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Finger

So alt bin ich, Papa, verkündet Albert und streckt mir seine Hände entgegen.
Wir sitzen im Auto und sind auf dem Weg zum Einkaufen. Mühsam streckt er die Zeige- und Mittelfinger, soviel erhasche ich beim kurzen Seitenblick.
Und so alt werde ich, fügt er hinzu. Es dauert ein paar Sekunden, dann sind auch noch die Ringfinger gestreckt.
Du meinst sicher nur eine Hand, oder? frage ich.
Nein, er meint schon beide. Ist auch okay.
Und wie alt bist du? fragt er.
Ich, sage ich, ich bin so alt, das kann ich nicht mit einer Hand zeigen. Also, ich bin so (ich halte ihm eine Hand mit ausgestreckten Fingern hin und mache sie wieder zur Faust) und so (wieder strecken, wieder Faust) und so und so… Weiter komm ich nicht. Weil Albert lacht.
Guter Witz offensichtlich, so alt zu sein.
Doch, ehrlich, sage ich.
Albert nimmt’s so hin. Er denkt schon wieder an etwas anderes.
Wie macht der Junge von dem Vater mit der Bahn? fragt er und versucht einen weiteren Finger zu strecken.

Ich weiß, was er meint. Tags zuvor hatte ich bei den Großeltern von einem Kind von Bekannten erzählt, und Albert will das nochmal genau hören. Ich wusste gar nicht, dass er es überhaupt mitbekommen hatte. Das besagte Kind hatte bei einem verwandtschaftlichen Zusammentreffen auf die Frage, wie alt es sei, geantwortet, es sei so alt - wobei es vier Finger zeigte -, aber wenn es mit Papa mit der Straßenbahn führe, sei es so alt - wobei es drei Finger zeigte.
Folgsames Kind. Der Vater war daraufhin etwas rot geworden.

Albert findet es, als ich es ihm jetzt nochmal erzähle, nicht sonderlich merkwürdig. Zahlen sind halt relativ. Und warum die Finger mit dem Alter zusammenhängen, ist schon an sich etwas komisch.
Ich mache dann noch den Fehler, den “wahren” Spruch aufzusagen, der mir von früher wieder in den Sinn kommt, obwohl ihm die Zahlen wahrscheinlich sowieso nicht viel sagen:
Also, Albert, hör mal genau zu:
Zehn Finger habe ich an jeder Hand. Fünfundzwanzig an Händen und Füßen.

Woraufhin Albert ganz entrüstet guckt.
Stimmt aber nicht, sagt er.
Doch, ist wahr, sag ich, das stimmt wirklich!
Nein, sagt er, an den Füßen hast du keine Finger.

0110100010.jpg

nur kurz

rote-nase.jpgWenn ich sage, ich bin heute immer noch weiß im Gesicht und ich hab immer noch meine rote Nase;

wenn ich sage, ich bin ein wenig wackelig heute und mein Kopf dröhnt so;

wenn ich sage, ich habe gestern dauernd so buntes Krams in mich reingeschmissen und ansonsten nur getrunken, was das Zeugs hält;

und wenn ich dann noch sage, ich habe mit Karneval, Fasching und ähnlichem nix am Hut -

dann wissen Sie, dass ich momentan eine Grippe habe.

Hoffentlich sind die ollen Tage bald vorüber…

['Aenekn]

Das Fieber hat nun auch bei Jack zugeschlagen.
Nicht, dass er Fieber hätte, nein. Vielmehr ist er im Fieber.
Auf mir unerklärliche Weise und rational nicht fassbar schwappt offensichtlich regelmäßig eine Welle über die Kinder dieser Welt. Eine Welle, die eine Begeisterung nach sich zieht, die vorher nicht stetig gewachsen war, sondern urplötzlich aus dem Kinde hervorbricht. Die Begeisterung für Star Wars.

Es ist nicht so, dass ich glühender Verfechter dieser Filmreihe bin und seit Jahren meinem Nachwuchs predige, welche Tiefen des Universums sich bei genauem Studium eröffnen. Gut, ich habe - im Fernsehen - Teil IV bis VI und vor ein paar Jahren auch Episode I und II gesehen - Teil III habe ich entweder verpasst oder er lief noch gar nicht öffentlich. Es war auch wirklich immer okay. Aber eben nicht mehr.

Nun bricht also unvermittelt das Star Wars - Fieber aus. Und man stellt fest: Nicht nur das eigene im offensichtlich relevanten Alter stehende Kind ist angefallen worden, nein, auch die Gleichaltrigen im Umfeld scheinen widerstandslos der Begeisterung erlegen zu sein. Faszinierend.

Nun wird das ganze Imperium noch etwas gefiltert:  Das Kind sieht die ganze Welt etwas verschoben durch die Lego-Brille. Lego hat einen reichhaltigen Bestand an Flugkörpern, Charakteren und Materialien aus der Star Wars - Welt in viereckige Bausteine zum Zusammenklicken gegossen. Auch das Computerspiel bewegt sich per Legomännchen durch eine Legowelt, nicht schlecht gemacht. Erst nach und nach gewinnt Jack nun Einblick in den filmischen Epos, schrittweise darf er sich in das Universum vorwagen. Immer wieder nett ist dabei zu beobachten, von wo er sich der Sache nähert: Sieht er das erste Mal dann filmischen Anfang, stellt er belustigt fest, dass das mit der Schrift und dem Text, der da vorweg läuft, genau wie in echt aussieht. Wie im Legocomputerspiel halt.

