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Danke, ´Klimaschützer´.

Da sitzen sie nun also so vor sich hin und warten. Warten auf die nächste große Wahl. Damit endlich die eine der beiden Parteien alleine entscheiden kann. Wie das so läuft mit der Kernkraft. Und weil es bis dahin noch etwas dauert, kommt man halt mal auf Ideen. Leider auf schlechte.
Wenn also der Ölpreis ganz stark ansteigt, überlegen sie sich, man könnte jetzt doch mal davon reden, dass man sich vom Öl unabhängiger machen sollte. Und Kernkraft wäre die Lösung. Hat zwar nix miteinander zu tun, wie auf einem Spartensender ein Experte im Interview vermeldet, das hören aber nicht so viele.
Wenn die Preise mal wieder erhöht werden wollen, überlegen sie sich, die Pflichtabgabe an den Bund als Begründung zu nennen. Das sind zwar nur vier Prozent des Gesamtpreises, aber diesen Hinweis hören nur manche, wenn Sie zur rechten Zeit den richtigen Sender hören. Schriftlich haben es hingegen alle, mir haben Sie es auch geschrieben.
Und wenn das Weltklima in Gefahr ist, überlegen sie, sie könnten sich ja mal als Klimaschützer präsentieren. Das geht nicht, meint vielleicht noch jemand, das ist zu dreist, das merken die! Machen sie trotzdem. Jeder, der es nicht merkt, ist doch ein potentieller Kunde.

Und so schlage ich heute die Zeitung auf und sehe das vor mir:

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Wunderschöne Landschaft, prima Wetter, blendend weißes Kernkraftwerk an der Flussbiegung. Schön. Und dazu die message: Wer Atomstrom nutzt, schützt das Klima.

Da fällt mir gar nicht mehr viel zu ein.
Gut, mir fällt ein, dass es jedes Jahr in Gorleben Proteste gibt, weil dort niemand den Abfall haben möchte. Diesen radioaktiven. Zwei Seiten weiter in der Zeitung lese ich zudem von Anwohnerprotesten gegen die Flutung eines einsturzbedrohten Bergwerks, in dem bereits reichlich radioaktive Fässer lagern. Eigentlich will niemand, aber auch wirklich niemand, solchen Müll in seiner Nähe haben.
Mir fällt ein, dass gelegentlich mal eine Trafostation brennt und ein Kernkraftwerk besser mal schnell abgeschaltet wird, weil es ein bisschen gefährlich mit dem Zeugs ist.
Mir fällt ein, dass Flussfauna und -flora in Mündungsbereichen von Kernkraftwerken sich ein bisschen verändert haben, der Temperatur wegen.
Mir fällt ein, dass gerade eine Studie diskutiert wird, nach der im Einzugsbereich von Kernkraftwerken das Risiko einer Leukämieerkrankung doch ein bisschen höher zu sein scheint als anderswo.
Mir fällt ein, dass es bei Radioaktivität um Zeiträume geht, die mit denen der Klimaveränderungen in keinster Weise vergleichbar sind.
Sonst fällt mir dazu gar nichts ein.

Das muss man sich mal vorstellen:
Man tippt das Wort Klimaschützer ein und landet bei der Atomindustrie.
Auf die Idee muss man erstmal kommen.

Wertschätzung

Wir alle leben in einer durch und durch kategorisierten Welt. Wir messen alles: Zeit, Entfernung, Gewicht, auch unpopulärere Dinge wie Licht, Lautstärke, Dichte.
Und obwohl alles messbar ist, legt es der Mensch offensichtlich darauf an, ein Gefühl für etwas zu bekommen. So zur Einschätzung. Er will schätzen, wie weit etwas weg ist,wie lange etwas dauert.
Schon als Kind.
Nein, gerade als Kind.
Puh.

Wie weit ist es noch? kräht es hinten aus dem Wagen.
Wie lange fahren wir noch? schließt sich an.
Was sagt man da? Sagt man, es seien noch 55 Kilometer? Oder noch 40 Minuten?
Nein, man sagt, man habe schon ganz viel geschafft, das, was noch käme, wäre jetzt noch ungefähr eineinhalb Mal so weit wie von uns zuhause bis zur Oma (Wir fahren zu Oma!     Nein, es ist nur ungefähr so weit wie hin und dann noch halb zurück.      Wieso fahren wir wieder halb zurück?) oder so lang wie zwei Hallenfußballspiele von Jack (Das weiß ich nicht, da guck ich immer nicht hin…).
Wir Erwachsenen könne uns etwa vorstellen, wie weit es noch ist und wie lange etwas noch dauert. Kinder noch nicht so.
Sie versuchen es aber.
Von Kathi die Eltern, die haben ein neues Auto, so ein großes, das war ganz teuer, das hat bestimmt 1000 Euro gekostet! verkündet Jack.
Staunender Blicke von Albert.
Der Koffer war total schwer, Mama, bestimmt 50 Kilo oder so! sagt Lula.
Staunender Blick von Jack.
Zu Tom fährt Papa 4 Stunden! tönt Albert.
Staunender Blick von Lula.

Die letzte große Autofahrt hatten wir technische Hilfe. Dank ausgeliehenem Navigator gaben wir von vorne nur sachliche Informationsmeldungen in den Fond weiter:
Wie weit noch?            Noch 382 Kilometer.
Wie lange noch?          Noch 4 Stunden und 46 Minuten.
Wann sind wir da?       Um 18 Uhr 34.

Da muss man nix mehr selbst einschätzen, das sitzt.

Wo Sie nur ganz sicher sein können: Die Einschätzung des Kindes gibt Ihnen durchaus eine Information, wie weit beispielsweise etwas weg ist. Wenn Jack erzählt, er sei mit dem Fahrrad wohingefahren, da müsse man da und da lang, und dann nach so 300 Metern käme da so ein kleiner Weg … dann dürfen Sie keinesfalls ihre Vorstellung von 300 Metern ansetzen. Es können 80 Meter oder 900 oder 2 Kilometer sein.
Wo Sie aber ganz sicher sein können: 300 Meter sind es gerade nicht. Garantiert.

