Ich singe

Ein großes Tabu scheint das Singen zu umgeben. Nichts scheint so sehr mit der Persönlichkeit verbunden zu sein wie die singende Stimme; nicht sprechen, nicht schreiben, nichts.

Die Extreme im Umgang mit der eigenen Singstimme sprechen für sich. Auf der einen Seite gibt es die Nichtsingenden. Die, die gar nicht singen können, die nur unter der Dusche singen, wie es immer heißt. Die ihre Singstimme peinlich finden.
Ihre Sprechstimme nicht. Sprechstimmen sind immer irgendwie, sanft, streng, hart, flach, nasal, eng, voluminös, hauchig, brüchig, scharf, warm. Hört man die Sprechstimme, urteilt man nicht darüber, nimmt sie vielmehr hin wie das visuelle Gegenüber, das Auftreten, den Wortinhalt.
Dabei würde die Singstimme kaum anders klingen, grundsätzlich. Eigentlich ändert sich nur der Umgang mit der Tonhöhe, sie wird konstanter gehalten. Natürlich gibt es viele Techniken, die man im Umgang mit seiner Stimme lernen kann, um gewünschte Tonhöhen ohne gesundheitliche Folgen und im Dienste eines schöneren Klanges zu erreichen. Aber allein die Verwendung einer Tonhöhe anstelle des sprachlich bedingten Tonhöhenverlaufs scheint ein großes Hemmnis zu sein.

Nur nicht für das andere Extrem, die andere Seite der Medaille: Den sich die Seele aus dem Leib singenden Halbwüchsigen. Keine Castingshow ohne Jugendliche, die nicht anders können, als ihrem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Indem sie ihre Stimmbänder quälen. Ohne Rücksicht auf den Zuhörer werden hier Emotionen ausgelebt. Und man kommt doch dem Gedanken nahe, dass das ausschließliche Singen unter der Dusche möglicherweise doch nicht so falsch ist.

Dabei gibt es doch so viele Mittelwege. Dem Kinde ein Lied vorzusingen ist schon mal nicht falsch. Das Kind gibt ja auch einen recht unverfänglichen Zuhörer ab, da fällt’s leichter.
Oder man singt in einer Gruppe. Gut, auch da gibt es verschiedene Extreme: Der Shantychor am einen Ende ist sicher zu einem Großteil auch Gruppenerlebnis als solches, mit ein bisschen selbstgemachter Stimmung. Und der Profichor mit gewerkschaftlich geregelten Pausen am anderen Ende mag wohl auch für die Allgemeinheit ein bisschen fern liegen.
Aber dazwischen gibt es Felder, die überaus reizvoll sein können.

Wenn man einmal in einem großen Chor, nach reichlich Probenzeit, auch einer Menge Erfahrung, in einem vollen Konzertsaal hinter einem Profiorchester steht und Brahms singen darf,pic003.jpg Phrasen ausformt, in der Gruppe einen Klang entwickelt, die Musik atmet, im Einklang mit den Umgebenden Konsonanten abspricht, quasi Teil eines Instrumentes wird und das Gefühl hat, mittendrin im Klang zu sein, in der Musik – dann fragt man sich schon: Warum ist Singen eigentlich ein Tabu?

8 Antworten zu “Ich singe”


  1. 1 stilke Oktober 17, 2007 um 12:56 Uhr nachmittags

    warum es das ist, weiß ich auch nicht… aber es sollte keines sein. schließlich sind die ersten babylaute ja auch irgendwie “gesang” (zumindest für mama und papa)- oder?

  2. 2 wortteufel Oktober 17, 2007 um 4:42 Uhr nachmittags

    Vielleicht, weil die Geräusche die dabei rauskommen, sehr quälend für das Publikum sein können - und das Publikum dies auch sehr schnell anmerkt. Die Hemmschwelle steigt sozusagen mit jedem gesungenen Ton und der darauf folgenden Rezension.

    Als Tochter einer Altistin sind mir Töne nicht fremd und Singen war nie ein Tabu. Aber die gesunde Selbsteinschätzung ist im Laufe der Jahre so überzeugend geworden, dass die Dusche mein größter und einziger Fan ist und auch bleiben sollte.

    Hemmungen habe ich nicht – nur viel Rücksicht.

    Habe Teil 2 des Starschnitts gespeichert udn warte auf den Rest

  3. 3 yulius Oktober 17, 2007 um 6:25 Uhr nachmittags

    @wortteufel: Ist das mit dem Avatar nicht bereits Teil 3?

    Ansonsten: Nix gegen gesunde Selbsteinschätzung!

  4. 4 wortteufel Oktober 17, 2007 um 7:14 Uhr nachmittags

    Habe ich wirklich einen Teil verpasst? Oh je, ich verzweifel!
    Aber der Mund passt auch nicht wirklich zu den Augen. Ich erbitte also einen echten Starschnitt.

  5. 5 Ingrid Oktober 17, 2007 um 8:04 Uhr nachmittags

    ja, ich singe auch, und das nicht nur im Chor .Mein fast 2 jähriger Enkel wartet schon darauf, dass ich die alten Kinderreime und Liedverse, die meist nur kurz und einprägsam sind, wie ” auf unsrer Wiese gehet was ” oder “Laterne Laterne, Sonne Mond und Sterne “. vorsinge.
    Auch wenn ich sie 100 mal wiederholen muss, ist es eine Freude , in seine leuchtenden Augen zu blicken und die Heiserkeit in Kauf zu nehmen.

  6. 6 yulius Oktober 17, 2007 um 8:38 Uhr nachmittags

    @wortteufel: Es wird eine kleine Bastelarbeit, die fertiggestellt aber einen Eindruck vermittelt kann!

    @Ingrid: Richtig so!

  7. 7 Ami Oktober 17, 2007 um 8:46 Uhr nachmittags

    ich glaube singen ist unglaublich intim. da kehrt man sein innerstes nach aussen. ging mir jedenfalls so. da kann man sich klasse blossstellen…. ich hab auch so einen singknall. obwohl ich in zig chören gesungen habe.

  8. 8 Manu Oktober 23, 2007 um 4:19 Uhr nachmittags

    Ich liiiiebe es, wenn mein Liebster mir irgendwas singt… und er macht das auch ganz gern, aber nur, wenn wir zu zweit sind.

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