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Die Liebe zum Publikum

Was wünscht man sich mehr! Man hat noch Karten für das begehrte Konzert gekriegt, einen guten Platz im Publikum gefunden, ganz vorne an der Bühne, die Musiker genau im Blick, das Konzert beginnt, der Sound ist gut, schnelle Nummern wechseln mit langsamen, der Funke zwischen Bühne und Publikum ist übergesprungen. Und dann auch noch: Die Musiker nehmen direkten Blickkontakt auf mit einem auf. Und was für Blicke! Immer wieder, fast, als werde er zielstrebig gesucht.
Das wünscht sich doch der wahre Fan von seiner Lieblingsband! Nicht abgehoben auf dem Olymp, unnahbar, sondern verbindlich, vertraulich, direkt.
Von daher kann ich mich nicht beschweren.
Darüber, wie es war.
Gestern.
Im Sinfoniekonzert.

Ich muss zugeben, ich war anfangs ein wenig irritiert. Ich hatte nun eine der wenigen Restkarten ergattert, einen Platz - zwar außen links, aber nicht mal schlecht - in der dritten Reihe zugewiesen bekommen, das großbesetzte Orchester auf seinen Platz marschieren lassen und der hervorragenden Musik gelauscht.
Bis einer der Hornisten Blickkontakt mit mir aufnahm. Er beugte sich - ich saß ja nun seitlich - extra etwas vor und schaute mich über die doch einige Meter währende Strecke hinweg an. Mit einem Blick voller Liebe.
Ich schluckte erstmal. Und sah sofort weg. Und wieder hin. Er schaute weiterhin. Voller Liebe. Mit leichtem Minenspiel. Wissend, irgendwie. Ich sah wieder weg. Und wieder hin.
Die Musik trat erstmal ein bisschen in den Hintergrund. Nach einer Weile musste ich wieder hinschauen. Diesmal musste er zum Glück spielen. So hatte ich Gelegenheit, ihn ein wenig zu studieren. Also ein Hornist, natürlich in feinster Konzertgarderobe, etwas rundlich, schon leicht graues Haar, durchaus sympathisches Erscheinungsbild, gutmütig wirkend.
Der Einsatz war vorbei, die Geigen übernahmen das lyrische Thema, trieben es in höhere Lagen, und der Hornist hatte wieder die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen.
Mit der Dame direkt vor mir. Wurde mir schlagartig klar.
Die ersten beiden Sitzreihen im Konzertsaal sind dort ebenerdig angebracht, die dritte - meinige - etwa eine Treppenstufe erhöht. Auf diese Weise blickte ich stets geradewegs über die Frisur besagter Dame hinweg in die Augen des Musikers. Ich bemerkte jetzt auch etwas Bewegung bei der Dame, eine leichte Unruhe, die stets dann noch zunahm, wenn der Blickkontakt hergestellt war.
Was für Blicke! Voller Liebe, Sehnsucht, Zärtlichkeit! Nicht gelogen. Liebe, über ein paar Meter getrennt und doch so nah, mit unsichtbarem Band verbunden, mit passendstem Soundtrack dazu. Unglaublich.
Den Rest des Abends bemühte ich mich, nicht die Horngruppe ins Blickfeld zu nehmen (es gelang nicht immer, aber im Großen und Ganzen ganz gut). Denn: Liebende soll man ja nicht stören.

Kleine Nachtmusik II

Vor einiger Zeit hatten wir schon die Phase des vermehrten Verstehens, wenn es darum ging, das Ritual des Zubettbringens durchzuführen. Und schon da verstand der kleine Herr nicht unbedingt alles richtig.

Nun scheint bei Albert die Phase des vermehrten Erklärens angebrochen zu sein. Und wenn schon nicht alles richtig verstanden wird, wird es immerhin richtig erklärt. Von ihm.

Eine ganze Reihe von Schlafliedern stehen mittlerweile zur Auswahl, von Der Mond ist aufgegangen bis zu Die Blümelein, sie schlafen. Allein die Auswahl des jeweils genau richtigen Liedes erfordert ein hohes Maß an Überlegung.

Dafür wird jetzt mitgesungen. Toll ist das, wenn man merkt, wie von Mal zu Mal die Worte pünktlicher formuliert werden, sie manchmal meinem Singen schon ein, zwei Worte vorausgreifen, wenn er sich ganz sicher ist. Was aber nicht unbedingt zum ganz genauen Textverstehen beiträgt. Axel Hacke lässt grüßen.

Heute also Schlaf, Kindchen, schlaf, wobei das Kindchen natürlich beim Namen genannt werden muss. Der Vater hüt die Schaf singen wir weiter, und dann:
Die Mutter schüttelt’s Bäumelein, da fällt herab ein Träumelein.
Bevor es weitergehen kann, bremst uns Albert.
Wer ist der Rab? fragt er.
Welcher Rab? frage ich. Ach so, nein, das heißt: Da fällt - (extra große Pause) - herab. Verstehst du?
Albert versteht.
Wer ist Herr Rab? fragt er.
Nein, sage ich, fällt herab, also, fällt herunter, der Traum fällt herunter, durch das Schütteln, weil die Mutter ja…
Hätt’ ich mir alles sparen können, denn ob ich geredet habe oder nicht, Albert hat sowieso nicht hingehört, sondern ist seinen eigenen Gedanken nachgegangen.
Die er mir dann präsentiert:
Ja, Herr Rab ist nämlich vom Baum runtergefallen, weil er so doll geschüttelt wurde. Von der Mutter.
Und Papa,
geht es nahtlos weiter, während ich gerade Mühe habe, die Fassung zu wahren, was ist ‘hüti’?
Große Augen schauen mich an. Ich geh schnell den Text durch.
Ach so, der Vater, sage ich und räuspere mich kurz, der ‘hütet’ die Schafe, der schützt sie also.
Albert plaudert gleich drauflos:
Als wir jetzt auf der Rückfahrt waren, da waren die Schafe, und da war aber kein … kein … Bauer dabei, der die Schafe schützt. Warum nicht?