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Wetterbericht

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Wetter ist nicht irgendwie. Wetter ist immer zu irgendwie.
Wetter ist nicht warm, kalt, nass, feucht, kühl, wechselhaft. 
Wetter ist immer falsch. Es ist zu warm, zu kalt, zu nass, zu windig, zu feucht, zu kühl, zu diesig, zu trocken, zu drückend, zu mild, zu wechselhaft; für den Tag, für die Jahreszeit, für den Monat, für die Nacht, für das Wochenende, für den Urlaub, für die Landwirtschaft; gegenüber gestern, gegenüber letztem Jahr, gegenüber dem Vormonat, gegenüber dem Winter, gegenüber früher.

Ich kann es nicht mehr hören.

Gut, gestern war es heiß, fast überall. Und vielleicht war es sehr heiß. Und vielleicht sogar unangenehm heiß. So weit, so gut. Aber schimpfen oder stöhnen - das könnte man sich sparen. Drei Wochen oder länger hat es ständig geregnet, natürlich haben alle gestöhnt. Kaum ist es heiß, könnte es nicht kühl genug sein.

Mir scheint, dass mit fortschreitendem Alter die Bedeutung des Wetters im Allgemeinen und die des Wetterberichtes im Besonderen zunehmen.
Ich sehe Albert: Dem ist Wetter sowas von egal. Der bekommt irgendetwas Passendes angezogen, und das war’s.
Ich sehe Jack: Der findet es schon mal blöd, dass es regnet, wenn er irgendetwas draußen vorhat oder eine bestimmte Sache anziehen will.
Ich sehe Lula: Die schimpft auch schon mal morgens - im Sommer - wenn es so kalt ist, dass sie friert. Oder wenn es zu heiß für alles ist.

Ich erinnere mich an die Jugendzeit, nicht aber sonderlich an das Wetter der Jugendzeit. Heute passiert es schon mal, dass ich feststelle, dass die letzten Jahre nie so richtig Schnee gebracht haben. Im Laufe der Jahre ergibt sich vielleicht Vergleichbarkeit, Erfahrung, Erinnerung.

Am anderen Ende der Skala sehe ich unsere Eltern: Wetterfühligkeit - schon ein großes Thema. Wetterveränderung im Laufe der Jahrzehnte - eine schier endlose Geschichte. Früher hatten wir noch richtige Sommer. Oder: Damals, als wir jedes Jahr mit dem Schlitten über den Berg mussten. Wetter will bewertet werden, eingeordnet, abgeglichen.

Und es muss im Voraus begutachtet werden. Dabei ist der Wetterbericht dann gerne der Angeklagte, wenn die Vorhersage nicht mit der Realität übereinstimmt. Denn die vom Wetterbericht, die müssen es doch eigentlich wissen.
Eigentlich ist doch der Wetterbericht die einzige allgemeine Zukunftsprophezeiung mit gesellschaftlicher Akzeptanz, nicht mehr und nicht weniger. Und wie das so ist mit den prophezeienden Propheten: Erst hinterher weiß man, ob es denn einer war. Dann kann man sich darüber ärgern, dass man einem falschen Propheten geglaubt hat, nicht aber über die Prophezeiungen, die er gemacht hat.

Ich für mich stelle fest: Ich sehe eigentlich selten den Wetterbericht. Wettervorhersagen im Radio gleiten an mir vorbei, wie Verkehrs-funkmeldungen zum Autobahnkreuz XY, während ich gerade durch ein kleines Dorf tuckere. Es gibt immer mal Zeitpunkte, wo ich ein paar Tage vorher damit beginne, regelmäßig die Wettertendenz zu verfolgen, um mich auf ein Wetter einzustellen. Das ist nicht oft. Ansonsten lebe ich gerne in das Wetter hinein, sozusagen.

Dieses ständige Schimpfen über das Wetter… So, als wenn die Regierung mit Mehrheitsentscheid einen Wetterplan in Vierteljahres-Intervallen festlegte, der alles zu berücksichtigen hat. Also bitte! Ist es lange heiß, klagt die Landwirtschaft, dass mit Ernteverlusten zu rechnen sei. Die dann finanziell ausgeglichen werden müssten. Weil die Produkte sonst teurer verkauft werden müssten. Und ich denke: Ja, klar, dann wird es dieses Jahr eben teurer. Oder es gibt kaum Spargel. Oder die WasweißichErnte fällt nahezu flach. Ist halt so, muss ich selbstverständlich einen höheren Preis für die wertvollere Ware zahlen.
Ist es zu früh frostig, passiert das Gleiche mit der Weinernte.
Ist es zu regnerisch im Sommer, klagt die Tourismusbranche über’s Geschäfte.
Ist der Winter zu kalt, klagen alle über hohen Energieverbrauch.

Ist das nötig? Sind nicht einige Dinge einfach so, wie sie sind?

Wirklich bedenklich ist doch vielmehr der Punkt, wo der Mensch es tatsächlich schafft, das Wetter zu beeinflussen. Die aktuelle Klimapolitik muss sich ja gerade damit auseinandersetzen, dass die Menschheit Einfluss genommen hat auf den natürlichen Lauf der Dinge. Auf der einen Seite sehen wir zwar ein ständig wachsendes Verständnis für klimatische Zusammenhänge und ziehen daraus ein Gefühl von Planbarkeit und Kontrollierbarkeit. Auf der anderen Seite aber dürfen wie nicht die Unkontrollierbarkeit der klimatischen Konsequenzen übersehen. Aus diesem Blickwinkel sollten wir uns Gedanken über das Wetter von morgen machen.

Albert singt jetzt gerade:
Heile heile Segen, 
drei Tage Regen,
drei Tage Sonnenschein,
wird schon wieder besser sein.

Der weiß zwar nicht, was ich hier gerade tippe.
Aber eigentlich ganz passend, finde ich.

prima Klima

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Wochenende um, Konzerte vorbei, Klima gerettet. Oder?

In der Zeitung las ich, dass die Resonanz unterschiedlich war. Zum Teil volle Stadien, zum Teil leere Ränge. Am Samstag hatte ich kurzzeitig ein schlechtes Gewissen, weil ich mir die Fernsehübertragung nicht ansah. Ich hatte so das Gefühl von nicht-mitmachen-wollen, beim Klimaretten. Dauerte aber nicht lang, war nach drei Sekunden vorbei. Man muss ja nicht Fernsehen gucken, um etwas Gutes zu tun.

