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Finger

So alt bin ich, Papa, verkündet Albert und streckt mir seine Hände entgegen.
Wir sitzen im Auto und sind auf dem Weg zum Einkaufen. Mühsam streckt er die Zeige- und Mittelfinger, soviel erhasche ich beim kurzen Seitenblick.
Und so alt werde ich, fügt er hinzu. Es dauert ein paar Sekunden, dann sind auch noch die Ringfinger gestreckt.
Du meinst sicher nur eine Hand, oder? frage ich.
Nein, er meint schon beide. Ist auch okay.
Und wie alt bist du? fragt er.
Ich, sage ich, ich bin so alt, das kann ich nicht mit einer Hand zeigen. Also, ich bin so (ich halte ihm eine Hand mit ausgestreckten Fingern hin und mache sie wieder zur Faust) und so (wieder strecken, wieder Faust) und so und so… Weiter komm ich nicht. Weil Albert lacht.
Guter Witz offensichtlich, so alt zu sein.
Doch, ehrlich, sage ich.
Albert nimmt’s so hin. Er denkt schon wieder an etwas anderes.
Wie macht der Junge von dem Vater mit der Bahn? fragt er und versucht einen weiteren Finger zu strecken.

Ich weiß, was er meint. Tags zuvor hatte ich bei den Großeltern von einem Kind von Bekannten erzählt, und Albert will das nochmal genau hören. Ich wusste gar nicht, dass er es überhaupt mitbekommen hatte. Das besagte Kind hatte bei einem verwandtschaftlichen Zusammentreffen auf die Frage, wie alt es sei, geantwortet, es sei so alt - wobei es vier Finger zeigte -, aber wenn es mit Papa mit der Straßenbahn führe, sei es so alt - wobei es drei Finger zeigte.
Folgsames Kind. Der Vater war daraufhin etwas rot geworden.

Albert findet es, als ich es ihm jetzt nochmal erzähle, nicht sonderlich merkwürdig. Zahlen sind halt relativ. Und warum die Finger mit dem Alter zusammenhängen, ist schon an sich etwas komisch.
Ich mache dann noch den Fehler, den “wahren” Spruch aufzusagen, der mir von früher wieder in den Sinn kommt, obwohl ihm die Zahlen wahrscheinlich sowieso nicht viel sagen:
Also, Albert, hör mal genau zu:
Zehn Finger habe ich an jeder Hand. Fünfundzwanzig an Händen und Füßen.

Woraufhin Albert ganz entrüstet guckt.
Stimmt aber nicht, sagt er.
Doch, ist wahr, sag ich, das stimmt wirklich!
Nein, sagt er, an den Füßen hast du keine Finger.

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Deluminator gefällig?

Freunde des werten Harald P. werden ihn aus seinen Erzählungen kennen, Anderen sei er wärmstens empfohlen: Der Deluminator. Gerade in Zeiten des bewussten Umgangs mit Energie und dem Bestreben des Einsparens, wo immer es nur möglich ist, ist der Besitz eines Deluminators eine wahre Goldgrube. Er spart Strom, wo er nur kann. Dies tut er, indem er das Licht quasi aus dem Raum zieht. Die Folge ist völlige Dunkelheit. Bei Bedarf erreicht ein einfacher Klick des Deluminators, dass das Licht wieder zurückkehrt.

Ich habe einen solchen Deluminator. Er heißt Albert. Er ist in der Lage, spontan das Licht aus seiner Umgebung abzuziehen. Ungemein praktisch.

Wir gehen durch ein blaugelbes Möbelhaus aus nördlichen Landen. Raum an Raum wird dem Auge Mobiliar geboten. Bis zum Einsatz des Deluminators. Albert entdeckt an den unmöglichsten Stellen die Schalter der dortigen Lampen. Aller Lampen. Schaue ich mal kurz hier, mal dort und gucke nach ihm im nächsten Augenblick - das Abziehen des Lichtes verrät in etwa, wo er sich herumtreibt. Oft ist höchstens ein kniender kleiner Mensch von hinten, halb verborgen hinter etwaigen Tischchen, zu sehen, oft nicht mal das. Denn dann wird es dunkel. Zumindest dunkler.

