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Retro sich, wer kann!

Mode ist ein vergänglich Ding. Heute top, morgen hopp. Oder auch andersrum.

Muss man ja nicht mitmachen. So jede Mode. Kann man ja mal was auslassen. Ein Blick auf alte Kindheitsphotos zeigt mir, dass man so manche leider nicht ausgelassen hat. Es gibt Bilder, da frag ich mich, ob diese Mode überhaupt jemals schön gewesen sein kann. Wenn ich mich bei einem Schoko-kusswettessen mit einem hautengen, braunen kurzärmeligen Wollpulli mit gelborangen und roten Querstreifen auf der Vorderseite entdecke, wünsche ich mir eigentlich, ich hätte so geschmiert, dass alles voll weißem Schaum und brauner Schokolade wäre. Peinlich.
Ich erinnere mich auch an eine senfgrüne Stoffhose mit Hosenträgern, die immerhin so eng geschnitten war, dass ich nicht mit Sandalen an den Füßen durchkam - was irgendwann zur Aussortierung der Hose führte, da ich verzweifelt kämpfte, schimpfte, weinte, die Hose in die Ecke pfefferte, zu meiner Mutter stapfte und klagte, und sie beschloss, die Hose als wohl zu klein geworden aus dem Sortiment zu nehmen. Immerhin.

Nichts gegen Vielfalt. Strömt nur alle herbei, ihr Farben der Welt! Lasst euch nieder auf Hose und Shirt! Verziert das graue Einerlei, leuchtet und strahlt, eifert um die Wette, wer am schönsten dem Auge schmeicheln möge!
Aber überlegt bitte, was zusammenpasst. Und wagt mal einen kritischen Rückblick. Also ehrlich, Farben, damals ist doch wirklich einiges danebengegangen, oder? Könnt ihr ruhig zugeben. Gut, ihr dürft den Schnitt gleich mit auf die Anklagebank nehmen, der hat Mitschuld. Also, ihr beiden: Kindern, unschuldigen Kindern, quasi schutzbedürftigen Wesen, an der Haut klebende Wurstpellen in unmöglicher Farbkombination zu verpassen, zu einer Zeit, wo nicht nur der Photoapparat an sich, sondern auch schon der Farbfilm erfunden ist, das grenzt fast an Körperverletzung. Schämt euch!

Zu eurer Rechtfertigung sei allerdings gesagt: Der Mensch ist ja auch ein bisschen dumm, er lernt auch nix. Anstatt aufmerksam das Geschehen zu verfolgen, einen Blick für die Situation zu haben und das Hirn anzuweisen, sich ja bloß gut zu merken, dass das Mist war, fällt dem Menschen ja nichts Besseres ein, als den ganzen Quark nochmal zu wiederholen.

Vorteil: Ich muss mich nicht ganz so schämen für damals.
Nachteil: Die Kinder sehen heute schon wieder so aus.

Gut, nicht jede Schlaghose ist zu verdammen, nicht jede Farbkombination ist ein Malheur. Aber manche Fehler wiederholen sich halt doch. Ist ja auch ganz einfach: Man benutze das schicke Wort retro, verleihe der ganzen Geschichte dadurch ein gewisses Maß an Authentizität und kippe dieselbe Grütze wie damals auf die Wühltische der Klamottenläden.

Was mir nicht ganz klar ist: Warum nur retro aus dieser Zeit? Warum nicht aus anderen Epochen? Da gab es doch geglücktere. Und wenn schon, kann man nicht so zwei, drei Generationen warten, bis man recycelt? Dann kriegen wir es nicht mehr mit.

Ich könnte mir schöne retro-Zeiten vorstellen. Ständig in braunen Anzügen mit dem Schnitt der Zwanziger, breiten Hosenträgern und ‘nem passenden Hut rumzulaufen, wär mir durchaus vorstellbar. Gut, könnte ich ja machen. Die Sache ist ja nur: Hautenge Pullis in Braun zu tragen überlegt sich auch nicht jemand allein; nein, der Markt überlegt und überschwemmt anschließend.

Nun gut, vielleicht bin ich einfach schon zu alt oder verkopft oder so was, um das alles zu verstehen. Manche Dinge sehen ja auch ganz gut aus. Und an meinen Kindern sehe ich, dass man durchaus grundsätzlich einen anderen Stil haben kann oder sich nach Belieben mal hier, mal da bedient. Das ist schon okay.