Die Konzerte haben immerhin Aufmerksamkeit erzeugt. Zwar freute sich die mobile Gastronomie vor Ort, dass auch hier Einwegverpackung erlaubt war (war man nicht vor ein paar Jahren schon mal weiter, als es sogar bei McD. Mehrwegbecher und essbare Pommesschälchen gegeben hatte?), und ein großer Radiosender teilte, wie ich las, noch im Stadion mit, man solle den prima Nachbericht zum Konzert im Autoradio nicht verpassen. Aber die Rettung kann ja auch nicht von einem auf den anderen Tag gelingen.
Wenn ich dann noch Bilder von manchen Popstars in der Zeitung sah, fragte ich mich auch kurz, ob ich mir von denen überhaupt mein Klima retten lassen wollte - so, wie ich mir auf so’nem Astrosender erstens sowioso nicht und zweitens schon gar nicht von den dort wartenden Sympathiebomben die Zukunft voraussagen lassen würde. Vielleicht ist es beim Klima aber eher der Rettungsschwimmer, wenn man am Abgluckern ist; und da würde ich wahrscheinlich auch die Hand vom etwas schrägen Helfer ergreifen, statt künstlerische und intellektuelle Ansprüche zu stellen.

In der Zeit der Konzerte habe ich allerdings viel mehr für das Klima getan als andere: Ich habe Strom gespart. Ich habe den Fernseher einfach ausgelassen, und es ist mir noch nicht mal schwer gefallen. Eigentlich ist das eine gute Methode: Man stellt einige Sendungen einfach nicht mehr an. Man kann auch gleich ein paar Sender nicht mehr anschalten. Würde, wenn es alle machen, auch gleich noch den Betrieb eines solchen Senders sparen. Entlastung von Sendemasten, Sparen von Studiokulissenbeleuchtung, Sparen von Telefonleitungen bei Quizsendungen. Und Ersparen solcher Moderatoren.

Wenn wir dann weniger Strom verbrauchen, dürfen auch noch mehr Unfälle in Atomkraftwerken passieren. Und die Betreiber können es auch gleich zugeben. Klar, wenn da was brennt, denken die, nee nee, wenn die Leute Strom brauchen, um nachts Quizsendungen zu gucken, dann wollen wir denen keine Angst machen, wir sagen einfach, das war so gut wie gar nix. Wenn aber dieser Strom nicht gebraucht wird - dann könnten sie gleich auf ein Viertel der Produktion gehen, statt nur im Falle eines Brandes in der Trafostation.
Aber solange an der Spitze von Atomkraftwerken Unternehmer sitzen, deren Ziel es ist, Geld zu erwirtschaften, solange wird sich an der Atompolitik und dem Bewusstsein für Energiegewinnung nichts ändern. Mag sein, dass in ein paar Dutzend Jahren ölige Manager an der Spitze von Windkraftwerken oder geldgeile Solarkraftanlagenbonzen Lobbyarbeit in  Berlin betreiben, um noch mehr Geld zu machen - ich fände es nicht so schlimm wie den heutigen Zustand.
Und wenn ich noch einmal höre, dass das Abschalten von Atomkraftwerken Arbeitsplätze koste, dann schreie ich. Das hat die Menschheit doch nicht nötig, oder? Wenn man der Meinung ist, etwas sei nicht gut, dann muss man auch die Konsequenzen tragen. Und Alternativen finden.
Wenn ein Rüstungskonzern warnt, ein Umdenken in der Politik könnte den Verlust von Arbeitsplätzen nach sich ziehen, dann denke ich: Ja, es hilft nichts. Soll ich sagen: Ach so, nee, das geht natürlich nicht, dann machen wir weiter, damit alle Arbeit haben. Wir wollen zwar keine Waffen mehr, aber wir brauchen unsere Arbeit.
So ein Quatsch. Also, suchen wir doch Arbeitsplätze in der Welt der alternativen Energien, statt solche in der gefährlichen zu erhalten. Denn verseuchte Nahrung aus dem Umfeld brennender Atomkraftwerke kommt auch bei den Menschen, die ihre Arbeit dort verrichten, nicht sonderlich gut an.

Neben einwandfreier Nahrung kommt übrigens ja auch die einwandfreie Kleidung immer mehr ins Spiel. Der Radiosender meines Vertrauens berichtete gerade von Bio-Baumwolle, ihren Marktchancen, dem Bewusstsein dafür und noch vielem mehr. Ist noch etwas ungewohnt für mich, Bioklamotten, mag sich aber ändern. Trotzdem stelle ich mir das Pärchen im Klamottenladen vor, das darüber lamentiert, dass man doch die genfreie Unterhose echt nicht aus der Biojogginghose gucken lassen darf, weil das zwei völlig verschiedene Brennnesselsorten wären.
Naja. Bald werden wir vielleicht Biofernsehen bekommen, Naturmusik und Windkraftkommunikation. Wir werden uns schon darauf einstellen können.
Sorgen habe ich nur, wenn ich gerade kürzlich von Schafen in Neuseeland und Kühen in der Schweiz höre, die mit der gleichen Problematik zu tun haben: Ihre beim natürlichen Verdauungsvorgang entstehenden Biogase, die ihnen entweichen, sind ein starker Mitverursacher des Ozonlochs.
Und ich frage mich: Darf ich denn jetzt noch guten Gewissens mal pupsen?

W8

w8.jpgAcht Wahrheiten.
Ein Stöckchen von wortteufel.
Nun werden also acht Wahrheiten von mir erwartet.
Mit Erwartungen tue ich mich schwer.
Und da das schon eine Wahrheit ist,
beantworte ich gerne das Stöckchen.
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Die 1. Wahrheit: Ich tue mich schwer damit, Erwartungen zu erfüllen.

Es ist ja nicht so, dass ich Erwartungen extra nicht erfülle. Außerdem geht es nicht um jegliche Art von Erwartungen. Aber ich überlege Dinge eigentlich lieber selbst. Druck kann ich schlecht vertragen.
Am schwersten fällt es mir, Erwartungen von Leuten zu erfüllen, die meinen, ich müsste irgendwie so sein: Leute, die ich von früher kenne, von denen ich mich aber weg entwickelt habe, Leute, die meinen, man macht etwas so, und und und.
Natürlich erfülle ich Erwartungen, die berechtigt an mich gestellt werden. Habe ich für jemanden zu sorgen, bin ich voll und ganz da. Braucht mich jemand, bin ich zur Stelle.
Aber: Meint jemand, man sollte doch mal, das wär so schön, war doch immer so, kann man doch: Nee, das kann ich nicht.
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Die 2. Wahrheit: Ich muss immer mal unvermittelt bei Musik weinen.