Ein unbegreifbarer Reiz scheint von diesen Lichtern auszugehen. Es ist nicht so, dass wir zuhause kein Licht hätten. Es hätte ja sein können, dass, so wie manche Kinder möglicherweise sagen, bei ihnen gäbe es keinen Fernseher zuhause, Albert verkünden könnte, seine Eltern hätten kein Licht, die würden davon nichts halten. Aber nein, wir haben Licht, wir machen es sogar regelmäßig an. Solange es an bleibt.

Vor ein paar Tagen suchen wir ein Café auf, Jack, Albert und ich, um eine Wartezeit mit einer ordentlichen Portion Eis zu überbrücken. Wir kommen rein, suchen uns ein Plätzchen, Jack und ich klären, wer wo sitzen will und soll und darf, und der Deluminator nutzt den kleinen Moment, um das Licht abzusaugen. Hinter einer Säule mit einem kleinen Springbrunnen in einer Ecke guckt sein Hintern hervor, soviel kann ich im schwachen Restlicht des Tages erkennen. Der Bitte um Wiederherstellung kommt er allerdings eilends nach. Im Dunkeln ist ja auch schwerlich etwas zu bestellen.

Und beim Wochenendeinkauf im Großsupermarkt ist es wieder soweit. Albert schiebt den Wagen, ich bitte ihn, zu warten, weil ich eine Zeitung suche, er geht weiter, sagt er warte bei den Fernsehern und schiebt ab. Nach einem kurzem Moment gehe ich hinterher. Biege um das letzte Regal. Sehe einen Restalbert von hinten. Sehe ihn eine an einer Kette hängende Fernbedienung vor sich herschwenken. Verfolge seinen Finger auf dem Weg zu einem roten Knopf ganz oben. Sage mit leicht erhobener Stimme nein, stop, nicht drücken, Albert. Sehe, wie sich sein Zeigefinger auf den Knopf senkt.

Und dann geht die ganze Fernsehwand aus. Auf einen Schlag. Alle Fernseher schwarz. Und stumm. Albert guckt jetzt selbst etwas irritiert. Er hat also den Receiver für das Antennensignal lahmgelegt. Erste Blicke von Umstehenden. Solche na, alles kaputtbekommen?-mäßige Blicke. Ich greife die Fernbedienung und versuche die Reaktivierung. Albert ist schneller. Das Drücken auf eine bestimmte Taste (nicht die rote!) lässt alle Bildschirme gleichzeitig kurz aufblitzen, dann erscheint ein Infofeld, dass einen Sender ankündigt. Und dann läuft wieder der Musiksender, der zuvor schon lief.

Und ich schnapp mir den Deluminator, bevor er die Energie aus den Kühl- und Gefriertruhen, den Kassen, der gesamten Beleuchtungsanlage und der Sprenkler- und Sicherheitsanlage ziehen könnte.

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Mein Lieblingssatz

Zubettbringen.
Ein Vorgang voller Rituale.
Albert braucht das. Eine feste Grundform, an der nicht gerüttelt wird, dazu gelegentlich kleinste Veränderungen, die im Laufe der Zeit an Bedeutung gewinnen können, wobei sich andere Elemente langsam ausblenden. Ganz faszinierend.

Im Moment besonders im Fokus: Der letzte Schritt. Albert liegt bereits im Bett, das Licht hat er bereits ausgemacht, er ist zugedeckt, er hat seinen Teddy im Arm, er räkelt sich und mummelt sich schön ein. Ich flüstere die vertrauten Dinge, er möge etwas Schönes träumen, ich freute mich schon auf den nächsten Tag, er habe es so schön kuschelig, er möge eine gute Nacht haben.
Wohliges Brummen ist die Antwort.

Und dann: Noch kuscheln, Papa.
Klar, sage ich, knie mich vor das Kinderbett (wobei ich mir gelegentlich ein Knie am Bettrand anschlage), taste mich vorwärts, spüre in meiner linken Seite die Ecke des Nachttisches und werde fest umschlungen.

Ein Seufzer. Wohlig.

Der Nachttisch drückt immer noch.
Macht nichts.