Seine grundsätzliche Gabe, in einer beliebigen Situation unvermittelt eine Feststellung, eine Frage oder eine Beschreibung aus seiner Gedankenwelt in den Raum zu stellen, kombiniert mit meiner nicht dermaßen stark Star Wars - geprägten Welt, führt zu einem wiederkehrenden Phänomen: Jack sitzt wahlweise im Auto, am Tisch oder sonstwo und sagt einfach so was wie: Papa, wenn die Imperalen beim großen Schiff mit dabei sind, dann ist einer davon auf jeden Fall Anakin. Und … Dann folgt, vielleicht etwas nachdenklich, der nächste Gedanke hinterher.
Und bei mir setzt automatisch immer wieder die gleiche Weltenöffnung ein, eine kleine, recht unbedeutende, nicht ausformulierte Welt, aber eine andere.
Jack spricht von Anakin. Ich hab heute mal nachschauen müssen, wie der sich denn genau schreibt.
Ich höre immer Änneken.
Und dann denk ich: Jaja, das Änneken. Das kannte ich schon, als es noch soo klein war.
Oder: Damals, im Krieg, dein Großvatter und ich, und dat Änneken naürlich, wir mit’nem Bollerwagen, wat war dat für Zeiten.

der-grose-bollerwagen.jpgNicht, dass ich das je so gehört hätte. Aber die Assoziation beim Klang von ['Aenekn] scheint doch bei Jack und mir grundverschieden zu sein.

Das Änneken hätte auf jeden Fall im Weltraum so seine liebe Müh.

Ich rieche.

Also, aktiv. Ich rieche aktiv. Wahrscheinlich rieche ich auch passiv, ich hoffe allerdings, nicht zu unangenehm. Aber merkt sonst auch kaum jemand, das Geruchsinternet hat sich ja noch nicht durchgesetzt.

Das Geruchskino sollte ja mal ganz groß aufgezogen werden. Ich bin schon froh, dass es dazu (noch) nicht gekommen ist. Ich bin nicht so der auf-Befehl-Riecher, bei dem irgendetwas erzeugt werden soll. So, wie ich beim Einkaufen absolut nie ein Probierhappen südwestthüringischer Schlackenwurst nehme, oder vitaminaktives Halbfett-Calcium-Pro-Joghurtgetränk oder hinterberg-ländische Hefenudelhirsesuppe mit biotischer Fleischeinlage. Spontan irgendetwas schmecken oder riechen zu sollen - lieber nicht.
Auf’s Kino bezogen heißt das nicht, dass ich den Duft von Popcorn, Bier, Schweiß und Klimaanlage so gerne hab; aber so riecht es nun mal in dem Raum. Ich möchte nicht filmisch durch eine Küche mit Verbranntem rennen und dabei die Luft anhalten müssen, die Großstadt mit ihren gesamten Abgasen sehen und riechen müssen und die Verfolgungsjagd quer durch einen spackeligen Hinterhof auch geruchlich dargestellt bekommen. Meiner Meinung nach ist das auch nicht die Aufgabe des Kinos. Wer es filmisch nicht schafft, hat Pech gehabt, denn: Dass es geht, ist oft genug bewiesen. Ich brauche keinen Aromaexperten, der synthetisch erzeugte Ampullen zur rechten Zeit in eine Speziallüftungsmaschine kippt, um den Geruch im ganzen Raum zu verteilen.

Solche Duftomaten sind ja anderswo schon groß im Kommen. Ich hörte bereits von Apotheken und Boutiquen, die den potentiellen Käufer schon geruchlich einfangen wollen, indem sie vermeintliche Wohlgerüche verströmen lassen. Bei mir schlägt das leider absolut ins Gegenteil um. Geschäfte, in denen ich geruchlich erschlagen oder zumindest aufdringlich belästigt werde, drängen mich unvermittelt zum Verlassen. Schon die Parfumabteilungen großer Kaufhäuser werden von mir nur ungern und dann mit schnellem Schritt durchkreuzt - nicht, weil mir schlecht würde, ich mag nur nicht in der Sinneswahrnehmung zugeschüttet werden. Es ist mir unangenehm.

Kürzlich las ich bei spiegelonline über das Büro der Zukunft: Planung eines gesamten Arbeitsplatzes aus einer Hand, mit dem Ziel des Sichwohlfühlens, unter Berücksichtigung ästhetischer, gesundheitlicher und auch quasi therapeutischer Aspekte. Bestandteil der Planung war wie selbstverständlich so ein Aromakonzept.
Wenn ich so was höre, krieg ich schon die Krise. Einen ästhetisch gelungenen Arbeitsplatz? Kann ich mir vorstellen. Berücksichtigung von körperlichen Problemfeldern wie Haltung und Helligkeit? Prima. Geruchskonzeption? Bloß nicht. Da sträubt sich alles bei mir.

Ein Arbeitsplatz muss so riechen, wie er halt riecht. Wenn die Möbel stinken, muss man sich da was überlegen. Wenn die Heizkörper bei Sonnenbestrahlung anfangen zu müffeln, muss man da was ändern. Wenn irgendwelche Pflanzen unangenehm riechen, darf man auch da drüber nachdenken. Aber will ich ein ein Büro, wo ich beim Betreten an Karibik erinnert werde, an Leichtigkeit und Sonne, Strand und Cocktails? Will ich dann überhaupt noch arbeiten?
Nein, ich will lieber die Kaffeemaschine den ganzen Tag laufen lassen, allein um den Kaffeeduft in die Stube zu bringen. Den mag ich nämlich. Es ist ja nicht so, dass ich keine Gerüche mag, nein. Ich habe sogar Favoriten. Aber eine Geruchsmaschine, die Kaffeeduft erzeugt, mag ich mir gar nicht erst vorstellen. Den echten Duft von Kaffee schon.
Bereits als Kind, also wirklich lange bevor ich selbst ein Kaffeetrinker wurde, ging ich schon gerne in Bäckereien - allein schon aufgrund des Kaffeeduftes. Mir ist das gar nicht bewusst gewesen. Ich fühlte mich einfach wohl. In Kombination mit Gebackenem ein unschlagbarer Mix. Noch heute gehe ich gerne dahin. Aber: Bäckereien riechen halt auch wirklich so. Kein Laborant hat siebenundvierzig chemische Substanzen  zusammengemixt und bei kon-stant achtundachtzig Grad siebzig Minuten lang linksrumgedreht, um dem Kaffeegeruch recht nahe zu kommen; die Bäckerei riecht einfach so, wie sie riecht.