Da kann ich gar nichts gegen machen. Häufig ist es, wenn mir Musik, die ich lange nicht gehört habe, wieder zu Ohren kommt. Genauso kann es sein, das die ersten Klänge eines Konzertes oder einer neuen CD der Auslöser sind.
Dass Musik so schön, so intensiv sein kann! Die Art der Musik ist nicht entscheidend - wobei, ehrlich gesagt, ein Technosong mich noch nicht zum Weinen gebracht hat. Andererseits: Eigentlich ist Techno auch zum Heulen.
Davon abgesehen ist die Tatsache, dass mir Tränen in die Augen treten, nicht die mir in der Musik ebenfalls vertraute Möglichkeit des Schauer-über-den-Rücken-laufens, das ist noch was anderes. Das kann ich mit bestimmter Musik ein bisschen provozieren.
Den Tränenfluss nicht.
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Die 3. Wahrheit: Ich liebe die Berge.

Der Inbegriff von Entspannung sieht für mich so aus:

Ich packe meinen Rucksack und schnüre die Schuhe. Der Morgen ist noch neu. Es geht langsam in den Wald hinein. Die Bäume sind nass und tropfen herab. Es ist kühl. Die Luft riecht auf einzigartige Weise. Ich setze Schritt vor Schritt. Ein Atemrhythmus ergibt sich. Schweiß bricht aus. Es geht höher und höher. Kurze Pausen zum Trinken und Durchatmen. Der Wald bleibt zurück, es öffnet sich. Dann: Ein neuer Blick. Die erreichte Höhe wird deutlich. Wolken ziehen unter mir durch. Der Rucksack wird schwerer. Jeder Schritt ist bewusst. Zeit vergeht. Der Weg wird steiniger. Eine kleine Hütte wird erreicht. Kuhglocken läuten. Grüne Wiesen, steindurchsetzt. Hohe Gipfel dahinter. Sonne und Wolken. Ein Glas bei der Hüttenwirtin, billig. Ich sitze auf der Holzbank, lehne mich an die Hüttenwand. Ich atme durch.

Das ist es.
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Die 4. Wahrheit: Ich denke oft an meinen Großvater, wenn ich in den Spiegel schaue.

Als meine Schulzeit beinahe zuende war, ist mein Großvater gestorben. Er hatte eine gute Stunde entfernt gewohnt. Ich hatte eine typische Großvater-Beziehung zu ihm, soll heißen: Bis dahin standen eher regelmäßige Sonntagsbesuche an, Fünfmarkstück in die Hand, draußen rumlaufen und so. Fragen nach früher und das Bewusstsein für seine Geschichte kamen vielleicht gerade erst auf. Heute würde ich gerne mit meinem Großvater reden, ihn vieles fragen.
Er war einige Monate krank gewesen, sein Tod kam nicht allzu überraschend. Der Tod an sich war schon damals kein Tabuthema, ich konnte ganz gut damit umgehen. Ein paar Tage vor der eigentlichen Beerdigung bestand die Möglichkeit, ihn noch einmal zu sehen. Ich fuhr mit meinen Eltern hin. Es war sehr eindrücklich. In Ruhe betrachtete ich ihn, sein Aussehen, sein Gesicht. Die Züge prägten sich mir deutlich ein.
Am Abend zuhause kam ich gerade ins Bad, als mein Vater vor dem Spiegel stand. Ich sah in sein Gesicht und entdeckte plötzlich ganz viel von meinem Großvater, von den Zügen, die ich am Nachmittag gesehen hatte..
Später ging ich in den Keller in mein Zimmer. Als ich dort selbst vor dem Spiegel stand, ging es mir ein weiteres Mal so: Ich sah wieder die Züge meines Großvaters und mich sozusagen als dritten in der Reihe. Es waren die Ähnlichkeiten im Aussehen, die gleichen Züge, doch über drei Generationen verteilt. Ein kleiner Blick in den Lauf der Welt.
Noch heute, wenn ich vor dem Spiegel stehe, sehe ich oft meinen Großvater.
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Die 5. Wahrheit: Ich habe keine Ahnung von Pflanzen.

Ich muss es gestehen: Von Botanik in jeglicher Form habe ich keinen blassen Schimmer. Natürlich kenne ich grundsätzliche Formen und kann sie unterscheiden. Ich kenne und erkenne Birke und Sonnenblume, Eiche und Rose, Kastanie und Klee. Aber dann ist eigentlich schon Schluss.

Nicht, dass ich ignorant wäre. Ich denke nicht, dass ich es nicht nötig hätte, mich mit Pflanzen abzugeben. Es ist mir auch durchaus unangenehm. Und ich bemühe mich auch. Ich bin fleißig dabei, die Pflanzen in unserem Garten zu lernen. Meine Liebste hat ein Händchen dafür, es grünt und sprießt nur so, unglaubliche Fülle erwächst im Frühjahr aus so manchem vermeintlich toten Stück Beet, üppiges Buschwerk, Farbenpracht und Formenvielfalt auferstehen quasi über Nacht. Und ich genieße es. Allein: Ich weiß nicht, was da blüht.

Ich lebe mit dieser Schwäche. Ich halte es da mit Helmut Zerlett. Der war früher vornehmlich Bandleader und nachher  immer öfter auch Dialogpartner von Harald Schmidt. Er sagte in einer Sendung, als es gerade mal um Pflanzen ging, einen Satz, der es auch für mich trifft:
Für mich ist alles Ginster.
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Die 6. Wahrheit: Ich mache mir gerne Gedanken.

Meine Erinnerung an griechische Philosophen ist nicht besonders gut. Hängen geblieben ist etwas von Sokrates, der sagte, er wisse, das er nicht wisse, und damit verdeutlichte, dass man die Weisheit zwar versuchen kann, zu erreichen, sie aber nicht gepachtet hat.

Ich muss sagen: Nichts ist mir suspekter als jemand, der genau weiß, wie die Dinge laufen. Nicht, dass niemand eine Ahnung von irgendwas hätte; es geht mehr um den Umgang mit Wissen. Im Studium hatte ich ein Seminar belegt, das fächerübergreifend angelegt und aus diesem Grund auch mit zwei Professoren bestückt war. Absolut auffällig war der Unterschied in der Vorgehensweise der beiden. Es ging um ein zu untersuchendes Objekt, und während der eine gemeinsam mit uns Studenten überlegte, was es damit auf sich haben könnte, und was er hier sehen würde, wobei er nicht wüsste, wie wir das sähen, sprang der andere dazwischen und erklärte uns genau, was wir da vor uns hätten. Das machte mich eher nachdenklich.