Und dann:
Papa?
Ja? sage ich.
Du musst noch sagen: ‘Weißt du, was mein Lieblingssatz ist?’.
Ich sage: Weißt du, was mein Lieblingssatz ist?
Und dann sagt Albert:
Ich lass dich nie…mals … los! Mit wirkungsvollen Pausen zwischen den letzten Silben.

Das hatte er mal gesagt. Und ich habe geantwortet, dass das wunderschön sei. Und nach ein paar Malen hatte ich gesagt, das sei mein Lieblingssatz. Jetzt ist er mittlerweile fest im Ritual verankert.

Ja, sage ich, das ist mein Lieblingssatz.
Und dann hält er mich in seinem Arm.
Und lässt mich niemals los.

Ich habe inzwischen etwas Probleme mit der Atmung. Meine Nase, sowieso schnupfengeplagt, sucht intensiv nach einer Lücke zwischen Schlafanzugpulli, Decke und Teddy.
Meine Knie beginnen zu schmerzen, auf dem Holzfußboden.
Die Nachtischecke wird nicht angenehmer für die Seite.
Mein Rücken macht sich bemerkbar.

Ich denke: Wenn jetzt jemand reinkäme und das Licht anmachte, würde, was er sähe, schon reichlich merkwürdig aussehen, so ein großer kopfloser Mensch auf Knien mit durchgebeugtem Rücken, der leise schnaufend versucht, Luft zu bekommen.

Aber irgendwann macht Albert die Klammer einfach auf.
Zieht die Decke richtig über sich.
Und brummt nochmal.

Gute Nacht, flüstere ich, schlaf gut.

Und dann geh ich raus.
Mit dem Geruch seines Pullis in der Nase.
Und meinem Lieblingssatz im Kopf.

Mit Schalter

Albert sitzt neben mir im Auto. Er sitzt jetzt lieber vorne mit seinem Sitz.
Da kommt man besser an alles dran.
An den Türverriegelungsknopf. An die Fensterheber. An den Außenspiegel. An das Radio. An verklebtes Bonbonpapier auf der Mittelkonsole.

Außerdem erhöht das Vornesitzen die Kommunikation.
Noch etwas mehr.

Zu meinem Geburtstag, sagt Albert, zu meinem Geburtstag, da wünsch ich mir eine Brille, sagt Albert.
Soso, sage ich, du möchtest eine Brille haben. brille.jpgUnd will gerade ansetzen, dass er ja - zumindest noch - keine Brille benötige.

Ja, sagt er, so eine Brille, wenn man die anschaltet, dann geht die so hoch und so vor die Augen.

Bitte was für eine Brille? sage ich.

So zum Anschalten. Mit einem Schalter dran. Nicht so eine wie Oma hat, sagt Albert.

Nicht so eine wie Oma hat? frage ich.

Nein, nicht so eine wie Oma hat. Albert verfällt in einen leichten Plauderton. Oma macht das immer mit der Hand so hoch, die Brille hat keinen Schalter. Ich will eine Brille mit Schalter. Die geht dann - sssssssmm - so hoch, dann kann man durchgucken. Und wenn man wieder auf den Schalter drückt, geht sie wieder so runter.

Und dann guckt Albert so zu mir, als wär ich etwas schwer von Begriff.
Bin ich wohl auch.
Ich glaube, er ist meiner Zeit ein Stück voraus.

Bing!

So richtige Tante-Emma-Läden kennen wir wohl gar nicht mehr. So einen Laden, wo hinterm Tresen eben eine Tante Emma steht und, wenn man an der Reihe ist, fragt, was man denn brauche, um dann links ins zweitoberste Regal zu greifen, die Dauerwurst zu schnappen, sie auf die Waage zu legen, ein halbes Pfund abzuwiegen, es ordentlich in Papier einzuwickeln, den Preis zu nennen, Geld zu erhalten, den Betrag mit Wucht in die schwere Kasse einzutippen, aus der sich öffnenden Lade Wechselgeld zu entnehmen, sie mit Schwung zu schließen, dadurch eine Glocke anzuschlagen und mit diesem Bing! den Verkauf abzuschließen.