Den Grund, Gerüche zielgerichtet einzusetzen, kann ich ja durchaus verstehen. Gerüche sind aus einem mir nicht ersichtlichen Grund ein dermaßen spontaner Erinnerungauslöser, dass ich mich manchmal wundere.
Immer wieder geht es mir so, dass vollkommen unvermittelt eine Situation, ein Bild, ein Ort, die Personen, die Handlung vor Augen stehen, nur durch einen - möglicherweise sogar vergessenen - Geruch ausgelöst, der plötzlich in die Nase steigt.
Ich mache auf einer Party eine kleine Hausbegehung in ungewohnter Umgebung, eine Tür zu einem Zimmer öffnet sich, ich trete ein - und befinde mich als Kind in unserer alljährlichen Ferienwohnung im Bayrischen wieder, sehe die Regale mit den Comics vor mir, meinen Bruder - in seinem damaligen Alter - neben mir, den Lichteinfall, den Teppich, habe alle Räume vor Augen, alles nur, weil ich einen Geruch wahrgenommen habe. Den ich im Übrigen nie hätte benennen, beschreiben können, davon abgesehen, dass ich ihn damals überhaupt nicht bewusst wahrgenommen habe. Aber in mein Gehirn scheint er sich doch so deutlich eingebrannt zu haben, dass bei gleichem Geruch sofort ganze Schubladen voll von Erinnerungen und Emotionen rausgezogen und ausgekippt werden.

Ich habe eigentlich nichts Vergleichbares von meinen anderen Sinnesorganen erfahren. Vielleicht halten die sich vornehm zurück, rüffeln den Geruchssinn für seine Taktlosigkeit, beim kleinsten Reiz sofort die große Show zu machen. nase.jpgIch weiß es nicht. Da es aber bislang stets positive Erinnerungen waren, kann und will ich mich nicht beschweren.

Ruhig weiter so, Nase.
Ich rieche.

unglaublich

babybuch.jpg

Vorlesen eines kleinen Bilderbuches, etwa Sommer ‘06:

Schau mal da, eine Ente. En-te. Siehst du die? Ente.
Mmh.
Und da, Hose. Eine Hose. Hose?
Mmmh.
Ach guck mal, was ist das denn? Ein Teller mit Brei! Brei. Isst Albert auch, stimmt’s? Brei. Kennst du Brei?
Bei.
Ja gut, genau, Brei.
Und da ist ein Keks, schau! So ein Keks, den magst du auch, ne? Keks. Ein Keks.
Kächch.
Genau, Keks. Gut, Albert. Ein Keks.
Und was ist das hier? Ach, die Milch. Milch. So wie deine Milch, Albert.
Mhh.
Und da ist ja ein Teddy. Teddy. Und noch einer. Kennst du Teddy, Albert?
Di.
Ja, Te-ddy, genau. Teddy.
Und das, das kennst du gut, schau mal: Was ist das?
Nane.
Genau, eine Banane. Gut kannst du das. Banane.
Fertig mit dem Buch. Gut, Albert.

Vorlesen eines kleinen Bilderbuches, etwa Sommer ‘07:

Albert, wollen wir was lesen? Hol doch mal ein Buch, dann lesen wir.

Ja, mach ich. Ich hol ein Buch. Ah, kuck ma, das hier! Das is ja ein Babybuch. Das wolln wir lesen! Och, da is ja ein Wasslappen. Mit Enten drauf. Drei Enten. Kuck mal, Papa, die Enten. Und da ist noch eine große. Die is gelb, die Ente. Und da ist eine Hose! Die is grün, die Hose. Meine Hose is nicht grün, die is blau. Und die Ssuhe, die sind rot, kuck mal. Weiter. Ein Lätzen, Papa, mit Punkten drauf. Und ein Teddy is da auch. Und ein Teller mit Brei. Das da is ja eine rote Tasse. Da ist Wasser drin. Und hier ist ja ein Keks. Den ess ich jetzt. Ham. Lecker, der Keks. Willst du auch Keks, Papa? Du sollst auch Keks essen. Und da kommt Miich. Die Miich ist in der Flasse drin. Ich habe auch eine Flasse mit Miich. Und da liegt der Teddy, auf den Anhänger. Den kann man gar nicht dranhängen, kuck mal. Aber den kann man ziehn. Da is eine Ssnur. Und da, ah, da kommt eine Banane. Zwei Bananen. Die Banane is noch zu. Und die da is sson angebissen, kuck Papa! Fertig mit den Buch. Noch ein Buch lesen, Papa!

Es ist doch eigentlich unglaublich, dass das so ist.

Ich erinnere das.

Ich bereite ein Klage vor. Ich werde mich beschweren, offiziell und unbenommen aller möglichen bürokratischen Hürden. Ich klage an. Und zwar mein Gedächtnis. Oder mein Hirn. Das muss mein Rechtsbeistand klären. Da kenn ich mich nicht so aus. Was ja eigentlich schon Bestandteil der Klage sein könnte. Womit ich beim Thema wäre.

Der Reihe nach: Ich stelle fest, dass ich ‘ne Menge weiß. Prima, könnte man jetzt sagen, ist doch klasse. Oder auch: Du arroganter Sack. Allein: Was ich weiß, ist nicht das, was ich gerne wissen würde. Ich weiß eher Dinge, die ich nicht oder nicht mehr wissen müsste. Aber ich weiß sie noch. Und Dinge, die ich gerne wüsste oder auch im Wissen behalten würde, weiß ich nicht. Oder habe keine Kapazitäten mehr dafür.

Wie ist das: Verhält es sich mit dem Hirn so wie mit einer Festplatte? Die einfach irgendwann belegt ist und keine neuen Informationen speichern kann? Kann man dann irgendetwas in den virtuellen Papierkorb verschieben? Oder sie teilweise neu formatieren? Gibt es Sicherungskopien? Arbeitsspeicher? Cookies?