Und so sind wir, anstatt ein Abendlied zu singen, mitten ins Erzählen und Erklären geraten, über Gatter und Schäfer und das Hüten im allgemeinen und Hunde im besonderen. Und auch die zweite Strophe erfährt anstelle eines Durchsingens den Hinweis, dass am Himmel keine Schafe sein können (weil es ja ganz hoch ist) und die Erkundigung, was denn der Mond da wohl zu sich nähme (was isst der Mond da?). Wodurch der Begriff zunehmender Mond eine ganz neue Bedeutung erhält.

Schließlich sind wir durch. So richtig bedächtiger Abschluss des Tages war das nicht. Aber Wissensdurst dürfte Albert heute Abend nicht mehr haben.

Selling England by the pound

selling-england-by-the-pound.jpg

Can you tell me where my country lies?
So singt Peter Gabriel fragend am Anfang der Genesis-Platte Selling England by the pound, ganz alleine, ohne Band. Ein paar Töne, und die Tür öffnet sich, das alte Genesis-Land liegt vor einem.

Der Autor von Soloalbum, v. Stuckrad-Barre, schrieb vor Jahren in einem Nebensatz über Genesis von diesem, wie er meint, Irrglauben, dass die früher mal gut oder besser waren - die waren aber immer scheiße!
Das sehe ich einfach anders. Er muss es ja nicht hören, wenn er nicht will.

Was für eine Platte! Eine Platte voller Erinnerungen. Damals, in der Schulzeit, immer mit ein paar Anderen rumgehockt und Musik gemacht. Dann kam da dieser Kleine mit Wuschelkopf aus der Oberstufe und gab uns ‘ne Cassette: Woll’n wa vielleicht was in diese Richtung machen? Hm, Selling England by the pound stand da in Krackelschrift. Mein Freund und ich haben sie uns angehört. Wieder und wieder. Zum gemeinsamen Mucken mit dem Wuschelkopf ist es nie gekommen. Die Cassette haben wir lieben gelernt.

Es war eine C-90. Nur einseitig bespielt. Soll heißen: Nach fünfundvierzig Minuten ist Schluss. Der Rest passte nicht drauf, hatte er gesagt. Das war in diesem Falle im siebten Song. Erst Jahre später kaufte ich mir überhaupt einen CD-Player und auch diese CD. Und dann hörte ich das erste Mal, wie es weiter ging. Eine kleine Offenbarung. Noch heute kann ich exakt den Moment bestimmen, an dem die Cassettenaufnahme endete; es ist immer wie ein kleines Innehalten, verbunden mit dem neuerlichen Staunen, dass es weitergeht.

Irgendwann haben wir vielleicht drei Tage bei dem Vater eines Freundes in der Firma gejobbt und irgendwelche Aktenordner in einem Lager neu sortiert. Dabei: Ein kleiner plärriger Cassettenrecorder und genau eine Cassette. Selling England lief rauf und runter, mit ständigem Seitenwechsel. Ich glaube, heute kenne ich jeden Ton.

Wir amüsierten uns über den Battle of Epping Forest, in dem dem Bandenkleinkrieg der englischen Vorstadt die große Bühne bereitet wird. Wir lauschten der Cinema show, wenn Romeo und Juliet sich für den Abend fein machen. Wir sprachen die einleitenden Worte von I know what I like mit; noch heute geht mir (und nicht nur mir) häufig bei der Frage nach der Uhrzeit die Textzeile dieses Songs durch den Kopf: It’s one o’clock and time for lunch - humdeedumdeedum. Im Originaltonfall.

Im Klavierunterricht legte mein Lehrer irgendwann überraschend die Klaviereinleitung von Firth of Fifth vor mich, rausgehört und handgeschrieben. Ich weiß, dass ich nach dem Unterricht nach Hause fuhr und mich direkt ans Klavier gesetzt habe, um es zu üben.
Das tat ich sonst nicht.
Nach einer Woche diskutierten wir im Klavierunterricht über einige Stellen, die wir beide jeweils etwas verschieden hörten. Klasse war’s.

Vor einigen Jahren gingen mein Freund aus der Schulzeit und ich dann zusammen auf ein Konzert der Revival-Band Musical Box. Das sind so ein paar liebenswerte Verrückte, die Originalauftritte von Genesis aus den Siebzigern originalgetreu nachspielen - sowohl hinsichtlich der Musik als auch hinsichtlich der Show an sich. Es ist so ein Mittelding zwischen Theater und Konzert, man hat zudem das Gefühl einer kleinen Zeitreise. Herrlich war’s. Die Selling England - Tour quasi in echt, schon witzig.

Einfach eine geniale Platte. Mit vielen Farben. Phil Collins hat später mal gesagt, die Selling England - Platte wäre ziemlich konzeptlos gewesen. Ich befürchte, der Mann weiß nicht, wovon er spricht. Ein buntes Panoptikum öffnet sich dem Hörer - und schließt sich wieder, wenn am Ende die Motivik des Anfangs aufgegriffen wird.

Und letztlich hat Gabriel halt Recht mit seinen letzten Worten auf der Platte:
It’s scrambled eggs.
Und das ist ja nicht das Schlechteste.