Nichtsdestotrotz steht für Albert ein solcher Laden an. Vor nun doch schon geraumer Zeit wurde der Kaufmannsladen von Lula und Jack leergeräumt, die Waren kamen ins Lager, das Geld in die Kasse und der Laden selbst wurde, soweit es ging, auseinandergenommen, um ihn gut zu verstauen. Aber beim nächsten großen Fest wird er wohl entstaubt, zusammengesetzt, bestückt und aufgebaut, um weitere unzählige Einkäufe im eigenen Haus durchführen zu können.

Einige vereinzelte Waren haben schon jetzt wieder den Weg in den weintrauben.jpgWarenkreislauf gefunden, zu groß waren Nachfrage und Bedarf. Von Albert. Denn im Moment wird meist eingekauft. Und nur Bücher, Legosteine und Autos zu kaufen und verkaufen, spiegelt denn doch nicht die Einkaufserfahrungen Alberts wieder. Also gibt es schon mal Weintrauben, Toastbrot, eine Möhre und drei, vier andere Dinge.

Der Rest wird improvisiert. Und das vermittelt ein Gefühl von Supermarkt zuhause, das man es irgendwann nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Piep!

Also: Albert holt seinen kleinen Holzstuhl, stellt ihn sorgsam vor den Wohnzimmertisch und setzt sich ordentlichst darauf. Vor ihm: Der Laptop. Neben ihm die Waren, ein Beutel, etwas Kleingeld. Und dann wird gekauft. Das heißt, man wird genötigt, etwas zu kaufen, immer wieder. Und Albert kassiert. Genauer gesagt: Er scannt. Jeder Artikel wird mit Elan über das Touchpad geschwungen und dann sagt Albert mit hoher Stimme: Piep!

Einmal Weintrauben. Piep! Einmal Toast. Piep! Eine Möhre. Piep! Und so weiter. Piep! Piep! Piep! Mit immer gleicher Tonhöhe, in immer gleicher Vorgehensweise. So wird kassiert heutzutage. So kennt er es, so macht er es.

Das ist süß, wie er das macht, eifrig und ernsthaft. Aber ein kleiner Kulturverlust wird hörbar: Dieses Piep! anstelle des Bing!

Wie nervig ist es doch häufig im Kassenbereich großer Supermärkte, wo einem ungezählte Pieps! der verschiedenen Kassen nur so um die Ohren fliegen. Als Kassierer würde ich die Krise bekommen. Allein die Kunst, sein eigenes Piep! aus dem Gewirr der Nachbarpieps! herauszuhören. Das mag ähnlich unerklärlich sein wie beispielsweise bei Pinguinen das Erkennen ihres Nachwuchses - eigentlich unmöglich, doch irgendwie funktionierend.
Aber dieser Klang! Kalt, maschinell, hart. Bah.

Da lob ich mir das Piep! von Albert. Warm, süßlich, kindlich, eifrig.
Wenn schon kein Bing!, dann Alberts Piep!

müde bin ich …

… geh aber nicht zur Ruh.
Würde gerne.
Ach ja.

Ein paar Tage sind es nun noch, dann stehen der Familie wieder Ferien ins Haus. Und wie immer, wenn das der Fall ist, retten wir uns alle noch gerade so über die Runden. Man hat das Gefühl, die Ferien dürften auch nicht einen einzigen Tag später beginnen, man würde es nicht schaffen.

Ich weiß gar nicht, woran das liegt. Ist es der Kopf, der vorausblickend signalisiert, dass das rettende Ufer bald erreicht ist und die Kräfte dementsprechend einteilt (und zur Not auch vergeudet, weil man ja bald bei Null ankommen darf), oder ist man wirklich zu hundert Prozent ferienreif?

Tatsache ist, dass schon zwei bis drei Wochen vorher die Aufstehzeiten tagtäglich ein kleines Stück nach hinten rutschen. Einmal noch umdrehen, ja? und Lula und Jack wecken wir schon noch rechtzeitig wird ausgereizt bis zum Letzten. Wobei die Beiden ihren Teil dazu beitragen, indem sie zwischen Weckvorgang und Aufstehvorgang unglaubliche Zusatzzeiten unterbringen können, trotz mehrmaligen Nachweckens.

Da sitzen wir dann also, versammelt am Frühstückstisch, müde, wortkarg, mit kleinen Augen, versuchen mit Routine das Geschehen am Laufen zu halten, also Toasts schmieren, Brotboxen zusammenstellen, Flaschen füllen. Und neben uns das große Küchenfenster, jetzt schon wieder ein tiefschwarzes Gemälde, ohne Andeutung eines nahenden Tages. 