Eigentlich viel schlimmer dran sind Kinder wie der Steffen aus der Nachbarschaft. Der Steffen begegnete mir jetzt mit beigem Wollpullunder mit dunkelbraunem Rand über kariertem, buntem Hemd mit kurzen Ärmeln zur blauen Cordhose, darunter Sandalen. Im Nachhinein meine ich mich noch an eine Kinderkrawatte zu erinnern, aber das mag falsch sein.

Das Problem ist dabei nicht der Steffen.
Das Problem sind eher Steffens Eltern.
Denn Steffens Eltern gefällt es.

W8

w8.jpgAcht Wahrheiten.
Ein Stöckchen von wortteufel.
Nun werden also acht Wahrheiten von mir erwartet.
Mit Erwartungen tue ich mich schwer.
Und da das schon eine Wahrheit ist,
beantworte ich gerne das Stöckchen.
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Die 1. Wahrheit: Ich tue mich schwer damit, Erwartungen zu erfüllen.

Es ist ja nicht so, dass ich Erwartungen extra nicht erfülle. Außerdem geht es nicht um jegliche Art von Erwartungen. Aber ich überlege Dinge eigentlich lieber selbst. Druck kann ich schlecht vertragen.
Am schwersten fällt es mir, Erwartungen von Leuten zu erfüllen, die meinen, ich müsste irgendwie so sein: Leute, die ich von früher kenne, von denen ich mich aber weg entwickelt habe, Leute, die meinen, man macht etwas so, und und und.
Natürlich erfülle ich Erwartungen, die berechtigt an mich gestellt werden. Habe ich für jemanden zu sorgen, bin ich voll und ganz da. Braucht mich jemand, bin ich zur Stelle.
Aber: Meint jemand, man sollte doch mal, das wär so schön, war doch immer so, kann man doch: Nee, das kann ich nicht.
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Die 2. Wahrheit: Ich muss immer mal unvermittelt bei Musik weinen.

Da kann ich gar nichts gegen machen. Häufig ist es, wenn mir Musik, die ich lange nicht gehört habe, wieder zu Ohren kommt. Genauso kann es sein, das die ersten Klänge eines Konzertes oder einer neuen CD der Auslöser sind.
Dass Musik so schön, so intensiv sein kann! Die Art der Musik ist nicht entscheidend - wobei, ehrlich gesagt, ein Technosong mich noch nicht zum Weinen gebracht hat. Andererseits: Eigentlich ist Techno auch zum Heulen.
Davon abgesehen ist die Tatsache, dass mir Tränen in die Augen treten, nicht die mir in der Musik ebenfalls vertraute Möglichkeit des Schauer-über-den-Rücken-laufens, das ist noch was anderes. Das kann ich mit bestimmter Musik ein bisschen provozieren.
Den Tränenfluss nicht.
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Die 3. Wahrheit: Ich liebe die Berge.

Der Inbegriff von Entspannung sieht für mich so aus:

Ich packe meinen Rucksack und schnüre die Schuhe. Der Morgen ist noch neu. Es geht langsam in den Wald hinein. Die Bäume sind nass und tropfen herab. Es ist kühl. Die Luft riecht auf einzigartige Weise. Ich setze Schritt vor Schritt. Ein Atemrhythmus ergibt sich. Schweiß bricht aus. Es geht höher und höher. Kurze Pausen zum Trinken und Durchatmen. Der Wald bleibt zurück, es öffnet sich. Dann: Ein neuer Blick. Die erreichte Höhe wird deutlich. Wolken ziehen unter mir durch. Der Rucksack wird schwerer. Jeder Schritt ist bewusst. Zeit vergeht. Der Weg wird steiniger. Eine kleine Hütte wird erreicht. Kuhglocken läuten. Grüne Wiesen, steindurchsetzt. Hohe Gipfel dahinter. Sonne und Wolken. Ein Glas bei der Hüttenwirtin, billig. Ich sitze auf der Holzbank, lehne mich an die Hüttenwand. Ich atme durch.

Das ist es.
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Die 4. Wahrheit: Ich denke oft an meinen Großvater, wenn ich in den Spiegel schaue.