Denn das, was meine Speicherkapazitäten weitestgehend auslastet, ist - mir ist es durchaus etwas peinlich - Fußball.

fusball.jpgNun ist es nicht so, dass ich eine wilde Fußballvergangenheit habe, fangruppengeprägt, allsamstaglich zugedröhnt, mitjubelnd und mitleidend, emotional zutiefst verstört bei Niederlagen, euphorisch bei Siegen, heiser noch am Montag, dazu verkatert, mit nichts anderem als Fußballerweisheiten auf den Lippen, in Bettwäsche des Vereins schlafend, Poster an der Wand habend, jede Fernsehsekunde Fußball begierig aufsaugend. Nein. Ich habe eine vergleichs-weise harmlose Fußballvergangenheit. Nie selbst im Verein gespielt, mit 9 das erste Mal bewusster eine WM mitbekommen, mit 15 erst das erste Mal selbst im großen Stadion, kein Jahreskicker gekauft, kein Trikot gehabt, keine Wimpel, nix. Ich war einfach nur Kind, dann Jugendlicher, und habe Fußball geguckt. Ganz normal.

Und trotzdem weiß ich so viel. So viel Mist.
Ich weiß, welcher rechte Verteidiger bei Hamburg lange Flanken in die Spitze gab. Ich weiß nicht, wer Rechtsverteidiger in den Nürnberger Prozessen gewesen ist.
Ich weiß, welcher Linksaußen bei Bremen Marlboro genannt wurde. Ich weiß nicht, wer im letzten Jahrhundert in Südamerika politisch wirklich links außen agiert hat.
Ich weiß auswendig, wer der Gegenspieler von Völler im Duell mit Holland war. Ich weiß nicht auswendig, wer der große Gegenspieler von JFK war.
Ich weiß, wer in der Nationalmannschaft ‘54 die Außenpositionen besetzt hat. Ich weiß nicht, wer ‘54 Außenminister war.
Ich weiß, wer bei Stuttgart den legendären Angriff gebildet hat. Ich weiß nicht, wer den Angriff auf Warschau geführt hat.
Ich weiß, wer wann das entscheidende Tor im EM-Endspiel ‘80 geköpft hat. Ich weiß nicht, wann und wo Stoertebecker geköpft wurde.
Ich weiß noch, welches die ersten Worte des Vereinsstürmers nach einem unerwarteten Pokalsieg vor über 20 Jahren waren. Ich weiß nicht mehr, welches das erste Wort meiner Tochter vor 10 Jahren war.
Ich weiß, welche Vereinsfarben Union Solingen hat. Ich weiß nicht, welche Farben die Flagge von Äthiopien hat.
Und bei Pokal denke ich zuerst an den UEFA-Cup, nicht an kulturhistorisch interessante Trinkgefäße des Mittelalters, bei Schwalbe zuerst an Fehlentscheidung, nicht an die Fauna des Landes, bei Tor und Kiew zuerst an zwei Siege von Dynamo Kiew gegen Barcelona, nicht an Das Große Tor von Kiew von Mussorgski.

Und ich frage mich: Warum? Mit welcher Berechtigung machen sich unzählige solcher Details in meinem Gedächtnis so was von breit, dass keine Luft für Wichtiges ist? Was würde ich mir gerne alles merken können! Shakespeare parat haben, in der Weltgeschichte firm sein, Gesellschaftsstrukturen analysiert haben, Komponisten, Maler, Dichter, Denker wie gute Freunde kennen…

Stattdessen Fußball.

Wer ein Update für mein Hirn hat, möge sich bitte melden.

W8

w8.jpgAcht Wahrheiten.
Ein Stöckchen von wortteufel.
Nun werden also acht Wahrheiten von mir erwartet.
Mit Erwartungen tue ich mich schwer.
Und da das schon eine Wahrheit ist,
beantworte ich gerne das Stöckchen.
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Die 1. Wahrheit: Ich tue mich schwer damit, Erwartungen zu erfüllen.

Es ist ja nicht so, dass ich Erwartungen extra nicht erfülle. Außerdem geht es nicht um jegliche Art von Erwartungen. Aber ich überlege Dinge eigentlich lieber selbst. Druck kann ich schlecht vertragen.
Am schwersten fällt es mir, Erwartungen von Leuten zu erfüllen, die meinen, ich müsste irgendwie so sein: Leute, die ich von früher kenne, von denen ich mich aber weg entwickelt habe, Leute, die meinen, man macht etwas so, und und und.
Natürlich erfülle ich Erwartungen, die berechtigt an mich gestellt werden. Habe ich für jemanden zu sorgen, bin ich voll und ganz da. Braucht mich jemand, bin ich zur Stelle.
Aber: Meint jemand, man sollte doch mal, das wär so schön, war doch immer so, kann man doch: Nee, das kann ich nicht.
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Die 2. Wahrheit: Ich muss immer mal unvermittelt bei Musik weinen.

Da kann ich gar nichts gegen machen. Häufig ist es, wenn mir Musik, die ich lange nicht gehört habe, wieder zu Ohren kommt. Genauso kann es sein, das die ersten Klänge eines Konzertes oder einer neuen CD der Auslöser sind.
Dass Musik so schön, so intensiv sein kann! Die Art der Musik ist nicht entscheidend - wobei, ehrlich gesagt, ein Technosong mich noch nicht zum Weinen gebracht hat. Andererseits: Eigentlich ist Techno auch zum Heulen.
Davon abgesehen ist die Tatsache, dass mir Tränen in die Augen treten, nicht die mir in der Musik ebenfalls vertraute Möglichkeit des Schauer-über-den-Rücken-laufens, das ist noch was anderes. Das kann ich mit bestimmter Musik ein bisschen provozieren.
Den Tränenfluss nicht.
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Die 3. Wahrheit: Ich liebe die Berge.

Der Inbegriff von Entspannung sieht für mich so aus:

Ich packe meinen Rucksack und schnüre die Schuhe. Der Morgen ist noch neu. Es geht langsam in den Wald hinein. Die Bäume sind nass und tropfen herab. Es ist kühl. Die Luft riecht auf einzigartige Weise. Ich setze Schritt vor Schritt. Ein Atemrhythmus ergibt sich. Schweiß bricht aus. Es geht höher und höher. Kurze Pausen zum Trinken und Durchatmen. Der Wald bleibt zurück, es öffnet sich. Dann: Ein neuer Blick. Die erreichte Höhe wird deutlich. Wolken ziehen unter mir durch. Der Rucksack wird schwerer. Jeder Schritt ist bewusst. Zeit vergeht. Der Weg wird steiniger. Eine kleine Hütte wird erreicht. Kuhglocken läuten. Grüne Wiesen, steindurchsetzt. Hohe Gipfel dahinter. Sonne und Wolken. Ein Glas bei der Hüttenwirtin, billig. Ich sitze auf der Holzbank, lehne mich an die Hüttenwand. Ich atme durch.

