Jugend hört nicht nur, Jugend liest auch. Gut so. Hier auch von einem Krieg der Generationen zu sprechen, wäre natürlich falsch. Sicherlich entwickeln sich hier ebenfalls Gewohnheiten und Vorlieben, was Art, Qualität und Tiefe der gewählten Literatur betrifft. Aber der Literaturgeschmack als Gesamtkultur ändert sich wohl nicht alle paar Jahre in dem Maße, wie es beim Musikgeschmack der Fall ist.
Viel wichtiger als bei der Musik ist ja eher die Frage: Liest die Jugend denn überhaupt? Kein Mensch käme auf Idee, zu fragen, ob man denn Musik hört. Wäre schon komisch. Und, kann der Kleine denn schon Musik hören? Noch nicht? Tut er sich ein bisschen schwer mit? Oder: Was, die ist jedes Wochenende mit ihrer Clique unterwegs und hängt nächtelang in der Bücherei ab? Kann sie nicht mal ein ordentliches Album hören? Nein, hören tut eigentlich jeder. Verschieden viel, verschiedenes - aber irgendwas.
Lesen ist denn schon aktiver. Und der Reiz des Lesens muss vielleicht auch erst entdeckt werden. Erster Schritt: Vorlesen. Angefangen mit einfachsten Bilderbüchern kann sich Vorlesen durchaus zu gemeinsamem Erleben entwickeln. Lula und Jack lese ich jetzt noch vor - zur Zeit die mehrbändige Reihe mit Artemis Fowl -, obwohl sie beide die Bücher gut alleine lesen könnten. Aber etwas vorgelesen zu bekommen hat wohl noch mal eine eigene Qualität.
Daneben lesen sie aber reichlich selbst. Und was sie lesen, bzw. wie sie lesen, ist schon erstaunlich: Es gibt Dauerbrenner, es gibt Strohfeuer und es gibt Ausprobierer.
Ausprobierer liest man halt mal, vielleicht noch nicht mal ganz, und lässt sie liegen. Abgehakt, uninteressant, vergessen. Es ist keine grundsätzliche Leseunlust, das Lesen zu beenden, die Ursache scheint in der Lektüre selbst zu liegen.
Strohfeuer sind für eine gewisse Zeit durchaus interessant, halten aber nur eine bestimmte Weile. Nach einer Folge von Bänden, die alle gelesen werden müssen, liegen sie irgenwann hier und da rum. Und dann stehen sie irgenwann ordentlich gesammelt in höheren Etagen des Regals. Für immer.
Und Dauerbrenner werden mehrmals gelesen, zum Teil in großen Abständen, zum Teil in Etappen, zum Teil in Ausschnitten. An ihnen hängt das Herz. Sie werden verschlungen, gelebt, zueigen gemacht. Und sie liegen vorzugsweise gestapelt am Bett, in häufig wechselnder Aufschichtungsreihenfolge, gerne auch mit mehreren Lesezeichen oder weit aufgeschlagen.
Was ich dabei glücklicherweise beobachte, ist, dass die Kinder ein Gespür für Qualität entwickeln (oder schon haben, das weiß ich nicht so genau). Ich selbst als Vertreter der doch nun schon deutlich nächsten Generation meine schon, dass eine langjährige Erfahrung mit und durch Bücher ein gewisses Urteil über Qualität kindlicher oder jugendlicher Literatur rechtfertigt- nicht unbedingt im Sinne der Sprach- und Literaturforschung, aber doch mit einem gewissen Blick für Inhalt und Sprache. (Ich befinde mich mit meiner Einschätzung im Übrigen durchaus im Chor mit den tatsächlichen Kinderbuchkritikern.) Denn: Was für die Kinder Dauerbrenner sind, das sind sie - wie für viele Andere - auch für mich. Es mag aus anderen Zeiten stammen, es mag unspektakulär wirken - die Geschichten, die sie wählen, sind auch meine alten Geschichten. Astrid Lindgrens Bullerbü oder Ferien auf Saltkrokan, Ottfried Preußlers Kleine Hexe oder Kleines Gespenst, Erich Kästners Kleiner Mann oder Pünktchen und Anton, Michael Endes Jim Knopf oder Momo - nur einige Beispiele. Das Phänomen: Der Inhalt ist sattsam bekannt und vertraut, aber die Sprache scheint eine Welt zu erzeugen, in die man immer wieder gerne einzutauchen bereit ist.
Vielleicht liegt hier der Hauptgrund: Die Qualität der Sprache scheint mir von großer Bedeutung zu sein. Schlecht geschriebene Geschichten fesseln gar nicht. Mir fallen da irgendwelche Teppichpiloten ein, die nicht zuende gelesen wurden. Und die waren wirklich richtig schlecht geschrieben.
Mittelmäßig geschriebene Geschichten halten eine Weile. Allerdings scheint dann der Informationsgehalt aufgenommen worden zu sein, der Reiz des Lesens und Erlebens wiederholt sich nicht. Die Wilden Fußballkerle wurden beispielsweise zwar gern gelesen, weil man erfahren wollte, was passiert. Danach blieben die Bücher liegen. Scheint so, dass diese Worte an sich nicht den Leser in die andere Welt transportieren können.
Und entdeckt man neue Bücher wie Tintenherz, ist sofort die Qualität des Schriftstellerischen zu beobachten, eine Kraft in der Wortwahl, dem Satzbau, im großen Gesamtbogen, was alles dazu führen mag, dass das normale Buch zu einem eigenen Buch wird.
Wie früh die Fähigkeit, in andere Welten einzutauchen, bereits vorhanden ist, hat mir Albert jetzt gezeigt. In seiner Bücherkiste ist ein bunter Mix aus frühen Bilderbüchern, ersten Vorlesebüchern und späteren Büchern mit etwas mehr Text. Vorlieben hat er auch bereits entwickelt (wobei hier die Qualität der Sprache nicht gerade das Kriterium sein kann). Aber offensichtlich kann man schon in diesen Büchern etwas erleben, und einige Bücher will er immer wieder vorgelesen bekommen.
Albert suchte auf jeden Fall ein bestimmtes Buch mit einem Jungen namens Timo, guckte erfolglos die ganze Kiste durch und fragte mich schließlich:
In welchem Buch wohnt Timo?
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