Als meine Schulzeit beinahe zuende war, ist mein Großvater gestorben. Er hatte eine gute Stunde entfernt gewohnt. Ich hatte eine typische Großvater-Beziehung zu ihm, soll heißen: Bis dahin standen eher regelmäßige Sonntagsbesuche an, Fünfmarkstück in die Hand, draußen rumlaufen und so. Fragen nach früher und das Bewusstsein für seine Geschichte kamen vielleicht gerade erst auf. Heute würde ich gerne mit meinem Großvater reden, ihn vieles fragen.
Er war einige Monate krank gewesen, sein Tod kam nicht allzu überraschend. Der Tod an sich war schon damals kein Tabuthema, ich konnte ganz gut damit umgehen. Ein paar Tage vor der eigentlichen Beerdigung bestand die Möglichkeit, ihn noch einmal zu sehen. Ich fuhr mit meinen Eltern hin. Es war sehr eindrücklich. In Ruhe betrachtete ich ihn, sein Aussehen, sein Gesicht. Die Züge prägten sich mir deutlich ein.
Am Abend zuhause kam ich gerade ins Bad, als mein Vater vor dem Spiegel stand. Ich sah in sein Gesicht und entdeckte plötzlich ganz viel von meinem Großvater, von den Zügen, die ich am Nachmittag gesehen hatte..
Später ging ich in den Keller in mein Zimmer. Als ich dort selbst vor dem Spiegel stand, ging es mir ein weiteres Mal so: Ich sah wieder die Züge meines Großvaters und mich sozusagen als dritten in der Reihe. Es waren die Ähnlichkeiten im Aussehen, die gleichen Züge, doch über drei Generationen verteilt. Ein kleiner Blick in den Lauf der Welt.
Noch heute, wenn ich vor dem Spiegel stehe, sehe ich oft meinen Großvater.
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Die 5. Wahrheit: Ich habe keine Ahnung von Pflanzen.

Ich muss es gestehen: Von Botanik in jeglicher Form habe ich keinen blassen Schimmer. Natürlich kenne ich grundsätzliche Formen und kann sie unterscheiden. Ich kenne und erkenne Birke und Sonnenblume, Eiche und Rose, Kastanie und Klee. Aber dann ist eigentlich schon Schluss.

Nicht, dass ich ignorant wäre. Ich denke nicht, dass ich es nicht nötig hätte, mich mit Pflanzen abzugeben. Es ist mir auch durchaus unangenehm. Und ich bemühe mich auch. Ich bin fleißig dabei, die Pflanzen in unserem Garten zu lernen. Meine Liebste hat ein Händchen dafür, es grünt und sprießt nur so, unglaubliche Fülle erwächst im Frühjahr aus so manchem vermeintlich toten Stück Beet, üppiges Buschwerk, Farbenpracht und Formenvielfalt auferstehen quasi über Nacht. Und ich genieße es. Allein: Ich weiß nicht, was da blüht.

Ich lebe mit dieser Schwäche. Ich halte es da mit Helmut Zerlett. Der war früher vornehmlich Bandleader und nachher  immer öfter auch Dialogpartner von Harald Schmidt. Er sagte in einer Sendung, als es gerade mal um Pflanzen ging, einen Satz, der es auch für mich trifft:
Für mich ist alles Ginster.
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Die 6. Wahrheit: Ich mache mir gerne Gedanken.

Meine Erinnerung an griechische Philosophen ist nicht besonders gut. Hängen geblieben ist etwas von Sokrates, der sagte, er wisse, das er nicht wisse, und damit verdeutlichte, dass man die Weisheit zwar versuchen kann, zu erreichen, sie aber nicht gepachtet hat.

Ich muss sagen: Nichts ist mir suspekter als jemand, der genau weiß, wie die Dinge laufen. Nicht, dass niemand eine Ahnung von irgendwas hätte; es geht mehr um den Umgang mit Wissen. Im Studium hatte ich ein Seminar belegt, das fächerübergreifend angelegt und aus diesem Grund auch mit zwei Professoren bestückt war. Absolut auffällig war der Unterschied in der Vorgehensweise der beiden. Es ging um ein zu untersuchendes Objekt, und während der eine gemeinsam mit uns Studenten überlegte, was es damit auf sich haben könnte, und was er hier sehen würde, wobei er nicht wüsste, wie wir das sähen, sprang der andere dazwischen und erklärte uns genau, was wir da vor uns hätten. Das machte mich eher nachdenklich.