Ebenso erinnere ich mich an ein nicht allzu begeisterndes Pflichtseminar mit nicht allzu ansprechendem Inhalt, in dem der dortige Professor irgendwann mit erboster Stimme darauf hinwies, dass das große Kunst wäre, und er sich verbitten würde, dieser weiterhin nur mäßiges Interesse entgegenzubringen. Das war zwar praktisch, weil man nun nicht mehr selbst überlegen musste, ob es große Kunst war oder nicht. Aber auch das machte mich nachdenklich.

Ich finde, wenn jemand einer Meinung ist, hat das schon mal seine Berechtigung. Und wenn jemand einer anderen Meinung ist, hat das auch schon mal seine Berechtigung. Dann kann man gemeinsam herausfinden, was es damit auf sich hat. Und hinterher vielleicht immer noch unterschiedlicher Meinung sein, vielleicht auch die Meinung des anderen unmöglich finden. Es gibt sie trotzdem, also habe ich nicht die Berechtigung, sie zu verdammen, nur weil ich sie nicht nachvollziehen kann.

Vielleicht ist es dieser Haltung zu verdanken, dass man Bundestagswahlen und Politikerreden übersteht, nicht im Streit mit allen Mitmenschen lebt und immer wieder neue und zum Teil faszinierende Blicke auf bzw. Einblicke in das Leben erhält.
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Die 7. Wahrheit: Ich sage oft mal Sachen einfach nur so.

Das ist manchmal ein bisschen problematisch. Ich bin vielleicht mit anderen im lockeren Gespräch, es wird nett geplaudert, irgendwas wird gesagt, ein Wortspiel oder eine Bemerkung oder ein Kommentar oder ein gespielt hämischer oder ein gewitzter oder gerne auch dummer Satz geht mir durch den Kopf - schon sag ich ihn.
Schwierig: Mir geht’s nur darum, es mal zu sagen. Ich mein das eigentlich gar nicht. Äußert jemand leise Selbstzweifel, bestätige ich ihn gespielt. Hat jemand eine echte Frage, fällt mir nur eine Bemerkung ein, die herrlich absurd wäre. Und mache sie.
Ich bin also an einer Plauderrunde beteiligt, betrachte den Gesprächsverlauf irgenwie ein bisschen von außen, wie ein Theaterstück, und führe es einfach weiter. Manchmal sollte ich da besser nichts sagen. Oft kann ich die Leute gar nicht richtig einschätzen, kenne sie nicht immer alle. Die gucken mich dann gerne mal ein bisschen komisch an. Was ich verstehen kann. Andererseits ist es auch möglich, die Runde enger zusammenzuschweißen und einen netten weiteren Abend zu verbringen.

Beispiel?
Ich bin auf einer Uni-Party überwiegend Ehemaliger, der Abend ist nett, Musik läuft, ein kleines Feuerwerk brennt ab, irgendjemand holt ein Bier, wir stoßen an, ich sage: Auf Hannelore Kohl.
Um’s mal zu sagen.
Besagte Frau Kohl war Tage zuvor aus dem Leben geschieden, die Medien hatten ein etwas seltsames Spiel mit den Hintergründen ihres Todes getrieben - Lichtallergie und so - und die mediale Betroffenheit dominierte das Zeitgeschehen. Und? Muss man da beim Zuprosten Auf Hannelore Kohl sagen?
Nein. Muss man nicht. War aber schon passiert. Erstem Oha und Nach-Luft-schnappen folgte eine kleine inhaltliche Diskussion über besagte Medienphänomene, und es entwickelte sich zu einem ganz guten Abend.
Aber: War das nötig?

Ich will mich bessern. Eigentlich.
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Die 8. Wahrheit: Ich habe gerne ein Kind an der Hand.

Ganz ehrlich: Es gibt nichts Schöneres als die Hand eines Kindes an der eigenen, besser wohl: in der eigenen. Ein warmes Patschehändchen, gern etwas verklebt oder feucht, ein bisschen dicklich, und die Fingerchen greifen in die Handfläche, suchen Halt. Die eigene Hand umschließt die Kinderhand, sorgsam, hält zur Not das ganze Gewicht, wenn es zum Stolpern kommt, greift auch mal fester, wenn ein Loslassen nicht sein darf.

Vielleicht liegt es daran, dass es so viel mehr ist als das bloße Halten einer Hand. Es hat ganz viel mit dem Menschen zu tun, mit Liebe, mit Geborgenheit und Vertrauen, mit Nähe, Begleitung und Führung. Alles durch die Verbindung zweier Hände auf dem gemeinsamen Weg.

Händchen in Hand. Und dann stapft man los.
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Völkerkunde

sonst-wird-dich-der-jager-holen.jpgAlso, Völkerkunde. Das klingt irgendwie nach 7. Klasse, Ausflug ins Museum, lange Bahnfahrt, holzgeschnitzte Einbäume neben drei Lehmtöppen, ein einzelner Holzspeer, Schilder und Tafeln mit ellenlangen Erklärungen, die ganze Zeit ‘ne nasse Jacke überm Arm, voller Rucksack, Wurstbrot wird zerdrückt, Trinkflasche läuft aus, merkt man erst später.

Ethnologie, das klingt schon cooler. Man weiß nicht genau, was es bedeutet, ist aber egal. Während Völkerkundler Sandalen zur grauen Bundfaltenhose tragen, sind Ethnologen vielgereiste, sonnengebräunte Kraftpakete mit intellektueller Ausstrahlung und ‘ner Menge Geschichten.

Sei’s drum, ob Völkerkunde oder Ethnologie, ich betreibe es jetzt auch. Interessiert mich einfach. Aber warum in die Ferne schweifen (sagt der Volksmund doch so treffend), wenn eines der unerforschtesten Völker doch so nah liegt?! Einerseits hätte ich gar nicht das Geld, um Forschungsreisen in ferne Länder und Kulturen zu unternehmen. Und andererseits versteh ich ja meist meine eigene Kultur und mein eigenes Volk nicht. Man sollte also vor der eigenen Haustür anfangen und sich intensiv mit Menschen, Sitten und Gebräuchen aus den deutschen Landen auseinandersetzen. Viel weiter kommt man auch gar nicht. Es ist ein Forschungsfeld ohne Ende.