Das ist es.
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Die 4. Wahrheit: Ich denke oft an meinen Großvater, wenn ich in den Spiegel schaue.

Als meine Schulzeit beinahe zuende war, ist mein Großvater gestorben. Er hatte eine gute Stunde entfernt gewohnt. Ich hatte eine typische Großvater-Beziehung zu ihm, soll heißen: Bis dahin standen eher regelmäßige Sonntagsbesuche an, Fünfmarkstück in die Hand, draußen rumlaufen und so. Fragen nach früher und das Bewusstsein für seine Geschichte kamen vielleicht gerade erst auf. Heute würde ich gerne mit meinem Großvater reden, ihn vieles fragen.
Er war einige Monate krank gewesen, sein Tod kam nicht allzu überraschend. Der Tod an sich war schon damals kein Tabuthema, ich konnte ganz gut damit umgehen. Ein paar Tage vor der eigentlichen Beerdigung bestand die Möglichkeit, ihn noch einmal zu sehen. Ich fuhr mit meinen Eltern hin. Es war sehr eindrücklich. In Ruhe betrachtete ich ihn, sein Aussehen, sein Gesicht. Die Züge prägten sich mir deutlich ein.
Am Abend zuhause kam ich gerade ins Bad, als mein Vater vor dem Spiegel stand. Ich sah in sein Gesicht und entdeckte plötzlich ganz viel von meinem Großvater, von den Zügen, die ich am Nachmittag gesehen hatte..
Später ging ich in den Keller in mein Zimmer. Als ich dort selbst vor dem Spiegel stand, ging es mir ein weiteres Mal so: Ich sah wieder die Züge meines Großvaters und mich sozusagen als dritten in der Reihe. Es waren die Ähnlichkeiten im Aussehen, die gleichen Züge, doch über drei Generationen verteilt. Ein kleiner Blick in den Lauf der Welt.
Noch heute, wenn ich vor dem Spiegel stehe, sehe ich oft meinen Großvater.
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Die 5. Wahrheit: Ich habe keine Ahnung von Pflanzen.

Ich muss es gestehen: Von Botanik in jeglicher Form habe ich keinen blassen Schimmer. Natürlich kenne ich grundsätzliche Formen und kann sie unterscheiden. Ich kenne und erkenne Birke und Sonnenblume, Eiche und Rose, Kastanie und Klee. Aber dann ist eigentlich schon Schluss.

Nicht, dass ich ignorant wäre. Ich denke nicht, dass ich es nicht nötig hätte, mich mit Pflanzen abzugeben. Es ist mir auch durchaus unangenehm. Und ich bemühe mich auch. Ich bin fleißig dabei, die Pflanzen in unserem Garten zu lernen. Meine Liebste hat ein Händchen dafür, es grünt und sprießt nur so, unglaubliche Fülle erwächst im Frühjahr aus so manchem vermeintlich toten Stück Beet, üppiges Buschwerk, Farbenpracht und Formenvielfalt auferstehen quasi über Nacht. Und ich genieße es. Allein: Ich weiß nicht, was da blüht.

Ich lebe mit dieser Schwäche. Ich halte es da mit Helmut Zerlett. Der war früher vornehmlich Bandleader und nachher  immer öfter auch Dialogpartner von Harald Schmidt. Er sagte in einer Sendung, als es gerade mal um Pflanzen ging, einen Satz, der es auch für mich trifft:
Für mich ist alles Ginster.
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Die 6. Wahrheit: Ich mache mir gerne Gedanken.

Meine Erinnerung an griechische Philosophen ist nicht besonders gut. Hängen geblieben ist etwas von Sokrates, der sagte, er wisse, das er nicht wisse, und damit verdeutlichte, dass man die Weisheit zwar versuchen kann, zu erreichen, sie aber nicht gepachtet hat.

Ich muss sagen: Nichts ist mir suspekter als jemand, der genau weiß, wie die Dinge laufen. Nicht, dass niemand eine Ahnung von irgendwas hätte; es geht mehr um den Umgang mit Wissen. Im Studium hatte ich ein Seminar belegt, das fächerübergreifend angelegt und aus diesem Grund auch mit zwei Professoren bestückt war. Absolut auffällig war der Unterschied in der Vorgehensweise der beiden. Es ging um ein zu untersuchendes Objekt, und während der eine gemeinsam mit uns Studenten überlegte, was es damit auf sich haben könnte, und was er hier sehen würde, wobei er nicht wüsste, wie wir das sähen, sprang der andere dazwischen und erklärte uns genau, was wir da vor uns hätten. Das machte mich eher nachdenklich.

Ebenso erinnere ich mich an ein nicht allzu begeisterndes Pflichtseminar mit nicht allzu ansprechendem Inhalt, in dem der dortige Professor irgendwann mit erboster Stimme darauf hinwies, dass das große Kunst wäre, und er sich verbitten würde, dieser weiterhin nur mäßiges Interesse entgegenzubringen. Das war zwar praktisch, weil man nun nicht mehr selbst überlegen musste, ob es große Kunst war oder nicht. Aber auch das machte mich nachdenklich.

Ich finde, wenn jemand einer Meinung ist, hat das schon mal seine Berechtigung. Und wenn jemand einer anderen Meinung ist, hat das auch schon mal seine Berechtigung. Dann kann man gemeinsam herausfinden, was es damit auf sich hat. Und hinterher vielleicht immer noch unterschiedlicher Meinung sein, vielleicht auch die Meinung des anderen unmöglich finden. Es gibt sie trotzdem, also habe ich nicht die Berechtigung, sie zu verdammen, nur weil ich sie nicht nachvollziehen kann.