Nur Albert ist das alles egal. Der schläft an jedem Tag so lange, wie er will. Das ist meist nicht lange. Und dann ist er ein Energiebündel schlechthin. Gut, manchmal ist er auch - für ihn selbst - zu früh aufgewacht, dann knartscht er nur rum und nölt alle voll. Normalerweise aber vermittelt er das Gefühl des prallen Lebens, von Energie und Kraft, die in einem jeden neuen jungen Morgen schlummern.

Und da sitzen wir nun heute morgen, und Albert schaut aus dem Fenster, in die Dunkelheit hinein, und er entdeckt einen Stern, leicht funkelnd, und er sagt: Da ist noch ein Stern.
Und nach einer kleinen Pause, versonnen: Man könnte noch schlafen.

Und da fängt die Familie ganz leise an zu weinen.

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Von Amokläufern und Rummelplätzen

Albert und ich fahren Auto. Regelmäßig. Einkäufe hier und dort, kleine Ausfahrten, Besuche. Vormittags sind wir einfach häufig unterwegs.

Und im Auto hören wir Radio. Bis vor kurzem hatte ich das Gefühl, ich höre Radio. Ich konnte den Sender meines Vertrauens, einen Nachrichtensender, ohne Einschränkungen laufen lassen. In den ersten Lebensmonaten Alberts mochte zwar hin und wieder ein Zuhören aufgrund von Frequenzüberlagerungen Alberts nur bedingt möglich sein, aber da sich viele Berichte ja in Abständen wiederholten, war es zu verschmerzen.

Inhaltlich konnte laufen, was da wollte. Ob Schalker Heimsieg, russische Exportpolitik, Mehrgenerationenhäuser, Rechtschreibreform, Kinokritiken oder Berichte über Brennpunkte der Gewalt - an Alberts Ohr ging alles vorbei.

Damit ist jetzt Schluss.

Albert hört mit. Er versteht mehr, als man denkt. Ich bin jetzt vorsichtig. Nie hätte ich ihn solang einem Nachrichtensender im Fernsehen ausgesetzt wie einem solchen im Radio, war es doch hier nur eine endlose Aneinanderreihung von Wörtern. So dachte ich.

Albert belehrte mich eines Besseren. Ich fuhr, ohne mit der allergrößten Aufmerksamkeit zuzuhören, etwas müde meiner Wege, während der Nachrichtensprecher Neuigkeiten aus allen Teilen der Erde verkündete. Eine Meldung handelte von einem Amoklauf irgendwo in weiter Ferne, und der Nachrichtensprecher beendete den Beitrag mit dem Satz: “… die Polizei nahm den Schützen fest.”

Albert, lautstark: SCHÜTZEN FEST! Ich war auch schon mal auf ein Schützenfest, da war ein Karussell, und ein Riesenrad, und …

Ich lasse das Radio besser aus.
Albert hört zu.

Guten Morgen!

452.jpgWenn Albert abends schon ankündigt, nach der Nacht werde er Guten Morgen verkünden, sobald man sein Zimmer beträte, sollte man eigentlich vorsichtig sein.
Wenn bislang zu beliebiger Uhrzeit sein Ruf nach dem Zimmerservice erschallt, tappst man möglichst leise über den Flur, wobei man im Dunkeln gerne schwankend diesem oder jenem Türrahmen die Möglichkeit der heftigen Berührung gibt (oder gerade nach Urlauben oder kurz zuvor erfolgten Auswärtsübernachtungen der Älteren in diverse Taschen, Wäschestapel oder CD-Player reinläuft), öffnet vorsichtig seine Tür, schiebt sich ins Zimmer und hat dann zwei Wahlmöglichkeiten:

Entweder man flüstert, während man mit flinken Schritten zu seinem Bett eilt, und vermittelt wie selbstverständlich das Gefühl von mittendrin in der Nacht. Das führt zur einfachen Versorgung des Zöglings mit neuem - wegen Nichtauffindbarkeit des alten - Schnullers, Umhertasten im Bett auf der Suche nach dem Teddy und anschließender Fixierung desselben unter dem linken Arm Alberts und dem Zudecken von den Achselhöhlen bis zu den Füßen, inklusive Einpacken, Papa!, was das sorgfältige und bitteschön vollständige unter-den-Körper-Stopfen der Decke bezeichnete.
So kann der kleine Mann weiterschlafen.
Man selbst ist erstmal richtig wach.