Ich singe

Ein großes Tabu scheint das Singen zu umgeben. Nichts scheint so sehr mit der Persönlichkeit verbunden zu sein wie die singende Stimme; nicht sprechen, nicht schreiben, nichts.

Die Extreme im Umgang mit der eigenen Singstimme sprechen für sich. Auf der einen Seite gibt es die Nichtsingenden. Die, die gar nicht singen können, die nur unter der Dusche singen, wie es immer heißt. Die ihre Singstimme peinlich finden.
Ihre Sprechstimme nicht. Sprechstimmen sind immer irgendwie, sanft, streng, hart, flach, nasal, eng, voluminös, hauchig, brüchig, scharf, warm. Hört man die Sprechstimme, urteilt man nicht darüber, nimmt sie vielmehr hin wie das visuelle Gegenüber, das Auftreten, den Wortinhalt.
Dabei würde die Singstimme kaum anders klingen, grundsätzlich. Eigentlich ändert sich nur der Umgang mit der Tonhöhe, sie wird konstanter gehalten. Natürlich gibt es viele Techniken, die man im Umgang mit seiner Stimme lernen kann, um gewünschte Tonhöhen ohne gesundheitliche Folgen und im Dienste eines schöneren Klanges zu erreichen. Aber allein die Verwendung einer Tonhöhe anstelle des sprachlich bedingten Tonhöhenverlaufs scheint ein großes Hemmnis zu sein.

Nur nicht für das andere Extrem, die andere Seite der Medaille: Den sich die Seele aus dem Leib singenden Halbwüchsigen. Keine Castingshow ohne Jugendliche, die nicht anders können, als ihrem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Indem sie ihre Stimmbänder quälen. Ohne Rücksicht auf den Zuhörer werden hier Emotionen ausgelebt. Und man kommt doch dem Gedanken nahe, dass das ausschließliche Singen unter der Dusche möglicherweise doch nicht so falsch ist.

Dabei gibt es doch so viele Mittelwege. Dem Kinde ein Lied vorzusingen ist schon mal nicht falsch. Das Kind gibt ja auch einen recht unverfänglichen Zuhörer ab, da fällt’s leichter.
Oder man singt in einer Gruppe. Gut, auch da gibt es verschiedene Extreme: Der Shantychor am einen Ende ist sicher zu einem Großteil auch Gruppenerlebnis als solches, mit ein bisschen selbstgemachter Stimmung. Und der Profichor mit gewerkschaftlich geregelten Pausen am anderen Ende mag wohl auch für die Allgemeinheit ein bisschen fern liegen.
Aber dazwischen gibt es Felder, die überaus reizvoll sein können.

Wenn man einmal in einem großen Chor, nach reichlich Probenzeit, auch einer Menge Erfahrung, in einem vollen Konzertsaal hinter einem Profiorchester steht und Brahms singen darf,pic003.jpg Phrasen ausformt, in der Gruppe einen Klang entwickelt, die Musik atmet, im Einklang mit den Umgebenden Konsonanten abspricht, quasi Teil eines Instrumentes wird und das Gefühl hat, mittendrin im Klang zu sein, in der Musik – dann fragt man sich schon: Warum ist Singen eigentlich ein Tabu?

Kleine Nachtmusik

Es gibt so Rituale. Abends wird Albert für das Bett fertiggemacht, dann wird vorgelesen, dann gesungen. Von ziemlich klein an kennt er das so, so muss es sein. Stimmungsschwankungen und vermehrtes Selbstbewusstsein verändern immer mal kurzzeitig den gewohnten Ablauf, nach ein paar Tagen reguliert sich das wieder.
Jetzt haben wir offensichtlich gerade die Phase des vermehrten Verstehens.

Also, alles geht seinen gewohnten Gang, Albert kommentiert gelegentlich die Geschichte und die Bilder und ergänzt eigene Gedanken. Dann wird gesungen. Vor kurzem ging der Wechsel vom Lesen zum Singen mit einer halbseitigen Drehung Alberts einher, vom Schoßsitzen zum die-Arme-um-den-Hals-Legen- und Kuscheln.
Neuerdings bleibt er sitzen.
Das hätte mich stutzig machen sollen.

Ich singe also so wie immer, nicht ganz konzentriert, eher vertraut und mit gewisser Routine, aber durchaus ernsthaft. Welche Kartoffel? fragt Albert plötzlich. Ich gucke ihn an, singe aber erst mal weiter. Welche Kartoffel? fragt Albert mit etwas erhobener Stimme. Was für Kartoffel meinst du? frage ich. Die Kartoffeln da! behauptet Albert. Ich überlege angestrengt und schnell, bemüht, die traute Stimmung nicht zu zerreden, seinem Bedürfnis nach Information aber nachzukommen. Ach, denke ich, das Lied! Schlaf, Albert, schlaf nur ein, bald kommt die Nacht, hat sich aus Wolken Pantoffeln (!) gemacht. Das meint er! Nicht Kartoffeln, Albert, Pantoffeln sind das, sage ich. Habe aber keine Pantoffeln, sagt Albert und zeigt auf seine nackten Füße. Nein, die Nacht macht sich Pantoffeln, sage ich und merke schon, dass das schwierig werden kann, aus Wolken. Albert bewegt seine Füße. Habe keine Wolken, sagt er. Nein, die Nacht, sage ich. Wo ist die Nacht? fragt er. Draußen, sage ich, draußen macht sich die Nacht Pantoffeln. Aus Wolken, füge ich müde hinzu.
Albert scheint es jedoch erst einmal zu genügen. Mhmh, murmelt er und betrachtet ein wenig abwesend weiter seine Füße. Ich kann keine Pantoffeln aus Wolken haben, sagt er noch.
Immerhin ist die Kartoffelfrage gelöst.
Kommt aus den Bergen, kommt von ganz weit, schlaf, Albert, schlafe ein, s’ist Schlafenszeit singe ich weiter. Albert sitzt wieder ruhig da.

