Ich muss schmunzeln. Da beugt sich der Mann zwei Plätze weiter, kaum dass das Orchester ein einstimmiges H spielt, ein bisschen zu seiner Sitzpartnerin herüber und flüstert zwar leise, aber dennoch unüberhörbar, nur ein Wort: Diva.
Recht hat er.
Diva.
Deshalb sitzen wir doch alle hier, oder?
Wer kennt schon die Geier-Wally, diesen Heimatroman aus einer längst vergangenen Zeit? Und wer hört schon die Werke eines Alfredo Catalani, Komponist des mittlerweile vorletzten Jahrhunderts? Das Buch war populär in seiner Ära, der Komponist hingegen erfuhr niemals so richtig große Anerkennung.
Aber ich sitze in diesem Konzert. La Wally von Catalani gibt’s. Und ich musste hin. Musste mehr erfahren von diesem Werk, von dem ich nichts kannte, nichts außer dieser Arie.
Rückblick: 1981 dreht Jean-Jacques Beineix den Kinofilm Diva – ein wunderbarer Film mit tollen Bildern, atmosphärischer Dichte, extrovertierten Charakteren – und wunderbarer Musik. Worum es geht? Um den leicht verklemmten Postboten Jules, korrupte Polizisten und asiatische Sonnenbrillenträger, dazu um Fabrikhallen, Tonbänder, Puzzle, französisches Baguette, Leuchtürme und – natürlich – um eine Sängerin mit dieser Arie, dieser Arie aus Catalanis Oper.
Ich habe beileibe nicht die Kinoanfänge dieses Films mitbekommen. Aber irgendwann wurde ich hellhörig. Immer wenn ich im monatlichen Kinoprogramm blätterte, lief in einem Programmkino am Samstag gegen 23 Uhr Diva. Jeden Samstag. Und zwar Jahre nach der Kinopremiere. Ein Freund sah sich den Film dann an. Und sagte nur, nächsten Samstag müsse ich mitkommen. Und so wurde ich infiziert. In den nächsten Monaten und Jahren ging man immer mal samstags in Diva, vereint mit Gleichgesinnten, mal vielen, mal wenigen. manchmal nahm man Andere mit, infizierte sie. Wunderbar.
Natürlich gab es Veränderung. Insgesamt schmolz der Publikumszuspruch. Aus dem Wochenrhythmus wurde ein Zweiwochenrhythmus, irgendwann lief der Film nur noch monatlich. Irgendwann tauchte er gar nicht mehr regelmäßig auf. Aber das nach Jahren, Jahren mit einem dankbaren Publikum.
Ich habe den Film seitdem einmal wieder gesehen, im Fernsehen. Vor Augen ist er mir trotzdem, ich hab die Bilder im Kopf, die Typen vor Augen, die Musik im Ohr.
Und nun: Catalanis Oper dort, wo sie hingehört. In voller Länge. Ich bin gespannt, auf Alles, was dort kommen mag. Ich erlebe eine kurzweilige Oper, vier Akte von überschaubarer Länge, dramatische Zuspitzungen, reichhaltige Klangfarben, atmosphärische Schilderungen der Kargheit und des Eises. Und dennoch tritt dieser Moment am meisten hervor: Das Orchester spielt ein einstimmiges H und innerhalb eines Sekundenbruchteils weiß ich, was nun folgt, noch bevor besagter Mann sich vorbeugt und sein Diva flüstert. La Wally singt ihr Lied.
Nun gut
ich werde fortgehn
weit wie das Echo einer Kirchenglocke
dort in den Schnee
den weißen
dort in den goldnen Dunst
dorthin
wo meine Hoffnung nur noch Leiden ist
und Schmerz …
Und aufrecht sitze ich, sitzen wir, hören die Arie, und es laufen Schauer über den Rücken. Das ist sie. Die Arie. In Wirklichkeit.
Und man erkennt, Zusammenhänge, Motivwiederholungen, Aufgriffe, Steigerungen. Mittlerweile bin ich ein Fan dieser Oper geworden, habe eine CD erworben und lasse mich regelmäßig auf das Werk ein. Ein Werk, das noch soviel mehr bietet als nur eine Arie. Aber natürlich von dieser Arie bestimmt wird. Die Arie der Diva.
Lauschen Sie.
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