Ebenso erinnere ich mich an ein nicht allzu begeisterndes Pflichtseminar mit nicht allzu ansprechendem Inhalt, in dem der dortige Professor irgendwann mit erboster Stimme darauf hinwies, dass das große Kunst wäre, und er sich verbitten würde, dieser weiterhin nur mäßiges Interesse entgegenzubringen. Das war zwar praktisch, weil man nun nicht mehr selbst überlegen musste, ob es große Kunst war oder nicht. Aber auch das machte mich nachdenklich.

Ich finde, wenn jemand einer Meinung ist, hat das schon mal seine Berechtigung. Und wenn jemand einer anderen Meinung ist, hat das auch schon mal seine Berechtigung. Dann kann man gemeinsam herausfinden, was es damit auf sich hat. Und hinterher vielleicht immer noch unterschiedlicher Meinung sein, vielleicht auch die Meinung des anderen unmöglich finden. Es gibt sie trotzdem, also habe ich nicht die Berechtigung, sie zu verdammen, nur weil ich sie nicht nachvollziehen kann.

Vielleicht ist es dieser Haltung zu verdanken, dass man Bundestagswahlen und Politikerreden übersteht, nicht im Streit mit allen Mitmenschen lebt und immer wieder neue und zum Teil faszinierende Blicke auf bzw. Einblicke in das Leben erhält.
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Die 7. Wahrheit: Ich sage oft mal Sachen einfach nur so.

Das ist manchmal ein bisschen problematisch. Ich bin vielleicht mit anderen im lockeren Gespräch, es wird nett geplaudert, irgendwas wird gesagt, ein Wortspiel oder eine Bemerkung oder ein Kommentar oder ein gespielt hämischer oder ein gewitzter oder gerne auch dummer Satz geht mir durch den Kopf - schon sag ich ihn.
Schwierig: Mir geht’s nur darum, es mal zu sagen. Ich mein das eigentlich gar nicht. Äußert jemand leise Selbstzweifel, bestätige ich ihn gespielt. Hat jemand eine echte Frage, fällt mir nur eine Bemerkung ein, die herrlich absurd wäre. Und mache sie.
Ich bin also an einer Plauderrunde beteiligt, betrachte den Gesprächsverlauf irgenwie ein bisschen von außen, wie ein Theaterstück, und führe es einfach weiter. Manchmal sollte ich da besser nichts sagen. Oft kann ich die Leute gar nicht richtig einschätzen, kenne sie nicht immer alle. Die gucken mich dann gerne mal ein bisschen komisch an. Was ich verstehen kann. Andererseits ist es auch möglich, die Runde enger zusammenzuschweißen und einen netten weiteren Abend zu verbringen.

Beispiel?
Ich bin auf einer Uni-Party überwiegend Ehemaliger, der Abend ist nett, Musik läuft, ein kleines Feuerwerk brennt ab, irgendjemand holt ein Bier, wir stoßen an, ich sage: Auf Hannelore Kohl.
Um’s mal zu sagen.
Besagte Frau Kohl war Tage zuvor aus dem Leben geschieden, die Medien hatten ein etwas seltsames Spiel mit den Hintergründen ihres Todes getrieben - Lichtallergie und so - und die mediale Betroffenheit dominierte das Zeitgeschehen. Und? Muss man da beim Zuprosten Auf Hannelore Kohl sagen?
Nein. Muss man nicht. War aber schon passiert. Erstem Oha und Nach-Luft-schnappen folgte eine kleine inhaltliche Diskussion über besagte Medienphänomene, und es entwickelte sich zu einem ganz guten Abend.
Aber: War das nötig?

Ich will mich bessern. Eigentlich.
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Die 8. Wahrheit: Ich habe gerne ein Kind an der Hand.

Ganz ehrlich: Es gibt nichts Schöneres als die Hand eines Kindes an der eigenen, besser wohl: in der eigenen. Ein warmes Patschehändchen, gern etwas verklebt oder feucht, ein bisschen dicklich, und die Fingerchen greifen in die Handfläche, suchen Halt. Die eigene Hand umschließt die Kinderhand, sorgsam, hält zur Not das ganze Gewicht, wenn es zum Stolpern kommt, greift auch mal fester, wenn ein Loslassen nicht sein darf.

Vielleicht liegt es daran, dass es so viel mehr ist als das bloße Halten einer Hand. Es hat ganz viel mit dem Menschen zu tun, mit Liebe, mit Geborgenheit und Vertrauen, mit Nähe, Begleitung und Führung. Alles durch die Verbindung zweier Hände auf dem gemeinsamen Weg.