Weiter geht es mit der zweiten Strophe. Welches Kind? fragt Albert mittendrin. Ich repetiere innerlich schnell den gesungen Text, vom Mond hinter den Birnbäumen, von denen einer ihn sanft - ah, da haben wir’s - am Kinn kitzelt, so dass er lächelt. Am Kinn, Albert, sage ich, der Birnbaum kitzelt ihn am Kinn, nicht am Kind. Wo ist das Kinn? Albert guckt mich an. Weiß nicht, wo ist der Mond? Wo kitzelt der? Wo ist der Birnbaum? Also, weitersingen ist nicht, jetzt muss auch dieser Sachverhalt erst genau geklärt werden.
Schließlich weiß Albert, wo das Kinn ist, wo der Mond nicht ist (nicht drinnen, der Mond), wie er gekitzelt wird und das er lächelt. Im Gegensatz zu Albert, der lauthals loslacht, als ich ihn sanft am Kinn kitzel. Mit dem Zurruhekommen ist das etwas schwierig heute.

Die dritte Strophe schließlich, in der Albert, bis ihm der Morgen die Augen aufmacht, auf dem Traumschiff ans Ende der Nacht fahren soll (was ist ein Raumschiff, Papa?), setzt ein erneutes kleines Seminar in Gang, in dem sich beide Seiten gegenseitig auf ihren Wissensstand und ihre Sicht der Dinge bringen.

Hat sich eigentlich schon mal jemand Gedanken darüber gemacht, was für schwierige Gedanken in Kinderliedern stecken? Zumal in Schlafliedern, Liedern also, die am Ende eines langen und erfüllten Tageswerkes die lieben Kindelein selig und behutsam in die Ruhe der Nacht geleiten sollen!
schlaflied.jpgDa ist man also, schon kraftlos der Vater, stark angemüdet das Kind, zu später Stunde noch unverhofft in der Abendschule, erweitert das Wissen, schult den Geist.

Und doch ist es ein so wunderbares Lied.

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(Fortsetzung folgte…)

W8

w8.jpgAcht Wahrheiten.
Ein Stöckchen von wortteufel.
Nun werden also acht Wahrheiten von mir erwartet.
Mit Erwartungen tue ich mich schwer.
Und da das schon eine Wahrheit ist,
beantworte ich gerne das Stöckchen.
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Die 1. Wahrheit: Ich tue mich schwer damit, Erwartungen zu erfüllen.

Es ist ja nicht so, dass ich Erwartungen extra nicht erfülle. Außerdem geht es nicht um jegliche Art von Erwartungen. Aber ich überlege Dinge eigentlich lieber selbst. Druck kann ich schlecht vertragen.
Am schwersten fällt es mir, Erwartungen von Leuten zu erfüllen, die meinen, ich müsste irgendwie so sein: Leute, die ich von früher kenne, von denen ich mich aber weg entwickelt habe, Leute, die meinen, man macht etwas so, und und und.
Natürlich erfülle ich Erwartungen, die berechtigt an mich gestellt werden. Habe ich für jemanden zu sorgen, bin ich voll und ganz da. Braucht mich jemand, bin ich zur Stelle.
Aber: Meint jemand, man sollte doch mal, das wär so schön, war doch immer so, kann man doch: Nee, das kann ich nicht.
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Die 2. Wahrheit: Ich muss immer mal unvermittelt bei Musik weinen.

Da kann ich gar nichts gegen machen. Häufig ist es, wenn mir Musik, die ich lange nicht gehört habe, wieder zu Ohren kommt. Genauso kann es sein, das die ersten Klänge eines Konzertes oder einer neuen CD der Auslöser sind.
Dass Musik so schön, so intensiv sein kann! Die Art der Musik ist nicht entscheidend - wobei, ehrlich gesagt, ein Technosong mich noch nicht zum Weinen gebracht hat. Andererseits: Eigentlich ist Techno auch zum Heulen.
Davon abgesehen ist die Tatsache, dass mir Tränen in die Augen treten, nicht die mir in der Musik ebenfalls vertraute Möglichkeit des Schauer-über-den-Rücken-laufens, das ist noch was anderes. Das kann ich mit bestimmter Musik ein bisschen provozieren.
Den Tränenfluss nicht.
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Die 3. Wahrheit: Ich liebe die Berge.

Der Inbegriff von Entspannung sieht für mich so aus:

Ich packe meinen Rucksack und schnüre die Schuhe. Der Morgen ist noch neu. Es geht langsam in den Wald hinein. Die Bäume sind nass und tropfen herab. Es ist kühl. Die Luft riecht auf einzigartige Weise. Ich setze Schritt vor Schritt. Ein Atemrhythmus ergibt sich. Schweiß bricht aus. Es geht höher und höher. Kurze Pausen zum Trinken und Durchatmen. Der Wald bleibt zurück, es öffnet sich. Dann: Ein neuer Blick. Die erreichte Höhe wird deutlich. Wolken ziehen unter mir durch. Der Rucksack wird schwerer. Jeder Schritt ist bewusst. Zeit vergeht. Der Weg wird steiniger. Eine kleine Hütte wird erreicht. Kuhglocken läuten. Grüne Wiesen, steindurchsetzt. Hohe Gipfel dahinter. Sonne und Wolken. Ein Glas bei der Hüttenwirtin, billig. Ich sitze auf der Holzbank, lehne mich an die Hüttenwand. Ich atme durch.