Vielleicht ist es dieser Haltung zu verdanken, dass man Bundestagswahlen und Politikerreden übersteht, nicht im Streit mit allen Mitmenschen lebt und immer wieder neue und zum Teil faszinierende Blicke auf bzw. Einblicke in das Leben erhält.
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Die 7. Wahrheit: Ich sage oft mal Sachen einfach nur so.

Das ist manchmal ein bisschen problematisch. Ich bin vielleicht mit anderen im lockeren Gespräch, es wird nett geplaudert, irgendwas wird gesagt, ein Wortspiel oder eine Bemerkung oder ein Kommentar oder ein gespielt hämischer oder ein gewitzter oder gerne auch dummer Satz geht mir durch den Kopf - schon sag ich ihn.
Schwierig: Mir geht’s nur darum, es mal zu sagen. Ich mein das eigentlich gar nicht. Äußert jemand leise Selbstzweifel, bestätige ich ihn gespielt. Hat jemand eine echte Frage, fällt mir nur eine Bemerkung ein, die herrlich absurd wäre. Und mache sie.
Ich bin also an einer Plauderrunde beteiligt, betrachte den Gesprächsverlauf irgenwie ein bisschen von außen, wie ein Theaterstück, und führe es einfach weiter. Manchmal sollte ich da besser nichts sagen. Oft kann ich die Leute gar nicht richtig einschätzen, kenne sie nicht immer alle. Die gucken mich dann gerne mal ein bisschen komisch an. Was ich verstehen kann. Andererseits ist es auch möglich, die Runde enger zusammenzuschweißen und einen netten weiteren Abend zu verbringen.

Beispiel?
Ich bin auf einer Uni-Party überwiegend Ehemaliger, der Abend ist nett, Musik läuft, ein kleines Feuerwerk brennt ab, irgendjemand holt ein Bier, wir stoßen an, ich sage: Auf Hannelore Kohl.
Um’s mal zu sagen.
Besagte Frau Kohl war Tage zuvor aus dem Leben geschieden, die Medien hatten ein etwas seltsames Spiel mit den Hintergründen ihres Todes getrieben - Lichtallergie und so - und die mediale Betroffenheit dominierte das Zeitgeschehen. Und? Muss man da beim Zuprosten Auf Hannelore Kohl sagen?
Nein. Muss man nicht. War aber schon passiert. Erstem Oha und Nach-Luft-schnappen folgte eine kleine inhaltliche Diskussion über besagte Medienphänomene, und es entwickelte sich zu einem ganz guten Abend.
Aber: War das nötig?

Ich will mich bessern. Eigentlich.
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Die 8. Wahrheit: Ich habe gerne ein Kind an der Hand.

Ganz ehrlich: Es gibt nichts Schöneres als die Hand eines Kindes an der eigenen, besser wohl: in der eigenen. Ein warmes Patschehändchen, gern etwas verklebt oder feucht, ein bisschen dicklich, und die Fingerchen greifen in die Handfläche, suchen Halt. Die eigene Hand umschließt die Kinderhand, sorgsam, hält zur Not das ganze Gewicht, wenn es zum Stolpern kommt, greift auch mal fester, wenn ein Loslassen nicht sein darf.

Vielleicht liegt es daran, dass es so viel mehr ist als das bloße Halten einer Hand. Es hat ganz viel mit dem Menschen zu tun, mit Liebe, mit Geborgenheit und Vertrauen, mit Nähe, Begleitung und Führung. Alles durch die Verbindung zweier Hände auf dem gemeinsamen Weg.

Händchen in Hand. Und dann stapft man los.
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Alter, man!

Wenn man hört, dass der Vater mit Freunden eine mehrtägige Radtour durch die Lande macht, denkt man: Fein, jetzt, wo das Rentnerdasein die Zeit bietet, etwas aktiv zu unternehmen und Körper und Geist fitzuhalten.

Wenn man hört, dass der Vater am ersten Tag gestürzt ist, denkt man: Hm, vielleicht doch nicht mehr so fit, wie man gedacht hatte. Zumal, wenn im Zusammenhang mit dem Sturz die Mutter dann gleich noch bisher unbekannte Radfahrbegebenheiten der letzten Zeit mitteilt, von denen man noch nichts wusste. Und die eher ein Bild zeichnen, das so aussieht: Die Eltern werden älter.

Gut, nun kann man aus verschiedensten Gründen mit dem Fahrrad stürzen. Es gibt ja keine Sturzstatistik, die anhand eines Kataloges genau Sturzursache, -höhe, Fallart etc. festlegt, und daraus folgend das Alter ermittelt, das der Radfahrer haben muss. Aber hier die Häufung solcher oder ähnlicher Vorkommnisse, die Erinnerung an den kürzlichen Sturz vom Gerüst am eigenen Haus und die allgemeine Beobachtung der Fahrkünste am Steuer des Autos geben doch ein Gesamtbild des Vaters ab, dass nun mal eine Veränderung aufweist.

Für einen selbst sind die Eltern irgendwie immer gleich alt. Solange man selbst Kind ist, sind sie halt erwachsen. Sobald man älter wird, denkt man über sich nach, aber nicht über das Alter der Eltern. Und sobald man vielleicht selbst erwachsen ist (wann ist das genau?), sieht man Altersveränderungen bei Kindern. Aber nicht bei den Eltern. Für einen selbst bleibt der Abstand ja auch immer gleich. Manches Eltern-Kind-Verhalten verändert sich schon, manches wird man nie loswerden können.

Natürlich werden die Eltern älter, das weiß man schon. Aber sie behalten lange ihre Position, leben ihr Leben, so wie immer. Einzig der Blick der Kinder auf die ‘Eltern der Eltern’ ist genauso fest wie der Blick auf die Eltern: Großeltern sind immer Großeltern, und die sind alt. Klar, meine Großeltern waren ja auch immer alt, fand ich. Aber dass für meine Kinder meine Eltern grundsätzlich alte Leute sind und für mich nicht, find ich schon interessant.