Händchen in Hand. Und dann stapft man los.
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photoart 2.1

Nachfrage führt zu Erweiterung der Ausstellung ‘photoart 2.0′

Web (yuls). Der Erfolg der photoart 2.0, eine Ausstellung mit Bildern des noch jungen Künstlers Albert, die vor einigen Tagen im Netz eröffnet wurde, hat nun dazu geführt, dass die Ausstellung vergrößert worden ist. Durch neu gewonnenen Platz ist es möglich geworden, weitere Werke Alberts der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Ausstellungserweiterung umfasst neben frühen Werken auch Exponate der jüngsten Schaffensphase. Keines der Bilder ist zuvor öffentlich zu sehen gewesen.
Das Web ist stolz, auch für die neuen Bilder den Zuschlag erhalten zu haben. “Wir hoffen, dass das Zeigen der neuen Werke dem Wunsch nach mehr Material gerecht wird”, sagte der Manager des Künstlers, Yulius.
Die erweiterte Ausstellung trägt nun den Folgetitel ‘photoart 2.1′. Sie ist weiterhin jederzeit geöffnet, der Eintritt ist frei.

photoart 2.0

Vor kurzem habe ich etwas aus dem Bestand meines Großvaters geschenkt bekommen, ein Taschenmesser, sicherlich über 70 Jahre alt, mit starken Gebrauchsspuren, seitlich leicht abgesplittertem Holzgriff und einer ausgeleierten Klappklinge, die viel zu häufig geschliffen wurde. Wunderschön.  

Mit der zunehmenden Elektrifizierung und Computerisierung unserer Zeit kann es sein, dass ein von vorhergehenden Generationen ausgemustertes Objekt mitunter gerade erst einige wenige Jahre alt und noch absolut in Ordnung ist. Alberts Großvater hat jetzt eine Digitalkamera abgegeben. Weil er mittlerweile bereits zwei Nachfolgemodelle mit besserer Auflösung, mehr Speicherplatz und größerem Akku hat. Wenn ich also jetzt erzähle, dass Albert fotografiert, und zwar mit einer alten Kamera seines Großvaters, dann hat die nicht 70 Jahre auf dem Buckel, braucht keinen separaten Belichtungsmesser und kommt nicht ohne Batterien aus.

Also, Albert fotografiert jetzt. Digital, auf der Höhe der Zeit. Mit Leidenschaft. Wie ein Profi. Zwar kostet das Durchdrücken des elektronischen Auslösers noch richtig körperliche Kraft, aber die Resultate können sich sehen lassen. Er fotografiert so verblüffend, dass ich überlege, sein Manager zu werden, um ihm den Weg in die Künstlerszene zu ebnen. Denn was macht den Künstler zum Künstler? Er beherrscht etwas besonders gut. Er bringt etwas auf den Punkt. Er hinterfragt. Er entwickelt ungewohnte Perspektiven. Er spricht die Seele an. Er fordert. Er provoziert. Er betrachtet.
Trifft alles auf Albert zu.

Was würden die begeisterten Kritiker alles über den jungen Künstler schreiben! Sie sprächen bestimmt von einer Einreihung in die Tradition des ‘Blickes von unten’, von einer frischen Unverbrauchtheit mit konsequent ungewöhnlichem Blick auf vermeintlich Vertrautes, vom Setzen auf kompromisslose Formen- und Farbsprache in Ausdruck und Stil, vielleicht auch vom Schaffen realkritischer Brüche durch dissonante Analyse, von einem Vermeiden konkreter Verbildlichung mittels plastischer Fokussierung, von dem Fordern interaktiver Fragmentierung aufgrund visueller Entbilderung. Oder so. Klänge toll.
Seine Biographie spräche vom Leben in wohngemeinschaftsähnlicher Sozialform, von einer gewissen Scheu, womöglich in seinem jungen Alter begründet, die dazu führe, dass mediale und öffentliche Präsenz gegen Null tendiert.
Ich lese im Geiste schon die Fachblätter, die von seiner genialen Ausstellung photoart 2.0 berichtet und von unvorstellbaren Erlösen beim Verkauf seiner Werke.

Jetzt kommt Albert. Ohne Kamera. Die liegt irgendwo.
Albert sagt: Will nicht mehr Foto machen. Will jetzt Lego spielen.
Und ich denke: Auch gut. Lass uns Lego spielen.

vernissage-2.jpg 

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