Das ist es.
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Die 4. Wahrheit: Ich denke oft an meinen Großvater, wenn ich in den Spiegel schaue.

Als meine Schulzeit beinahe zuende war, ist mein Großvater gestorben. Er hatte eine gute Stunde entfernt gewohnt. Ich hatte eine typische Großvater-Beziehung zu ihm, soll heißen: Bis dahin standen eher regelmäßige Sonntagsbesuche an, Fünfmarkstück in die Hand, draußen rumlaufen und so. Fragen nach früher und das Bewusstsein für seine Geschichte kamen vielleicht gerade erst auf. Heute würde ich gerne mit meinem Großvater reden, ihn vieles fragen.
Er war einige Monate krank gewesen, sein Tod kam nicht allzu überraschend. Der Tod an sich war schon damals kein Tabuthema, ich konnte ganz gut damit umgehen. Ein paar Tage vor der eigentlichen Beerdigung bestand die Möglichkeit, ihn noch einmal zu sehen. Ich fuhr mit meinen Eltern hin. Es war sehr eindrücklich. In Ruhe betrachtete ich ihn, sein Aussehen, sein Gesicht. Die Züge prägten sich mir deutlich ein.
Am Abend zuhause kam ich gerade ins Bad, als mein Vater vor dem Spiegel stand. Ich sah in sein Gesicht und entdeckte plötzlich ganz viel von meinem Großvater, von den Zügen, die ich am Nachmittag gesehen hatte..
Später ging ich in den Keller in mein Zimmer. Als ich dort selbst vor dem Spiegel stand, ging es mir ein weiteres Mal so: Ich sah wieder die Züge meines Großvaters und mich sozusagen als dritten in der Reihe. Es waren die Ähnlichkeiten im Aussehen, die gleichen Züge, doch über drei Generationen verteilt. Ein kleiner Blick in den Lauf der Welt.
Noch heute, wenn ich vor dem Spiegel stehe, sehe ich oft meinen Großvater.
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Die 5. Wahrheit: Ich habe keine Ahnung von Pflanzen.

Ich muss es gestehen: Von Botanik in jeglicher Form habe ich keinen blassen Schimmer. Natürlich kenne ich grundsätzliche Formen und kann sie unterscheiden. Ich kenne und erkenne Birke und Sonnenblume, Eiche und Rose, Kastanie und Klee. Aber dann ist eigentlich schon Schluss.

Nicht, dass ich ignorant wäre. Ich denke nicht, dass ich es nicht nötig hätte, mich mit Pflanzen abzugeben. Es ist mir auch durchaus unangenehm. Und ich bemühe mich auch. Ich bin fleißig dabei, die Pflanzen in unserem Garten zu lernen. Meine Liebste hat ein Händchen dafür, es grünt und sprießt nur so, unglaubliche Fülle erwächst im Frühjahr aus so manchem vermeintlich toten Stück Beet, üppiges Buschwerk, Farbenpracht und Formenvielfalt auferstehen quasi über Nacht. Und ich genieße es. Allein: Ich weiß nicht, was da blüht.

Ich lebe mit dieser Schwäche. Ich halte es da mit Helmut Zerlett. Der war früher vornehmlich Bandleader und nachher  immer öfter auch Dialogpartner von Harald Schmidt. Er sagte in einer Sendung, als es gerade mal um Pflanzen ging, einen Satz, der es auch für mich trifft:
Für mich ist alles Ginster.
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Die 6. Wahrheit: Ich mache mir gerne Gedanken.

Meine Erinnerung an griechische Philosophen ist nicht besonders gut. Hängen geblieben ist etwas von Sokrates, der sagte, er wisse, das er nicht wisse, und damit verdeutlichte, dass man die Weisheit zwar versuchen kann, zu erreichen, sie aber nicht gepachtet hat.

Ich muss sagen: Nichts ist mir suspekter als jemand, der genau weiß, wie die Dinge laufen. Nicht, dass niemand eine Ahnung von irgendwas hätte; es geht mehr um den Umgang mit Wissen. Im Studium hatte ich ein Seminar belegt, das fächerübergreifend angelegt und aus diesem Grund auch mit zwei Professoren bestückt war. Absolut auffällig war der Unterschied in der Vorgehensweise der beiden. Es ging um ein zu untersuchendes Objekt, und während der eine gemeinsam mit uns Studenten überlegte, was es damit auf sich haben könnte, und was er hier sehen würde, wobei er nicht wüsste, wie wir das sähen, sprang der andere dazwischen und erklärte uns genau, was wir da vor uns hätten. Das machte mich eher nachdenklich.

Ebenso erinnere ich mich an ein nicht allzu begeisterndes Pflichtseminar mit nicht allzu ansprechendem Inhalt, in dem der dortige Professor irgendwann mit erboster Stimme darauf hinwies, dass das große Kunst wäre, und er sich verbitten würde, dieser weiterhin nur mäßiges Interesse entgegenzubringen. Das war zwar praktisch, weil man nun nicht mehr selbst überlegen musste, ob es große Kunst war oder nicht. Aber auch das machte mich nachdenklich.

Ich finde, wenn jemand einer Meinung ist, hat das schon mal seine Berechtigung. Und wenn jemand einer anderen Meinung ist, hat das auch schon mal seine Berechtigung. Dann kann man gemeinsam herausfinden, was es damit auf sich hat. Und hinterher vielleicht immer noch unterschiedlicher Meinung sein, vielleicht auch die Meinung des anderen unmöglich finden. Es gibt sie trotzdem, also habe ich nicht die Berechtigung, sie zu verdammen, nur weil ich sie nicht nachvollziehen kann.