Interessant ist, dass sich scheinbar zusammenhangslose Einzelergebnisse unvermittelt verbinden und verdichten können und auf diese Weise ein genaueres Bild dieses Volkes zu zeichnen in der Lage sind.

Der Reihe nach: Ein Besuch beim Tierarzt, den ich vor kurzem tätigte, gewährte mir einen Einblick in eine Welt, die eigentlich so nah und dann doch so fern ist. Während der Wartezeit griff ich mir eine Zeitschrift des Schäferhunde-Verbandes. Und las mit zunehmendem Interesse. Nicht, dass ich einen Schäferhund hätte. Nicht, dass ich überhaupt einen Hund hätte. Ich wollte einfach mal ein bisschen in das Vereinsleben eines Schäferhundverbandes hineinschnuppern. Und ich lernte vieles.
Ich erfuhr von der deutschen Meisterschaft der Hütehunde, mit sämtlichen Teil- und Schlussergebnissen, photoreich bebildert. Ich las das Grußwort eines Vorsitzenden, der auf die besonderen Zuchterfolge hinwies. Ich eignete mir Wissen an über Hundetransportboxen, Zwinger verschiedenster Größen- und Preisklassen und sämtliche Artikel des Fanshops. Ich traf auf Sätze wie “nach kurzer Einarbeitung wurden prüfungsrelevante Teilabschnitte gehetzt bzw. figuriert” oder “neben der kurzen Flucht wurde der Überfall aus dem Rücktransport geübt” und lernte in Porträts Hunde kennen, denen “druckvolles Stellen und kräftiges Verbellen” eine Selbstverständlichkeit sind. Im hinteren Teil des Heftes gab es eine Art Kontaktanzeigen, in denen die besonderen Qualitäten und Vorzüge der Hunde nebst Stammbaum möglicherweise interessierten anderen Hunden die Möglichkeit zum näheren Kennenlernen schmackhaft machen sollten.
Wahnsinn. Für mich sind Hunde immer die Begleiter des Menschen gewesen, die das Leben teilen, meist eine feine Charakterausprägung haben und ansonsten so leben wie du und ich. Sozusagen. Aber hier, mitten in meiner Welt, tat sich diese andere Welt auf, die mir so fremdartig und unbekannt erschien und offensichtlich doch das Leben vieler Menschen prägt.

Der nächste Einblick wurde mir in diesen Wochen gewährt, stets dann, wenn ich die Zeitung aufschlug und eher im Bereich Lokales landete: Bilder über Bilder von Schützenfesten und ihren Ausmärschen. Ein Dutzend eigentlich gleich aussehender Frauen um die Sechzig, die La Ola machen. Ihre Jacken verziert mit einer nicht zu zählenden Menge von Orden, die Assoziationen zu russischen Generälen der Achtziger Jahre hervorrufen. Freudestrahlende Sieger mit Pokalen in den Händen. Uniformierte Kleinkinder, die winkend durch Kleinstadtstraßen laufen. Unfassbare Ereignisse wie die Tatsache, dass das erste Mal überhaupt in der Vereinsgeschichte die Schützen beim Ausmarsch die Jacken ablegen durften, weil die Hitze so unerträglich war. Wirklich.
Und ich staune. Eine Parallelwelt zu der meinigen. So nah dran. Und doch unerreichbar für mich.

Und dann die Verdichtung: Heute morgen ging ich routinemäßig zum Arzt. Im Wartezimmer fiel mir sogleich eine Broschüre ins Auge, die ich mir greifen musste. Ich blätterte sofort los und las und las. Und ich kam mit meinen Forschungsarbeiten ein großes Stück voran. Denn hier wurden Verbindungen dieser beiden beschriebenen Kulturen deutlich. Die Kultur des Umgangs mit dem Hund und die der Schützen verdichteten sich und verfeinerten das Forschungsbild des Volkes, das ich erkunde.
Ein Lehrhof für Jägerei präsentierte sein Jahresprogramm. Und ich kann es vorwegnehmen: Da ist für jeden etwas dabei. Zuerst einmal für Schützen mit Hunden das Seminar für “Hundeführer, die ihren Hund auf Schweiß führen wollen”. Ein Lehrgang, der “das notwendige Rüstzeug für die Arbeit auf der Fährte mit dem Fährtenschuh vermittelt.” Damit ist eigentlich alles gesagt. Die Jäger auf dem dazugehörigen Bild sahen im Übrigen genauso wie die Schützen bei ihrem Ausmarsch aus. Nur alle mit Jacke.
Damit nicht genug: Man kann ein Drückjagdseminar belegen, wenn man “verschiedenste Drückjagdsituationen im modernen Schießkino” trainieren will. Man kann ein Lockjagdseminar wählen - mit dem Untertitel “Täuschen, Tarnen, Überlisten” -, wo auf “Hirschruf, Rehwildblatten und Fuchsreizen” eingegangen wird. Man kann aber auch ein Schwarzwildseminar für die “Freunde und Kenner des Schwarzwildes” belegen; hier allerdings weiß ich nicht, ob diese Freundschaft von Dauer ist.
Ein Anschussseminar befasst sich mit dem Thema “Krankgeschossen - was nun?” Und wer es musikalisch mag, zum Seminar Jagdhornblasen Mittelstufe gehen. Oder zum Seminar für B-Hörner. Oder zum Seminar für Es-Hörner. Wie man mag.
Ein Seminare hatte mich leicht verwirrt. Eines, in dem “auch das Ansprechen von Wild nicht zu kurz kommt.” Das klang gut. Ich dachte einen Moment lang, dass mein Arzt vielleicht in Wirklichkeit Dr. Dolittle wäre und die Broschüre von ihm ausgelegt worden sei. Oder war es der Pferdeflüsterer? Vieleicht bin ich nach solch einem Seminar schlauer, es endet auf jeden Fall mit “praktischen Ansprechübungen”.

Das eigentliche Kernseminar aber, die Auseinandersetzung mit dem Thema schlechthin, zog mich vollkommen in seinen Bann. Hier zeigt sich nämlich, dass auch die mir fremde Welt sich mit sich selbst auseinandersetzt. Die fremde Welt ist bereit, sich zu erklären! Das ist ist natürlich ein unschätzbarer Vorteil für den Völkerkundler. Nichts ist schlimmer als Desinteresse oder Verstocktheit.
Das Seminar, das dies verdeutlicht, lautet Argumente für die Jagd. Und die Erläuterung zum Seminar spricht so dermaßen für sich selbst, dass ich eigentlich gar nichts hinzufügen möchte:
“Schlagfertig und sicher argumentieren für die Jagd in Theorie und Praxis. Innerhalb dieses Seminars werden Grundlagen der Kommunikation mit der nichtjagenden Bevölkerung, den Medien bis hin zu Jagdgegnern vermittelt. Weiterhin werden den Teilnehmern Fakten und sachliche Argumente zur Jagd näher gebracht, damit diese in Konfliktsituationen angewendet werden können.”

