Mein Lieblingssatz

Zubettbringen.
Ein Vorgang voller Rituale.
Albert braucht das. Eine feste Grundform, an der nicht gerüttelt wird, dazu gelegentlich kleinste Veränderungen, die im Laufe der Zeit an Bedeutung gewinnen können, wobei sich andere Elemente langsam ausblenden. Ganz faszinierend.

Im Moment besonders im Fokus: Der letzte Schritt. Albert liegt bereits im Bett, das Licht hat er bereits ausgemacht, er ist zugedeckt, er hat seinen Teddy im Arm, er räkelt sich und mummelt sich schön ein. Ich flüstere die vertrauten Dinge, er möge etwas Schönes träumen, ich freute mich schon auf den nächsten Tag, er habe es so schön kuschelig, er möge eine gute Nacht haben.
Wohliges Brummen ist die Antwort.

Und dann: Noch kuscheln, Papa.
Klar, sage ich, knie mich vor das Kinderbett (wobei ich mir gelegentlich ein Knie am Bettrand anschlage), taste mich vorwärts, spüre in meiner linken Seite die Ecke des Nachttisches und werde fest umschlungen.

Ein Seufzer. Wohlig.

Der Nachttisch drückt immer noch.
Macht nichts.

Und dann:
Papa?
Ja? sage ich.
Du musst noch sagen: ‘Weißt du, was mein Lieblingssatz ist?’.
Ich sage: Weißt du, was mein Lieblingssatz ist?
Und dann sagt Albert:
Ich lass dich nie…mals … los! Mit wirkungsvollen Pausen zwischen den letzten Silben.

Das hatte er mal gesagt. Und ich habe geantwortet, dass das wunderschön sei. Und nach ein paar Malen hatte ich gesagt, das sei mein Lieblingssatz. Jetzt ist er mittlerweile fest im Ritual verankert.

Ja, sage ich, das ist mein Lieblingssatz.
Und dann hält er mich in seinem Arm.
Und lässt mich niemals los.

Ich habe inzwischen etwas Probleme mit der Atmung. Meine Nase, sowieso schnupfengeplagt, sucht intensiv nach einer Lücke zwischen Schlafanzugpulli, Decke und Teddy.
Meine Knie beginnen zu schmerzen, auf dem Holzfußboden.
Die Nachtischecke wird nicht angenehmer für die Seite.
Mein Rücken macht sich bemerkbar.

Ich denke: Wenn jetzt jemand reinkäme und das Licht anmachte, würde, was er sähe, schon reichlich merkwürdig aussehen, so ein großer kopfloser Mensch auf Knien mit durchgebeugtem Rücken, der leise schnaufend versucht, Luft zu bekommen.

Aber irgendwann macht Albert die Klammer einfach auf.
Zieht die Decke richtig über sich.
Und brummt nochmal.

Gute Nacht, flüstere ich, schlaf gut.

Und dann geh ich raus.
Mit dem Geruch seines Pullis in der Nase.
Und meinem Lieblingssatz im Kopf.

8 Antworten zu “Mein Lieblingssatz”


  1. 1 Frau Antonmann Februar 21, 2008 um 9:50

    An mein Herz Herr Albert. An mein Herz Herr Yulius.

    :)

  2. 2 jette Februar 21, 2008 um 10:29

    Auch wenn’ s Knie weh tut und die Atemluft knapp wird - das ist sehr, sehr schön!!

  3. 3 wortteufel Februar 22, 2008 um 9:25

    *seufz*

  4. 4 Manu Februar 22, 2008 um 9:58

    Find ich auch… schnüff…

  5. 5 Moritz Papa Februar 22, 2008 um 9:34

    Wunderbar!

  6. 6 fuchsclan Februar 23, 2008 um 8:05

    Genau SO, macht es meine Mittlere auch: “Mama, bitte nochmal Liebhaben” - dann umschlingt sie mich mit Ihren Armen und drückt mich so fest, dass der Atem weg bleibt. Bei uns dauert es immer ein wenig, bevor sie den Griff wieder lockert *g*
    LG Petra
    http://fuchsclan.wordpress.com

  7. 7 bienenkönigin Februar 26, 2008 um 11:42

    das ist so schön und so wahr und so gut geschrieben.

    bei dieser gelegenheit sag ich auch hier mal “piep” (http://bienenkoenigin.blogspot.com/2008/02/piep.html). achja: und endlich verlinkt!

  8. 8 yulius Februar 27, 2008 um 7:35

    (Danke allerseits.)

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