Vielleicht ist es dieser Haltung zu verdanken, dass man Bundestagswahlen und Politikerreden übersteht, nicht im Streit mit allen Mitmenschen lebt und immer wieder neue und zum Teil faszinierende Blicke auf bzw. Einblicke in das Leben erhält.
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Die 7. Wahrheit: Ich sage oft mal Sachen einfach nur so.

Das ist manchmal ein bisschen problematisch. Ich bin vielleicht mit anderen im lockeren Gespräch, es wird nett geplaudert, irgendwas wird gesagt, ein Wortspiel oder eine Bemerkung oder ein Kommentar oder ein gespielt hämischer oder ein gewitzter oder gerne auch dummer Satz geht mir durch den Kopf - schon sag ich ihn.
Schwierig: Mir geht’s nur darum, es mal zu sagen. Ich mein das eigentlich gar nicht. Äußert jemand leise Selbstzweifel, bestätige ich ihn gespielt. Hat jemand eine echte Frage, fällt mir nur eine Bemerkung ein, die herrlich absurd wäre. Und mache sie.
Ich bin also an einer Plauderrunde beteiligt, betrachte den Gesprächsverlauf irgenwie ein bisschen von außen, wie ein Theaterstück, und führe es einfach weiter. Manchmal sollte ich da besser nichts sagen. Oft kann ich die Leute gar nicht richtig einschätzen, kenne sie nicht immer alle. Die gucken mich dann gerne mal ein bisschen komisch an. Was ich verstehen kann. Andererseits ist es auch möglich, die Runde enger zusammenzuschweißen und einen netten weiteren Abend zu verbringen.

Beispiel?
Ich bin auf einer Uni-Party überwiegend Ehemaliger, der Abend ist nett, Musik läuft, ein kleines Feuerwerk brennt ab, irgendjemand holt ein Bier, wir stoßen an, ich sage: Auf Hannelore Kohl.
Um’s mal zu sagen.
Besagte Frau Kohl war Tage zuvor aus dem Leben geschieden, die Medien hatten ein etwas seltsames Spiel mit den Hintergründen ihres Todes getrieben - Lichtallergie und so - und die mediale Betroffenheit dominierte das Zeitgeschehen. Und? Muss man da beim Zuprosten Auf Hannelore Kohl sagen?
Nein. Muss man nicht. War aber schon passiert. Erstem Oha und Nach-Luft-schnappen folgte eine kleine inhaltliche Diskussion über besagte Medienphänomene, und es entwickelte sich zu einem ganz guten Abend.
Aber: War das nötig?

Ich will mich bessern. Eigentlich.
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Die 8. Wahrheit: Ich habe gerne ein Kind an der Hand.

Ganz ehrlich: Es gibt nichts Schöneres als die Hand eines Kindes an der eigenen, besser wohl: in der eigenen. Ein warmes Patschehändchen, gern etwas verklebt oder feucht, ein bisschen dicklich, und die Fingerchen greifen in die Handfläche, suchen Halt. Die eigene Hand umschließt die Kinderhand, sorgsam, hält zur Not das ganze Gewicht, wenn es zum Stolpern kommt, greift auch mal fester, wenn ein Loslassen nicht sein darf.

Vielleicht liegt es daran, dass es so viel mehr ist als das bloße Halten einer Hand. Es hat ganz viel mit dem Menschen zu tun, mit Liebe, mit Geborgenheit und Vertrauen, mit Nähe, Begleitung und Führung. Alles durch die Verbindung zweier Hände auf dem gemeinsamen Weg.

Händchen in Hand. Und dann stapft man los.
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Ich weiß noch, was ich nächsten Samstag nicht tun werde

musik.jpgIch gehe gerne gelegentlich auf Konzerte. Ich gehe auch gerne gelegentlich in Konzerte. Es ist schon interessant, dass die Verwendung von auf Konzert gehen oder in Konzert gehen Aufschluss über die Musikrichtung des Konzertes geben kann. Niemand würde sagen, er sei auf dem Konzert der Berliner Philharmoniker gewesen. Und wenn jemand äußert, er sei in dem Konzert von Genesis gewesen, schwingt da schon eine leichte innere Distanz mit.

Tatsache ist: Ich gehe gelegentlich gerne auf und in Konzerte. Konzerte verschiedenster Richtungen, in verschiedensten Größenordnungen, mit verschiedenster Zufriedenheit. Ein Jazztrio in der Eckkneipe des Studenten-viertels kann genauso hervorragend oder belanglos sein wie die Megaband im Stadion, die Inszenierung im Opernhaus, das kleine Alternativ-Open-Air ein paar Kleinstädte weiter oder die Symphonie des Rundfunkorchesters.
Das Gute ist: Ich kann mir ja meine Meinung selbst bilden.

Es gab Zeiten, da musste ich unbedingt große Stadionkonzerte in Großstädten mitmachen. Ankunft lange vor Konzertbeginn, stundenlanges Warten im vorderen Bereich, endlich Beginn, gerne Regen, meist durchchoreographierte Show von Anfang bis Ende. War okay für die Zeit, bzw. für mich in dieser Zeit.
Mittelgroße Veranstaltungssäle brachten komprimiert eine ähnliche Stimmung, liefen in der Regel aber individueller ab. Ich wusste weniger, wie es wird, oder was mich erwartet. Perlen waren ebenso zu finden wie Reinfälle.
Und die oben bereits erwähnten Kleinkonzerte waren immer schön nah und handgemacht. Da musste schon etwas richtig schlecht sein, um die Lokalität zu wechseln.

