Mit mir ist es komisch, sagt Astrid Lindgrens Lotta in einer ihrer Geschichten, ich kann so viel!
Mit gesundem Selbstbewusstsein stapft sie durchs Leben, stellt fest, zu was sie alles in der Lage ist, und zieht ein hohes Maß aus Zufriedenheit daraus. Und wenn sie feststellt, dass irgendetwas nicht geht, kann sie halt fast alles. Auch nicht schlecht.
So eine Selbsteinschätzung ist Gold wert. Leider geht sie so manchem Zeitgenossen vollkommen ab. Ein kurzer Zapp in eine beliebige Castingshow präsentiert reihenweise Beispiele für maßlose Selbstüberschätzung. Mensch Leute, Selbstbewußtsein an sich ist ja okay, aber zieht ihr euer Selbst-wertgefühl daraus, was andere über euch sagen? Was andere von euch erwarten? Bemisst sich grundsätzlich Wert aus der Kritik, dem überhöhten Bild, der Illusion anderer, denen zugestanden wird, es geschafft zu haben? Das kann doch nur in die Hose gehen.
Wie wär es mal mit Selbstkritik?
Nun gilt Kritik – und somit auch der Kritiker – eigentlich durchweg als Negativum – ein großer Fehler. Der Begriff Kritik selbst ist vollkommen wertfrei und bezeichnet nur die Infragestellung an sich – d. h., eine Sache steht nicht fest, sondern wird hinterfragt. Ist ja grundsätzlich nicht schlecht. Aber Kritik muss doch immer mit dem Zusatz positiv versehen werden, wenn sie mal nicht negativ gemeint ist. Und Kritiker – ja, die kennen wir doch alle, oder? Ewig am Rummäkeln, finden immer irgendwas, woran sie etwas auszusetzen haben, stöhnen, klagen.
Häufig ist es ja auch so. Und wortteufel schrieb neulich zurecht über das Phänomen, selbst immer schnell solch ein Kritiker zu sein. Diese Umgangsform führt natürlich dazu, dass, wenn ein Kritiker etwas sagt, innerlich gerne gleich die Schutzmauer hochgeht und signalisiert, dass man selbst es besser wüsste.
Das kann ja auch sein. Muss es aber nicht. Wie wär’s mal mit oben genanntem Infragestellen? Kann ja was bei rauskommen. Wie will man denn zu einer vernünftigen Selbsteinschätzung gelangen, wenn das eigene Bild schon festgelegt ist?
Auf so eine dämliche Castingshow bezogen heißt das: Nicht jeder Kasper ist dafür geboren, auf den Bühnen der Welt die Menschen emotional aufzurütteln und ihnen ein Gefühl von Tiefe zu geben.
Und auch: Nicht jeder Juror ist dafür geboren, den wahren Blick für Qualität gepachtet zu haben, um diese dann der so sehnsüchtig wartenden Menschheit zuzuführen. Auch da wäre Selbstkritik mal angebracht.
Damit ist im Übrigen zu Castingshows eigentlich schon zuviel gesagt. Sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens wären da mal zu beleuchten, Politikerfuzzis, die mit ihren Äußerungen selbstverliebt den Nabel der Welt repräsentieren zu meinen, Radsportler, die ihre tatsächliche Leistung nicht als Wert, sondern als ein Defizit verstehen, das es mit Hilfsmitteln auszugleichen gilt, Filmschauspieler, die mit ihrem schauspielerischen Vermögen nicht hinterfragen, sondern Klischees erfüllen, um den Zuschauer an sich ins Kino zu holen.
Ich frage mich: Ist man dann tatsächlich zufrieden? Kann man abends zufrieden schlafen gehen? Mag man mit gutem Gefühl in den Tag starten?
Ich weiß, was ich nicht kann. Manches habe ich gelernt. Manches habe ich eingesehen. Ich hätte mir durchaus andere Wege vorstellen können, aber ich bin froh, froh zu sein mit dem, was ich wirklich kann. Nicht zu vergessen ist nämlich, dass man vieles ja durchaus lernen kann. Der Mensch ist ja in der Lage, seine Fähigkeiten zu erweitern. Allein die Frage des Umfanges sollte stets im Blick bleiben. Lotta merkt auch, das sie nicht alles kann: Alles außer Slalom, stellt sie fest. Also übt sie, denn so unheimlich schwer kann das ja nicht sein. Zuerst fährt man in die eine Richtung und dann in die andere und die ganze Zeit über wedelt man mit dem Po. Mit dem Po wedeln kann ich überhaupt schon, dachte sie und probierte eine Zeit lang aus, wie gut sie es konnte.
Solche Art von Selbstkritik und Selbsterkenntnis kann durchaus schon früh beginnen.
Albert sah gestern ein Paket im Flur liegen und machte sich daran zu schaffen.
Bitte lass das Paket, sagte ich, das soll noch weggeschickt werden.
Ich will das aber lesen, sagte Albert.
Gut, sagte ich, dann lies es, aber lass es bitte liegen.
Aber, sagte Albert und verharrte kurz, aber … ich kann gar nicht lesen!
Dann les ich dir das vor, ja? sagte ich.
Und Albert sagte: Okee.
Schön und wahr.