Die Liebe zum Publikum

Was wünscht man sich mehr! Man hat noch Karten für das begehrte Konzert gekriegt, einen guten Platz im Publikum gefunden, ganz vorne an der Bühne, die Musiker genau im Blick, das Konzert beginnt, der Sound ist gut, schnelle Nummern wechseln mit langsamen, der Funke zwischen Bühne und Publikum ist übergesprungen. Und dann auch noch: Die Musiker nehmen direkten Blickkontakt auf mit einem auf. Und was für Blicke! Immer wieder, fast, als werde er zielstrebig gesucht.
Das wünscht sich doch der wahre Fan von seiner Lieblingsband! Nicht abgehoben auf dem Olymp, unnahbar, sondern verbindlich, vertraulich, direkt.
Von daher kann ich mich nicht beschweren.
Darüber, wie es war.
Gestern.
Im Sinfoniekonzert.

Ich muss zugeben, ich war anfangs ein wenig irritiert. Ich hatte nun eine der wenigen Restkarten ergattert, einen Platz - zwar außen links, aber nicht mal schlecht - in der dritten Reihe zugewiesen bekommen, das großbesetzte Orchester auf seinen Platz marschieren lassen und der hervorragenden Musik gelauscht.
Bis einer der Hornisten Blickkontakt mit mir aufnahm. Er beugte sich - ich saß ja nun seitlich - extra etwas vor und schaute mich über die doch einige Meter währende Strecke hinweg an. Mit einem Blick voller Liebe.
Ich schluckte erstmal. Und sah sofort weg. Und wieder hin. Er schaute weiterhin. Voller Liebe. Mit leichtem Minenspiel. Wissend, irgendwie. Ich sah wieder weg. Und wieder hin.
Die Musik trat erstmal ein bisschen in den Hintergrund. Nach einer Weile musste ich wieder hinschauen. Diesmal musste er zum Glück spielen. So hatte ich Gelegenheit, ihn ein wenig zu studieren. Also ein Hornist, natürlich in feinster Konzertgarderobe, etwas rundlich, schon leicht graues Haar, durchaus sympathisches Erscheinungsbild, gutmütig wirkend.
Der Einsatz war vorbei, die Geigen übernahmen das lyrische Thema, trieben es in höhere Lagen, und der Hornist hatte wieder die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen.
Mit der Dame direkt vor mir. Wurde mir schlagartig klar.
Die ersten beiden Sitzreihen im Konzertsaal sind dort ebenerdig angebracht, die dritte - meinige - etwa eine Treppenstufe erhöht. Auf diese Weise blickte ich stets geradewegs über die Frisur besagter Dame hinweg in die Augen des Musikers. Ich bemerkte jetzt auch etwas Bewegung bei der Dame, eine leichte Unruhe, die stets dann noch zunahm, wenn der Blickkontakt hergestellt war.
Was für Blicke! Voller Liebe, Sehnsucht, Zärtlichkeit! Nicht gelogen. Liebe, über ein paar Meter getrennt und doch so nah, mit unsichtbarem Band verbunden, mit passendstem Soundtrack dazu. Unglaublich.
Den Rest des Abends bemühte ich mich, nicht die Horngruppe ins Blickfeld zu nehmen (es gelang nicht immer, aber im Großen und Ganzen ganz gut). Denn: Liebende soll man ja nicht stören.

4 Antworten zu “Die Liebe zum Publikum”


  1. 1 wortteufel April 18, 2008 um 10:54

    *seufz*

    Was wurde denn gespielt?

  2. 2 yulius April 18, 2008 um 11:32

    Oh nein, das überlasse ich der Phantasie!! ;)
    (Musik kann man sich doch vorstellen!)

  3. 3 wortteufel April 18, 2008 um 1:57

    Ach, was schade. Hätte gern gewusst, mit was der Hornist die Frau in Wallung gebracht hat ;)

  4. 4 amidelanuit April 26, 2008 um 8:16

    ich war ja eine zeit mit einem orchestermusiker zusammen und verheiratet. und ich sach ihnen mal im vertrauen: was die jungs im orchester während 3 sätzen sinfonie an damen im saal klarmachen für den anschliessenden abend und die nacht - sie würde erbleichen vor neid. oder auch nicht. aber zumindest wären sie sehr sehr sehr erstaunt:))

Eine Antwort hinterlassen