Ähnlich war es im Bereich des ‘im Konzert’-Seins. Große Werke alter Meister konnten von guten Orchestern für mich ziemlich unbedeutend vormusiziert werden, so dass nicht viel hängen blieb. Ein Studentenorchester vor 400 Zuhörer hingegen konnte es durchaus schaffen, den Nerv zur Musik absolut freizulegen. Genauso kleine Konzerte in Minikapellen oder stundenlange Klangexperimente in Klostergängen.

Zeiten ändern sich, Geschmäcker ändern sich, Horizonte verschieben sich. Neue Ansprüche mögen entstehen, Erkenntnisse, Vorlieben, Abneigungen, all das.
Was bleibt, ist: Ich kann mir ja meine Meinung selbst bilden.

Und wenn ich das weiß und mir da sicher bin, dann kann ich es nicht leiden, wenn mir jemand weismachen will, das in Kürze ‘das Konzertereignis des Jahrhunderts’ stattfinden würde. Da sollen am nächsten Samstag also die Musiker schlechthin eine solche Musik machen, dass mir das Herz jubelt. Weltweit, in Liveübertragungen, aus verschiedenen Teilen der Erde.
Am Rande: Der Anlass mag höchst löblich sein, damit habe ich keine grundsätzlichen Schwierigkeiten. Aber wenn mir beim Zappen ein Fernsehsender schon vorher klarzumachen versucht, welche Bedeutung dieses Konzert musikhistorisch haben wird - dann zweifle ich, ehrlich gesagt.

Also, allein in den letzten vier Wochen sind damit drei Großkonzerte terminiert worden, deren Bedeutung doch wohl bitte nicht unterschätzt werden sollten. Ich selbst war ja auch noch am Überlegen, welches Konzert allein dieser drei  schon an Wichtigkeit nicht zu überbieten sei. Das ist gar nicht so einfach. Vor allem muss man manchmal für und manchmal gegen etwas sein. Wenn also das erste Konzert das G8-Konzert war, dann sollte man dagegen sein - also gegen den G8-Gipfel und so. Wenn man am letzten Wochenende ein Diana-Konzert im Wembleystadion verfolgt hat, sollte man wohl eher für Diana sein. Und am kommenden Samstag beim Klimakonzert sollte man besser wieder für das Klima sein. Also, bitte nicht vertun. Kann man ja schonmal durchein-anderkommen bei dem ganzen Konzertieren: Die - zumindest gefühlt - immer gleichen Musiker tanzen und singen (und lachen und springen, reimt sich so prima darauf) vor 30 Milliarden Zuhörern an den Fernsehgeräten und doppelt so vielen im Stadion und schreien sich die Seele aus dem Leib. Oder hauchen ins Mikro. Je nach Anlass. Hat man den Eindruck. Emotionen pur. Aber um den Überblick nicht zu verlieren, dankbarerweise der Hinweis vom Fernsehsender, der es übertragen wird: Jetzt erst das Konzert des Jahrhunderts.

Neu ist die Erkenntnis, dass man das bereits vorher weiß. Was ist schon Woodstock. Oder Live Aid 1985. Oder oder oder. Geschweige denn: Was ist schon Brahms’ Deutsches Requiem in mittelgroßem, aber prallgefülltem Saal vor ein paar Jahren? Für mich? Oder ein Peter Gabriel - Konzert der Tour 1993? Für mich? Oder Branford Marsalis im Jazzkeller? Purcells Dido and Aeneas in einer Aufführung Jugendlicher vor einiger Zeit? Schönbergs Überlebender aus Warschau im Funk? Nils Petter Molvaers Live-Konzert letzten Sommer? Für mich?

Nichts, sagt der Fernsehsender. Denn jetzt kommt es erst, das Konzert. Am Samstag.

Und ich hatte noch überlegt.
Erstens, überlegt, welches das wichtigste Konzert ist.
Und zweitens, was ich am Samstag vielleicht machen würde. Da sind ja nun mal Musiker dabei, die ich durchaus zu schätzen wüsste.
Jetzt muss ich nicht mehr überlegen.
Denn ich weiß, was ich nächsten Samstag nicht tun werde.

Jugend hört

Der Krieg der Generationen, ewig wird er währen. Ach ja. Wir waren jung, die anderen alt. Keiner hat uns verstanden. Am schlimmsten war es, wenn sie uns verstehen wollten; das ging ja nun gar nicht. Wir waren doch ganz anders, wir lebten anders, wir wuchsen anders auf.

Und jetzt? Jetzt werden wir die Anderen. Da kommen schon die nächsten Jungen und zeigen uns ständig, wie weit der nächste Krieg der Generationen schon vorangeschritten ist. Gut, Krieg ist vielleicht ein viel zu harter Begriff, aber die Kluft entsteht schon. Ich spür’s.

cassette.jpgThema Musik. Popmusik. Wir wachsen auf, hören irgendwas, die Älteren verstehen uns nicht. Wobei die Älteren nicht nur die Eltern, sondern auch schon ältere Geschwister sein können; so nah ist der Krieg schon. Aber wir, wir sind auf der Höhe der Zeit, hören nicht mehr diesen Rock’n'Roll mit drei Akkorden, nicht mehr das bedeutungsschwere Endlosgeseiere der Riesenbands, nein, wir sind am Puls der Zeit: Punk vielleicht, oder New Wave, oder der Sound der Achtziger. Große Alben gibt es da: Stings Dream of the blue turtles, Peter Gabriels So, Kate Bushs Hounds of Love, Simple Minds’ Street fighting years, und und und.