Da weiß man Bescheid.

Webmaster and Controller

Ein paar Tage habe ich gebraucht, um zu packen. Ich denke, nun habe ich alles beisammen. Eine Mannschaft stelle ich gerade zusammen. Willkommen ist, wer ebenfalls bereit ist, das Wagnis einzugehen, wer stark genug ist, vieleicht nicht auszuschließende Unsicherheiten und Zweifel auszuhalten, wer gefestigt genug ist, an dieser Vision festzuhalten: Die Entdeckung einer neuen Welt.

Ein Artikel von wortteufel hatte mich nachdenklich gemacht. Ich betrachtete das Ende des Internets und war verwirrt: Nie zuvor hatte ich mir darum Gedanken gemacht. Klar, bis zum Horizont ging es, das war keine Frage. Aber ein neuer Gedanke umkreiste mich: Was ist, wenn das Internet keine Scheibe ist? Wenn es eine Kugel ist? Dann müsste man, sofern man nur lange genug unterwegs ist, am anderen Ende wieder ankommen. Ein phantastischer Gedanke. Einer, der sich verfestigte. Einer, der mich so reizte, dass ich mich nun auf diese Reise begebe.

Ich weiß, man wird uns Spinner nennen, Dummköpfe, vielleicht sogar Ketzer - sei’s drum. Ich werde starten. Ich sehe die Reise bereits vor mir, durchlebe sie schon. Die Mission

WEBMASTER AND CONTROLLER

Die Explorer liegt noch träge im Port. Der Proviant wird an Motherboard gebracht. Service Pack um Service Pack kommt an seinen Speicherplatz, alles wird komprimiert, bis die Explorer bis auf das letzte Bitchen gefüllt ist. Der 19-Zoll bereitet uns keine Probleme. Nicht mal die Maus hat er bemerkt.

Leise Lüftungsgeräusche sind zu hören. Ansonsten Stille. Der Media Player hat sein letztes Lied gespielt. Er bleibt zurück, wie so viele andere aus der Web-Community. Die Kabel werden gekappt, die Explorer läuft aus. Langsam sehen wir, wie der Port hinter uns runtergefahren wird.

Mit viel Energie und wlan fahren wir dahin, unter uns unhörbar die wave-Dateien. Der Kurs soll bestimmt werden. In der Kajüte des Webmasters trifft sich der Kern. Angestrengte Atmosphäre. Wieder und wieder werden Blicke auf Google Earth geworfen. Doch welcher Router soll gewählt werden?

Derweil versorgt die Combüse die Besatzung mit Nahrung. Küchenjungen werfen das Net aus, um News zu bekommen; den mit der Zeit verliert die Mannschaft die Lust auf Hardware. Nur den Webmaster, den Controller und die wenigen Anderen mit Zugriffsrechten erwartet eine Festplatte.

Tags vergehen, ohne dass Nennenswertes geschieht. Nur der Schiffsarzt bekommt alle Hände voll zu tun. Gelegentliche Ausfälle sind nicht ungewöhnlich; jetzt aber verbreitet sich ein Virus am Mainboard. Der Arzt tüftelt an einem Schutzprogramm, um das Schlimmste zu verhindern und den Virus unschädlich zu machen.

Doch die Ausfälle häufen sich. Vielleicht ist das der Grund dafür, das die Explorer immer langsamer und träger zu werden scheint. Die Stimmung sinkt, die Netzspannung aber nimmt zu. Immer öfter erreichen Fehlermeldungen den Webmaster. Er wird nachdenklich.

Doch unvermittelt ändert sich die Lage: Der Mann im Outlook hat etwas entdeckt; er ist so aufgeregt, dass er beinahe einen Absturz riskiert. Nur ein beherzter Griff in die Taskelage hält ihn in seiner Position. Was er entdeckte, entpuppt sich als ein Angriff feindlicher Hacker-Piraten mit einem hinterhältigen Programm im Anhang, die versuchen, die Explorer zu übernehmen. Höchste Sicherheitsstufe! Ein Kampf auf Leben und Tod entbrennt, vieles wird unbrauchbar und geht unwiderruflich verloren. Doch eine Firewall bringt letztlich den Sieg. Der Kampf ist beendet. Es gibt Datenverluste auf beiden Seiten. Mit Gefangenen wird kurzer Prozessor gemacht.

Es folgt die Ruhe nach dem Sturm. Müde dümpelt die Explorer vor sich hin. Webmaster und Controller sind kaum zu sehen. Stunden brüten sie über ihren Dateien.

webmaster-controller.jpgUnd doch, endlich, nach langer Zeit, geben sie das Signal: Sie sind soweit, die entscheidende Etappe kann beginnen. Schnell wird der Befehl weitergereicht, dort unten hin, wo sie nur darauf gewartet, auf diesen Befehl, sie, die so vieles längst eingegeben haben, diese schwitzenden, hart arbeitenden Männer im Suchmaschinenraum.Sie sind bereit. Bereit für ENTER.

beeindruckend

Gestern war ich unterwegs. Ich fuhr nach Berlin. Lange Bahnfahrt hin, lange Bahnfahrt zurück. Für viereinhalb Stunden Berlin. Zum world summit of women. Fragen Sie nicht, warum ich da hinfuhr, das würde zu weit führen. Ich war halt einfach da.

Nobelhotel, eine Menge Sterne, dicke Autos davor, Pagen in Livree schieben goldene Gepäckwagen durch die Halle, diverse Sitzgruppen laden zum Verweilen ein, elegante Portiers stehen hinter holzvertäfelten Rezeptionen. Leichte Musik, leises Wasserplätschern, endlos scheinende Gänge. Ich fühle mich etwas fehl am Platze, allerdings wird mir das von niemandem vermittelt - die Atmosphäre ist durchaus angenehm.