Die zweite Möglichkeit: Man bleibt in der Tür stehen, wartet einen Moment, lunst schon mal um den Schrank herum Richtung Bett, wartet nochmal und sagt dann deutlich: Guten Morgen! Was dann mit Freude zur Kenntnis genommen wird und zu ganz aufgeregtem Gewuschel im Halbdunkel führt, an dessen Ende Albert an der Reling steht und strahlt.

Bislang.

Jetzt nimmt Albert es selbst in die Hand. Ebenfalls zu beliebiger Uhrzeit. Der erste Teil der Handlung, das Rufen, ist gleichgeblieben. Der zweite nicht.
Also, leise über den Flur, vorsichtig die Tür auf, ansetzen zum Flüstern und … Guten Morgen! kräht es aus dem Dunkel.

Das sehe ich anders.

Albert dann auch.
Nach gefühlten 18 Minuten, mit Erklären, Rausgehen, Reingehen, Trösten, Erklären, nicht-ausreden-Können, tja-Sagen, Schnuller/Teddy/Decke-Bedarfsfrage stellen, nach Verneinung Rausgehen, Reingehen, natürlich doch Schnuller/Teddy/Decke ordnungsgemäß Zuordnen, Streicheln, Rausgehen, vor-der-Tür-Stehen und Warten.

Dann geht man ins Bett, guckt überhaupt erst auf den Wecker und sieht eine Zeit, die noch eine zweistellige Zahl vor den Doppelpunkten hat.
Wobei eine einstellige Zahl davor, die man noch mit den Fingern einer Hand zeigen könnte, nicht unbedingt besser ist. Wie der Selbstversuch Alberts später in der Nacht beweist. Das Gleiche also nochmal. Nur, dass dann im eigenen Bett jetzt nicht mehr Stunden, sondern gerade mal noch Viertelstunden bis zum Weckerklingeln vergehen werden. Aber man ist ja sowieso schon wach.

Morgens - also jetzt wirklich morgens - läuft dann eher die zweite Variante. Mit der Einschränkung, dass Albert übermüdet ist, quakig, launisch, bestimmend. Das hält sich dann den Vormittag über.

So richtig vorsichtig wird man aber dann, wenn das Kind, sobald man den Mittagsschlaf ankündigt, erst noch ein Lied vorsingen will (aber klar, gerne!), eine längliche Zahnbürstendose von Tupper oder so aus der Kiste kramt (hey, mit Mikrofon!) und ein Lied singt, was es kürzlich gehört und schon häufiger vor sich hin gemurmelt hat. Und das eigentlich so geht:
 Gute Nacht,
 gute Ruh,
 die Sonne geht jetzt schlafen,
 schlafen gehst auch du.

Das bei Albert aber so geht:
 Gute Nacht,
 gute Ruh,
 die Sonne geht sets slafen,
 slafen kann ich nich.

Na toll.

… fährt er in den Graben …

… nein, fressen ihn nicht die Raben. Im Kinderreim fährt ja eigentlich auch niemand, da fällt jemand. Aber wenn jemand in den Graben fährt, dann passiert was anderes:

Erste Sichtweise
Na, denn mal los. Den Weg zwischen Waldrand und Feld zurück und dann zur Dorfmitte. Hä, was winkt der da? Mal Fenster runter. Was? Erst den Gegenverkehr durchlassen, der da hinten kommt? Nee, da passt man schon nebeneinander. Ich fahr trotzdem. Fenster hoch, weiter. So, immer drauf zu. Ah, der geht etwas zur Seite, der macht mir Platz, das ist gut. Weiter drauf zu. Der kann doch noch ein bisschen. Da kann ich gleich vorbei. Wieso steigt der jetzt aus? Soll die Tür zumachen! Der guckt sein Auto rechts so an. Schüttelt den Kopf. Was guckt der mich an? Ich hab jetzt Platz genug. Schön dran vorbei, so, geschafft. Da vorne ist die Hauptstraße. Weg bin ich.