Ob die Eltern selbst das Alter wahrnehmen? Ob wir als mittlere Generation unser Alter wahrnehmen? Ich weiß nicht. Ich muss mich nicht jung fühlen, zumindest nicht jünger als ich bin. Ich bin zufrieden, find mein Alter okay, aber auch nicht so wichtig. Vor allem nicht irgendwelche Zahlenschallmauern, die gesellschaftlich irgendwie vorbelastet zu sein scheinen. Ich staune eher manchmal, wie mittendrin man schon ist, wo immer noch ein Gefühl von werden da ist.

Und für die nächste Generation sind wir sowieso schon alt. Vor Jahren erzählte ein Kind aus meiner Verwandschaft einer Tante von einer Begebenheit, wo ein alter Mann ein Rolle spielte. Dieser Mann, sagte das Kind, dieser Mann war ganz alt.      Alt? fragte die Tante nach, wie alt denn etwa?      Och, sagte das Kind, alt, ganz, ganz alt. So wie du.
Die Tante musste ein bisschen schlucken. Mit ihren 30 Jahren.

Schöne Würste

obst.jpgIch persönlich bin ja der Meinung, jeder sollte nur die Dinge machen, von denen er etwas versteht. Eine Selbstverständlichkeit, meiner bescheidenen Meinung nach. Aber wohl noch nicht zu allen durchgedrungen, so in seiner gewissen Selbstverständlichkeit. Denn: Fallen uns nicht spontan gleich mehrere Situationen ein, an denen unserer Meinung nach die - wie man so sagt - falsche Person am falschen Ort sitzt? Oder die falsche Person am richtigen Ort? Oder die richtige Person am falschen Ort?

Heute habe ich auf jeden Fall darüber nachgedacht, dass Werbefachleute keine Grillwürste herstellen.
Und ich denke, dass ist auch gut so. Ich dachte mir: Wenn ein Werbefachmann eine gute Idee für eine Grillwürstewerbung hat, dann soll er die umsetzen. Das kann er ja, davon versteht er was. Er sollte allerdings nicht unbedingt die Grillwürste dazu herstellen. Es mag ja sein, dass der eine oder andere Werbefachmann sich in seiner Freizeit zu einem guten Amateur-grillwürstehersteller entwickelt hat, so dass das Verzehren einer von ihm hergestellten Grillwurst durchaus ein Genuss sein kann. Ich vermute allerdings, dass Werbefachleute, die das Hobby ‘Grillwürste herstellen’ haben, recht selten sind. Konsequenz? Ich kaufe keine Grillwürste vom Werbefachmann, sondern vom Metzger. Der Werbefachmann macht gute Werbung, das Grillwürstemachen überlässt er dem Metzger.

Soweit Zustimmung? Dann weiter:

Dieser Metzger tut also nun das, was er gut kann - Grillwürste herstellen. Und wenn ich - wie oben erläutert - der Meinung bin, dass jeder das, was er nicht kann, anderen überlassen sollte, heißt das für ihn: Die Grillwürstewerbung sollte er dem überlassen, der sich damit auskennt. Naheliegend wäre hier ein Werbefachmann. Für manche Grillwürstehersteller wohl nicht nahe genug.

Heute stand ich in einem Laden, wo ein Metzger - genauer gesagt: eine ganze Metzgerfirma - der Meinung war, dass diese Ansicht eine Sichtweise ist. Dass es aber auch eine andere Sichtweise geben kann. Diese Metzgerfirma hat vielleicht in ihrer Freizeit, so als Hobby, schon mal ein bisschen Werbung gemacht. Und da hat sie sich gedacht: Mensch, ich mach doch als Hobby auch so gerne Werbung - da mach ich doch prima Grillwürste und, dann bewerbe ich diese Grillwürste gleich mal selbst!
Aber wie das halt so ist mit Hobbys: Der Profi macht das anders.

Ich stand also vor dem Kühlregal, in dem mich lauter frische Grillwürste anlachten und mir leise zuriefen: Nimm mich, nimm mich! Es gab große und kleine, dicke und dünne, lange und kurze, helle und dunkle. Und alle hießen einfach ‘Grillwürste’. Nur von einer Firma traten zwei Verpackungsaufschriften besonders hervor und machten mit einzigartigen Namen auf sich aufmerksam.
Auf der einen Grillwürstepackung stand: Stolze Willy’s.
Wo der Gebrauch des Apostrophs nun wirklich gar keinen Sinn macht. Sei’s drum, wer stolze Willys kaufen möchte und immerhin stolze Willy’s bekommen kann, mag sich ja dafür entscheiden. Was stolze Willys denn sind, kann sich jeder selbst überlegen. Ich überlegte es mir auch selbst. Vor allem, als mir die Schrift der anderen Packung ins Auge fiel und eine inhaltliche Assoziation zur ersten weckte.
Auf der anderen Grillwürstepackung stand: Stolze Adonis.
Und da fragte ich mich: Mehrzahl oder Einzahl? Geht es um einen Adoni sozusagen mehrfach? Ich kenne niemanden mit solchem Namen. Vielleicht hätte es dann auch - wie bei Willy - das Apostroph dazu bekommen, als kleines Extra.
Oder geht es tatsächlich und wirklich um Adonis, Sinnbild des Gottes der Schönheit aus der griechischen Mythologie? In Zusammenhang mit einer Grillwurst?

Nein danke. Einfache Grillwürste hätte ich ja vielleicht gekauft. Aber das Hobby des Metzgers hatte mir ein bisschen den Appetit darauf genommen.

Ich habe dann lieber frisches Obst und viel Gemüse gekauft.
Um meinen Adoniskörper in Form zu halten.