Am Eingang zum Veranstaltungssaal Gedränge, hoher Geräuschpegel, kaum vorbeizukommen. Ein erster Vorgeschmack. Im Hinterzimmer die Möglichkeit, ein paar Sachen abzulegen. Gebäck und Getränke stehen bereit, auch Sandwiches für später. Freundliche Hotelkräfte helfen bei zu klärenden Dingen.

Zurück zum Saal, durch den Publikumsstrom hindurch, der noch wartet. Kaum Zeit, Eindrücke zu gewinnen, nur die Menschenmenge an sich ist spürbar. Der Raum bestuhlt bis in den allerletzten Winkel, hervorragend ausgeleuchtet, mit riesigen Projektoren ausgestattet, mit Übersetzerkabinen, Klangabmischung, Personal, Kopfhörerverteilung. Letzte Absprachen vor Ort, immer noch offene Fragen. Eigentlich im Vorfeld alles genau besprochen. Aber es wird sich schon finden.

Schließlich durch die Menschenmenge zurück zum Hinterzimmer, noch etwas Zeit. Telefonate, überwiegend ohne Erfolg. Um mich herum ein Handygebrauch, den ich so noch nicht erlebt habe. Das Hotel muss überschwappen vor Funkwellen. Der Auftakt naht, zurück zum Saal, der sich langsam füllt.

Während sich der Beginn verzögert, Zeit für einen Blick auf die Menschen, endlich.
Und war zuvor im Hotel das Klischee des reichen Gastes bedient worden, war bislang am Veranstaltungssaal ein europäisches Klientel auszumachen gewesen, jetzt ändert sich das Bild: Der Saal wird voll bis ganz nach hinten; er füllt sich mit starken Frauen. Unglaublich.
Du siehst jemanden an, und erahnst eine Geschichte dahinter, bekommst ein Gespür für Stärke, Engagement, Wille.
Frauen aus Indien, Japan, Südamerika, den Philippinen, schwarzafrikanischen Staaten, nordafrikanischen, arabischen und etlichen mehr.
Stolz ohne Arroganz, Stärke durch Ausstrahlung, Präsenz durch berechtigtes Selbstbewusstsein. Beeindruckend.

Anfangs singt ein Chor, wunderbar. Ich höre hier nicht mit meinen, sondern mit anderen Ohren, während ich die vielen starken Frauen sehe: Mit afrikanischen, mit chinesischen, mit amerikanischen - wie mag das klingen, so etwas deutsches, hier, in einem Hotel in Deutschland, wo das eigene Umfeld sicherlich vollkommen anders aussieht und anders klingt? Kulturen treffen sich hier, die grundverschieden sind.
Als die deutsche Ministerin spricht, ist das nicht falsch, ist auch berechtigt; aber es ist nicht getragen von diesem berechtigten Stolz, den die anderen Frauen haben.
Ich weiß nicht, was diese Frauen tatsächlich tun. Ich kann Vermutungen anstellen, darüber, was die in beindruckender Landestracht gekleidete Inderin in bei sich vor Ort bewirkt und tut, darüber, für was sich die dunkelhäutige, kräftige ältere Frau zuhause einsetzt, darüber, welches Anliegen der zierlichen Chinesin in ihrer Heimat am Herzen liegt.
Ich weiß nicht, was sie tun. Ich weiß aber, das sie es tun. Sie tragen es im Gesicht, in den Augen, in ihrer Körpersprache.

Ich bin noch immer beeindruckt.

Wo gibt’s den nur?

pict0001.jpgWir leben in einer realen Welt. Ist ja erstmal okay so. Aber liegen nicht irgenwo verborgen noch andere Welten, Welten, von denen wir vielleicht schon mal gehört haben? Die wir uns schon mal gewünscht haben? Die zu erreichen ein doch sehr lohnendes Ziel wäre?

In der realen Welt fragt Jack: “Haben wir einen Essensatlas oder so?” Man antwortet: “Äh, einen … Essensatlas?” Jack: “Ja, ich will was über Kaugummi schreiben.”

Möglichkeit 1, mit dieser Situation umzugehen: Real. Was du meinst, könnte man antworten, ist ein Lexikon, ein Nachschlagewerk, von mir aus auch eine gute Internetverbindung, um sich Informationen zur Geschichte des Kaugummis, die Zusammensetzung des Kaugummis und die verschiedenen Arten des Kaugummis zu besorgen.

Real. Aber auch nicht mehr.

Möglichkeit 2: Innerliches Ausmalen, wie der Essensatlas denn wohl aussieht, was er an Informationen liefert und letztlich abwägen, ob man ihn in der eigenen Bücherwand schon mal gesehen hat.

Und bevor man sich an die Beantwortung dieses letzten Punktes heranwagt, geht man auf Reisen. Ein Essensatlas. Wunderbar. Quasi die Landkarte des Schlaraffenlandes, exakt vermessen und kartografiert, in saubere Zeichnungen umgesetzt, mit Längen- und Breitengraden versehen - gern auch mit Kilometerangeben - und fest eingebunden, damit er auch unterwegs nicht gleich auseinanderfleddert.

Man schlägt also auf`s Geratewohl auf, landet auf der Seite 173 und ist schon mittendrin. Die längst in Vergessenheit geratenen Milchseen - wer erinnert sich nicht plötzlich an diese alten Erzählungen aus der Kindheit - werden befahren, Bug voraus, eine steife Brise treibt uns voran. Einzelne geräucherte Lachsschwärme umkreisen uns, springen munter ums Boot. Einige Seemeilen voraus sollen sich die Butterberge befinden, sagt uns die Karte. Und richtig, mit einem Mal weht uns ein erster Hauch von Kakao um die Nase: Kakaobutter. Wie im Essensatlas verzeichnet. Je näher wir kommen, desto höher erscheinen sie. Obenauf mit Puderzucker bedeckt. Und zu ihren Füßen ein Strand aus Zuckersand, durchflossen von wohlig warmem Kakao. Rechterhand erblicken wir auch tatsächlich den Zuckerhut, wie angegeben. Am Steak legen wir an, schlagen uns durch Unmengen frittierter Auberginen, tunken kurz in die pikante Paprikacreme, weichen ehrfurchtsvoll vor den heißen Kaffeequellen zurück, umrunden die Curry-Kürbis-Suppe, benetzen unsere Zungen mit dem Tau des Weines, probieren vom Käseaufschnitt, gelangen durch die Höhle des Rollbratens zum Kuchenteich, und, und, und …

Ich geh jetzt meine Bücherwand nochmal durch.