zunächst gedacht, auch hier mit gut gedämmtem Dach. Es kämen wohl noch zwei massive Türen davor. Davor sei irgendeine Anlaufstelle für die lästigen Schnecken. Jeden Abend zur selben Uhrzeit ginge er mit Taschenlampe zur Schneckenstelle und hantiere dort ein Weile herum.
Nun, sagt mein Vater nachdenklich, ständig ist er am Tun und Machen. Und das mit der Inkontinenz dazu, und das Schlappsein und das häufige Verschnaufen.
Die Nachbarn tuscheln schon ein bisschen. Bei Siedlungstreffen lächelt man ein wenig über ihn, den etwas sonderlichen Herrn Bisch.
Auch Frau Bisch klagt über ihn: Er sage immer, er müsse das machen, erzählt sie dann; und sie erwidere: Du musst nicht. Du willst.
Herr Bisch sieht das anders.
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