Alles gut.

arztkoffer.jpgIch habe mir schon immer einen Hausarzt gewünscht. Als Kind. Und manchmal häng ich dem Gedanken heute noch nach. Einen Hausarzt zu haben, das ist für mich ein Bild aus alten Büchern und Geschichten: Die Madame des Hauses, wahlweise auch die höhere Tochter oder der blasse, kränkliche Sohn, irgenwer halt liegt nahezu sterbenskrank in einem riesigen Bett aus dunklem Holz, kalter Schweiß steht auf der Stirn, die Zofe sagt, nach dem Arzt müsse gerufen werden, ganz dringend - und dieser kommt dann, mit lederner Tasche, Vollbart, einer kurzen ersten Diagnose, anschließendem Hinausschicken aller Neugierigen und dem nachfolgenden Verabreichen einer grässlichen Medizin, bevor er sagt, man müsse jetzt 12 Stunden warten, das sei die kritischste Zeit, danach wäre man wohl über den Berg, aber bis dahin, nun ja, Hoffnung habe er nicht viel, aber usw. usw. So in etwa.

Unsereins fühlt sich stattdessen krank, mit Vorliebe an einem Freitag oder Samstag beginnend, schleppt sich alleine mehr schlecht als recht ein paar Tage dahin, entschließt sich irgendwann doch, einen Arzt zu konsultieren, ruft beim Arzt an und - jetzt tritt die große Diskrepanz zum obigen Klischee zutage - geht zum Arzt hin. Wobei schon beim Anruf morgens vor 8.00 Uhr signalisiert wird, am Besten gesund zu sein und keinen Arzt zu benötigen oder, wenn das nicht geht, seine Krankheit besser im Voraus zu planen und einen festen Termin in zehn oder zwölf Tagen abzumachen - denn Termine haben wir heute aber gar nicht mehr; da müssen sie schon ein bisschen Zeit mitbringen. Mein Lieblingssatz.

Natürlich bringt man aber die Zeit mit. Schließlich ist man nun mal krank. Recht kurzfristig. Man geht also wie morgens abgemacht um 10.45 Uhr hin und bringt ein bisschen Zeit mit. In dieser mitgebrachten Zeit sieht man viele Leute kommen und gehen, und man hört vielen Leuten zu, ob man will oder nicht. (Ich will eigentlich nicht.) Ab 12.30 Uhr ist man dann an der Reihe, verbringt 3 Minuten beim Arzt, der selbst ja durchaus ganz angenehm ist, bekommt etwas verschrieben und macht vorne für die Kontrolle einen Nachfolgetermin. Da geht’s dann etwas schneller.

Ach, wie herrlich wäre es doch, bei einem Anflug von Krankheit einen Arzt rufen zu lassen, und der eilt herbei, heilt hier und da und verspricht, bald wieder vorbeizuschauen. Doch was soll ich klagen: Albert ist auf dem besten Wege, mein Hausarzt zu werden.
Vor kurzem hat ihn die Vorsorgeuntersuchung zum Kinderarzt geführt, und mit etwas schüchternem, aber durchaus interessiertem Blick verfolgte er die handwerklichen Tätigkeiten des Doktors: Abhorchen mit dem Stetoskop, Aaa sagen lassen, in die Ohren und die Nase schauen, Reflexe prüfen, schließlich - wegen Impfung - auch Spritze geben.
Zuhause durfte sofort sein Teddy dran glauben. Noch etwas unbeholfen übte Albert Arbeitsschritte ein und verfeinerte sie.
Ich weiß auch, wozu: Nicht, um zu spielen, nein, es ging auch nicht um den Teddy; vielmehr ging es darum, alles zu tun, um seinen alten Herrn Vater zu hegen und zu pflegen, ihn gesund zu halten und ihn stets in guter Fürsorge zu wissen.

Heute habe ich das gespürt. Ich war wie immer aufgestanden, fühlte mich eigentlich ganz wohl, aber Albert hat mit seinem geschärften Blick wohl sogleich die Anzeichen von heraufziehendem Unwohlsein erkannt. Ein guter Arzt hat eben einen Riecher für aufziehende Schmerzen und aufkommendes Elendsgefühl.
Ich horch dich, sagte Albert und bedeutete mir, mich auf den Boden zu setzen. Nach gefühlten fünf Minuten hatte er die beiden Stöpsel in seine Ohren geprokelt und konnte mich anschließend drei Sekunden lang abhorchen. Alles gut, sagte Albert. Da war ich aber froh. Jetzt Fieber messen, sagte Albert. Also Thermometer aus dem Koffer, den Anzeigepfeil hochschieben, eine Sekunde unter meinen Arm halten und Ablesen. Alles gut, sagte Albert. Hab ich Fieber? fragte ich. Ja, sagte Albert. Oh. Du hast einen Splitter, sagte Albert und holte die Pinzette raus. Das kennt er von unserer Holzterrasse. Oh nein, sagte ich, während den Splitter rauszog. Alles gut. Musst jetzt Aaa machen. Ich sagte Aaa und Albert steckte mir den Holzlöffel in den Mund. Etwas zu weit. Und zu lange. Ich musste husten und bedeutet ihm, das Ding aus meinem Mund zu ziehen. Alles gut, sagte Albert. Jetzt einen Nagel schneiden. Er holte die Schere und klemmte einen Finger ein. Au! jaulte ich auf, nicht so doll! Albert blieb ganz Arzt. Tschuldigung. Wollte dir nicht wehtun. Jetzt Nase gucken. Albert nahm das Guckdings und bohrte es mir mit Kraft in die Nase. Vorsicht! rief ich und zuckte ein bisschen zurück. Kann nicht gucken, sagte Albert, nochmal. Also nochmal, etwas besser. Jetzt Ohren. Selber Vorgang, selbe Kraft. Er schrabbte etwas am Ohrläppchen lang. Es tat weh. Alles gut, sagte Albert. Jetzt Spritzen. Er nahm die Spritze, zog sie hinten auf und bohrte sie mir in den Oberschenkel. Ich jammerte leise. Alles gut, sagte Albert. Und dann, dann nahm er seinen Hammer. Den zum Prüfen der Reflexe. Und damit haute er mir mit Schwung vier-fünfmal auf das Schienbein. Mir traten die Tränen in die Augen. Vorsichtig, vorsichtig! japste ich mit heiserer Stimme. Okee, sagte Albert. Alles gut.

Nach der Visite fühlte ich mich elend und hatte Schmerzen.
Aber das hatte der gute Arzt ja schon vorausgesehen.

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