Kleine Nachtmusik

Es gibt so Rituale. Abends wird Albert für das Bett fertiggemacht, dann wird vorgelesen, dann gesungen. Von ziemlich klein an kennt er das so, so muss es sein. Stimmungsschwankungen und vermehrtes Selbstbewusstsein verändern immer mal kurzzeitig den gewohnten Ablauf, nach ein paar Tagen reguliert sich das wieder.
Jetzt haben wir offensichtlich gerade die Phase des vermehrten Verstehens.

Also, alles geht seinen gewohnten Gang, Albert kommentiert gelegentlich die Geschichte und die Bilder und ergänzt eigene Gedanken. Dann wird gesungen. Vor kurzem ging der Wechsel vom Lesen zum Singen mit einer halbseitigen Drehung Alberts einher, vom Schoßsitzen zum die-Arme-um-den-Hals-Legen- und Kuscheln.
Neuerdings bleibt er sitzen.
Das hätte mich stutzig machen sollen.

Ich singe also so wie immer, nicht ganz konzentriert, eher vertraut und mit gewisser Routine, aber durchaus ernsthaft. Welche Kartoffel? fragt Albert plötzlich. Ich gucke ihn an, singe aber erst mal weiter. Welche Kartoffel? fragt Albert mit etwas erhobener Stimme. Was für Kartoffel meinst du? frage ich. Die Kartoffeln da! behauptet Albert. Ich überlege angestrengt und schnell, bemüht, die traute Stimmung nicht zu zerreden, seinem Bedürfnis nach Information aber nachzukommen. Ach, denke ich, das Lied! Schlaf, Albert, schlaf nur ein, bald kommt die Nacht, hat sich aus Wolken Pantoffeln (!) gemacht. Das meint er! Nicht Kartoffeln, Albert, Pantoffeln sind das, sage ich. Habe aber keine Pantoffeln, sagt Albert und zeigt auf seine nackten Füße. Nein, die Nacht macht sich Pantoffeln, sage ich und merke schon, dass das schwierig werden kann, aus Wolken. Albert bewegt seine Füße. Habe keine Wolken, sagt er. Nein, die Nacht, sage ich. Wo ist die Nacht? fragt er. Draußen, sage ich, draußen macht sich die Nacht Pantoffeln. Aus Wolken, füge ich müde hinzu.
Albert scheint es jedoch erst einmal zu genügen. Mhmh, murmelt er und betrachtet ein wenig abwesend weiter seine Füße. Ich kann keine Pantoffeln aus Wolken haben, sagt er noch.
Immerhin ist die Kartoffelfrage gelöst.
Kommt aus den Bergen, kommt von ganz weit, schlaf, Albert, schlafe ein, s’ist Schlafenszeit singe ich weiter. Albert sitzt wieder ruhig da.

Weiter geht es mit der zweiten Strophe. Welches Kind? fragt Albert mittendrin. Ich repetiere innerlich schnell den gesungen Text, vom Mond hinter den Birnbäumen, von denen einer ihn sanft - ah, da haben wir’s - am Kinn kitzelt, so dass er lächelt. Am Kinn, Albert, sage ich, der Birnbaum kitzelt ihn am Kinn, nicht am Kind. Wo ist das Kinn? Albert guckt mich an. Weiß nicht, wo ist der Mond? Wo kitzelt der? Wo ist der Birnbaum? Also, weitersingen ist nicht, jetzt muss auch dieser Sachverhalt erst genau geklärt werden.
Schließlich weiß Albert, wo das Kinn ist, wo der Mond nicht ist (nicht drinnen, der Mond), wie er gekitzelt wird und das er lächelt. Im Gegensatz zu Albert, der lauthals loslacht, als ich ihn sanft am Kinn kitzel. Mit dem Zurruhekommen ist das etwas schwierig heute.

Die dritte Strophe schließlich, in der Albert, bis ihm der Morgen die Augen aufmacht, auf dem Traumschiff ans Ende der Nacht fahren soll (was ist ein Raumschiff, Papa?), setzt ein erneutes kleines Seminar in Gang, in dem sich beide Seiten gegenseitig auf ihren Wissensstand und ihre Sicht der Dinge bringen.

Hat sich eigentlich schon mal jemand Gedanken darüber gemacht, was für schwierige Gedanken in Kinderliedern stecken? Zumal in Schlafliedern, Liedern also, die am Ende eines langen und erfüllten Tageswerkes die lieben Kindelein selig und behutsam in die Ruhe der Nacht geleiten sollen!
schlaflied.jpgDa ist man also, schon kraftlos der Vater, stark angemüdet das Kind, zu später Stunde noch unverhofft in der Abendschule, erweitert das Wissen, schult den Geist.

Und doch ist es ein so wunderbares Lied.

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(Fortsetzung folgte…)

8 Antworten zu “Kleine Nachtmusik”


  1. 1 wortteufel August 9, 2007 um 3:01

    Guten Abend, gute Nacht,
    Mit Rosen bedacht,
    Mit Näglein besteckt,
    Schlupf unter die Deck’
    Morgen früh, wenn Gott will,
    Wirst du wieder geweckt.

    Jedes Mal habe ich mir die Gedanken als Kind gemacht, was dieses Lied wohl bedeuten mag. Die Erklärungen meiner Mutter oder Oma klangen in meinen Ohren so fadenscheinig, dass ich mir fest vornahm es herauszufinden, wenn ich größer sei.

    Oder wenn Gott will, dass ich überhaupt wieder aufwache…
    Was mich übrigens ernsthaft an der Gutmütigkeit dieses Gottes hat zweifeln lassen.

    Furchtbar, diese Kinderlieder.

  2. 2 Antje August 10, 2007 um 12:52

    Und ich habe immer gehört:
    … mit Nelken besteckt …
    wenn meine Mutter mir das Lied zum Einschlafen gesungen hat.
    Ist ja auch viel schöner :-)

  3. 3 Antje August 10, 2007 um 12:54

    Aha: http://www.heinrich-tischner.de/22-sp/9sp-ecke/fragen/2004/naglein.htm

    So falsch scheint das ja auch nicht gewesen zu sein.

  4. 4 wortteufel August 12, 2007 um 2:08

    Wieder ein Kindheitsmysterium entschlüsselt!

  5. 5 Ami September 8, 2007 um 7:56

    mir fällt dazu das axel hacke buch ein: “der weisse neger wumbaba”.

    aus dem lied….”der wald steht still und schweigend und aus den wiesen steiget, der weisse NEBEL WUNDERBAR.”

    ich konnte und kann meinem sohn bis heute nicht dieses lied vorsingen, ohne an dieser stelle jedesmal lachen zu müssen. es scheint nicht nur kinder so zu gehen, mit diesen “verhörern”.

  6. 6 yulius September 8, 2007 um 8:10

    Und wie Axel Hacke feststellt: Das Verhören bereichert das Leben!
    (Wenn auch vielleicht nicht jedes Leben unbedingt abends beim Zubettbringen bereichert werden will…)

  7. 7 Frau Antonmann September 8, 2007 um 9:19

    Den Hacke Axel, den haben wir auch im Billy stehen. Ich liebe den kleinen Erziehungsberater.

  1. 1 Kleine Nachtmusik II « Curriculum Trackback zu März 18, 2008 um 8:46

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