Zweite Sichtweise
Was steht der den da im Weg? So weit rechts. Oh, der hängt fest. Los, wir fragen mal. Was ist los, festgefahren? Beim Ausweichen abgerutscht. Mein Kumpel und ich schieben mal. Vielleicht kriegen wir ihn wieder rauf auf den Weg. Also, vorne, jetzt Rückwärtsgang! Nee, Räder drehen durch. Klappt nicht. Wir haben nur nicht so richtig Zeit, ehrlich gesagt. Tut uns leid. Viel Glück! Komm, wieder ins Auto. Platz ist gerade so, kommen wir ja durch.

Dritte Sichtweise
Jaja, das passiert hier öfter. Letzte Woche ist da zwanzig Meter weiter ein Rettungswagen abgerutscht. Hat ein Trecker wieder rausgezogen. Die Verwaltung weiß das eigentlich, die will aber nichts machen. Warte mal, ich mal ein Foto. Ich hab da einen, der schreibt gleich was dazu, dann haben wir wieder was, um Druck zu machen. Ist immer das Gleiche. Nummernschild machen wir auf’m Foto weg, keine Sorge. Biste im ADAC? Vielleicht besser anrufen, die könnten die Reifen so anheben, damit dir der Boden nicht aufschrammt. Willst erstmal so probieren? Na, mach mal.

Vierte Sichtweise
Hab ich von da hinten schon gesehen! Können Sie sich bei dem Gegenverkehr bedanken! Dem hab ich noch gesagt, nicht fahren, erst muss der da durch, der ist schon mitten auf dem Weg. Aber war dem egal. Passiert immer wieder. Tja.

Fünfte Sichtweise
Reingerutscht? Aber ganz langsam, aha. Gut, der Unterboden müsste noch okay sein. Ich hab mein Auto dahinten, Abschleppseil habe ich auch, glaub ich. Warte kurz. So, Auto, rückwärts ran fahren. Gut, probieren wir mal. Wo dran hängen? Erst mal gucken. Hab ich noch nie gemacht. Bedienungsanleitung? Ah, hier. So, reinschrauben, Haken dran, bei dem auch. Gut, Leerlauf, vielleicht besser geradelenken, langsam nach hinten rausziehen! Und los! Kommt nicht. So’n Mist? Nee, nee, das kriegen wir schon. Probier mal mit Motor. Langsam, ja kommt etwas, gut! Halt! Er kippt gleich nach außen. Geht so nicht? Lass man, schaffen wir schon. Können ein paar Leute helfen? Die sind da hinten beim Kinderfußballturnier? Ja, ruf mal an, das schaffen wir schon.
So, Vorsicht, nicht dass der Wagen auf jemand draufkippt. Wie wollen wir es probieren? Mit viel Gewicht auf der Innenseite? Gut. Zwei vorne mit Druck geben. Motor dazu, jetzt langsam, gut, kommt! Langsam einlenken, ja, kommt. Wir haben’s!
Danke? Ist schon okay.

Fährt er in den Graben, kann man sich so oder so (oder so oder so oder so) verhalten.
Ich bin überaus dankbar, dass bei den fünf Unbekannten mit ihren Sichtweisen auch der mit der fünften Sichtweise dabei war!

Morgen fahr ich in die Werkstatt.
Ich glaube, es ist nochmal gutgegangen.

Retro sich, wer kann!

Mode ist ein vergänglich Ding. Heute top, morgen hopp. Oder auch andersrum.

Muss man ja nicht mitmachen. So jede Mode. Kann man ja mal was auslassen. Ein Blick auf alte Kindheitsphotos zeigt mir, dass man so manche leider nicht ausgelassen hat. Es gibt Bilder, da frag ich mich, ob diese Mode überhaupt jemals schön gewesen sein kann. Wenn ich mich bei einem Schoko-kusswettessen mit einem hautengen, braunen kurzärmeligen Wollpulli mit gelborangen und roten Querstreifen auf der Vorderseite entdecke, wünsche ich mir eigentlich, ich hätte so geschmiert, dass alles voll weißem Schaum und brauner Schokolade wäre. Peinlich.
Ich erinnere mich auch an eine senfgrüne Stoffhose mit Hosenträgern, die immerhin so eng geschnitten war, dass ich nicht mit Sandalen an den Füßen durchkam - was irgendwann zur Aussortierung der Hose führte, da ich verzweifelt kämpfte, schimpfte, weinte, die Hose in die Ecke pfefferte, zu meiner Mutter stapfte und klagte, und sie beschloss, die Hose als wohl zu klein geworden aus dem Sortiment zu nehmen. Immerhin.

Nichts gegen Vielfalt. Strömt nur alle herbei, ihr Farben der Welt! Lasst euch nieder auf Hose und Shirt! Verziert das graue Einerlei, leuchtet und strahlt, eifert um die Wette, wer am schönsten dem Auge schmeicheln möge!
Aber überlegt bitte, was zusammenpasst. Und wagt mal einen kritischen Rückblick. Also ehrlich, Farben, damals ist doch wirklich einiges danebengegangen, oder? Könnt ihr ruhig zugeben. Gut, ihr dürft den Schnitt gleich mit auf die Anklagebank nehmen, der hat Mitschuld. Also, ihr beiden: Kindern, unschuldigen Kindern, quasi schutzbedürftigen Wesen, an der Haut klebende Wurstpellen in unmöglicher Farbkombination zu verpassen, zu einer Zeit, wo nicht nur der Photoapparat an sich, sondern auch schon der Farbfilm erfunden ist, das grenzt fast an Körperverletzung. Schämt euch!

Zu eurer Rechtfertigung sei allerdings gesagt: Der Mensch ist ja auch ein bisschen dumm, er lernt auch nix. Anstatt aufmerksam das Geschehen zu verfolgen, einen Blick für die Situation zu haben und das Hirn anzuweisen, sich ja bloß gut zu merken, dass das Mist war, fällt dem Menschen ja nichts Besseres ein, als den ganzen Quark nochmal zu wiederholen.

Vorteil: Ich muss mich nicht ganz so schämen für damals.
Nachteil: Die Kinder sehen heute schon wieder so aus.

Gut, nicht jede Schlaghose ist zu verdammen, nicht jede Farbkombination ist ein Malheur. Aber manche Fehler wiederholen sich halt doch. Ist ja auch ganz einfach: Man benutze das schicke Wort retro, verleihe der ganzen Geschichte dadurch ein gewisses Maß an Authentizität und kippe dieselbe Grütze wie damals auf die Wühltische der Klamottenläden.

Was mir nicht ganz klar ist: Warum nur retro aus dieser Zeit? Warum nicht aus anderen Epochen? Da gab es doch geglücktere. Und wenn schon, kann man nicht so zwei, drei Generationen warten, bis man recycelt? Dann kriegen wir es nicht mehr mit.

Ich könnte mir schöne retro-Zeiten vorstellen. Ständig in braunen Anzügen mit dem Schnitt der Zwanziger, breiten Hosenträgern und ‘nem passenden Hut rumzulaufen, wär mir durchaus vorstellbar. Gut, könnte ich ja machen. Die Sache ist ja nur: Hautenge Pullis in Braun zu tragen überlegt sich auch nicht jemand allein; nein, der Markt überlegt und überschwemmt anschließend.

Nun gut, vielleicht bin ich einfach schon zu alt oder verkopft oder so was, um das alles zu verstehen. Manche Dinge sehen ja auch ganz gut aus. Und an meinen Kindern sehe ich, dass man durchaus grundsätzlich einen anderen Stil haben kann oder sich nach Belieben mal hier, mal da bedient. Das ist schon okay.

Eigentlich viel schlimmer dran sind Kinder wie der Steffen aus der Nachbarschaft. Der Steffen begegnete mir jetzt mit beigem Wollpullunder mit dunkelbraunem Rand über kariertem, buntem Hemd mit kurzen Ärmeln zur blauen Cordhose, darunter Sandalen. Im Nachhinein meine ich mich noch an eine Kinderkrawatte zu erinnern, aber das mag falsch sein.

Das Problem ist dabei nicht der Steffen.
Das Problem sind eher Steffens Eltern.
Denn Steffens Eltern gefällt es.

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