Dann wird man ein bisschen älter. Und man merkt, dass es im Leben mehr gibt als Popmusik. Also, hoffentlich merkt man es. Wenn nicht, bleibt man seinem Radiosender auf ewig treu - der spielt dann die Megahits der Achtziger und Neunziger -, kauft sich alles, was man auf Cassette oder Platte hat, auf CD, beschallt irgendwelche Partys mit ebendiesem Krams und bleibt in seiner Hörnische hängen. Wenn man es merkt, sortiert man innerlich nach und nach sein Musikrepertoire, vielleicht bald auch äußerlich durch Wegschmeißen alter Bänder, akzeptiert einiges als Jugendsünde und steht dazu, einiges als Fehlgriff und einiges als wirklich große Alben (wie Stings Dreams … etc., s.o.). Und dann macht man seine geschärften Ohren auf für Neues. Das kommt immer mal wieder vorbeigeflogen. Man muss aufpassen, dass man nicht immer nur alles von den alten Meistern bedenkenlos konsumiert; manche Musiker sollte man einfach gut in Erinnerung behalten. Aber an Neuem kann man viel entdecken; und das für einen selbst Neue kann  durchaus älter sein als die erstkonsumierte Musik.

Was in jedem Fall mit einer solchen Entwicklung einhergeht und sich nicht vermeiden lässt: Die nächste Generation hört anders. Das kann schon der jüngere Bruder sein, der genau weiß, wie Musik klingen muss. Ist schon ein Phänomen.

Spätestens bei den eigenen Kindern ist die Kluft dann groß genug, um ihr bewusst zu begegnen. Nun ist ein kleiner pädagogischer Versuch der Einflussnahme auf da Hörverhalten des Kindes nicht ganz zu unterbinden. Aber mit dem Zeigefinger immer auf Sechzigjährige Altpopmusiker zu zeigen, die es ja nun doch wohl wirklich richtig drauf haben, bringt gar nix. Der Bruch ist da; man kann nur ein paar Brückenteile anbieten, die dann vielleicht später mal eingebaut werden.

Wie unausgeprägt die Kluft bei uns zuhause noch ist, hab ich gerade erfahren. Jack kommt in mein Arbeitszimmer: Hast du auch Pops? Bitte, was habe ich vielleicht auch? Na, so Pops, so Musik eben. Ach so. Popmusik? Ja, genau. Ich suchte ihm dann Evanescence raus, die Platte war noch ziemlich neu, einige Songs darauf hatten mich interessiert. Das gefiel dem Sohn. Da war der Papa aber froh.

Und heute, auf einer Autofahrt, hatte ich eine alte Genesis von ‘73 im Wagen liegen. Oh, Genesis, das kenn ich. Man höre! Der Junge entwickelt ein Gespür für gute Musik, denke ich. Das ist auch bei Nick! Äh, bei Nick? Bei welchem Nick? Na, beim kleinen Nick! Ich bekam Schwierigkeiten, das Zeitgefüge zu wahren, wenn ich mir vorstellte, dass im Buch Der kleine Nick von 1960 von Genesis die Rede sein sollte. Es stellte sich am Abend heraus, dass das Buch im Diogenes-Verlag erschienen ist. Sehr aufmerksam gelesen von dem Kerl. Und das Gespür für gute Bücher hat er ja schon.

Authentizität überzeugt

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Sagt man so. Finde ich aber schon. Über Qualität ebenso. Nur über Authentizität nicht.

 

Ich bekenne: Rapmusik ist nicht meine Lieblingsmusik. Wenn sich der musikalische Gehalt eines Songs nach zwei Takten erschöpft hat, wenn die Frontperson mit der Körpersprache signalisiert, das Coolness unheimlich intensiv ist (eigentlich ein Widerspruch in sich), wenn Goldkettchen en masse und wetterunabhängige Sonnenbrille Ausdruck einer eigenen Ästhetik sind, wenn zudem irgendein Amerikaner in irgendeinem Hochglanzvideo mir an den Kopf wirft, wie hart doch das echte, erdige Leben auf der Straße sei: Dann merke ich, dass das nicht mein Lebensgefühl ist. Wär ja auch seltsam.

Geschmacklich liegen meine Vorlieben woanders. Qualitativ brauche ich mehr, für meinen Bauch zum Fühlen, ebenso für meinen Kopf zum Denken. Und über die Authentizität des oben Beschriebenen kann man sich sein eigenes Bild machen.

 

Wenn ich aber ein Straßenfest einer kleineren Großstadt unter dem Motto „Prävention“ besuche, mäßig begeistert ob des Angebots und der Atmosphäre, vielleicht auch ob des Titels, wenn mir viele Kinder unter die Augen kommen, ich sie agieren und kommunizieren sehe, mir ihres Auftretens und ihrer Lage bewusst werde – während ich mit meinen dreien wie selbstverständlich ordentlich und sicher, verbindlich und gefestigt den Nachmittag gestalte -, wenn ich vereinzelt dazugehörige Eltern oder Elternteile sehe, wenn ich merke, wie die soziale Ausweglosigkeit den Kindern kaum eine andere Chance geben mag, einen anderen Weg als den der Eltern einzuschlagen, und wenn dann eine Gruppe einer ortsansässigen Schule, die genau mit diesem Klientel arbeitet und sie begleitet, auf die Bühne steigt und eine Song rapt, der ihre eigene Situation reflektiert und genau das zum Thema macht, was mich schmerzt: Dann stimmt es. Alles. Das ist authentisch. Und Authentizität überzeugt. Ist Authentizität da, ist die Qualitätsfrage automatisch beantwortet. Ist Authentizität da, ist Geschmack eine Frage von Kleinkariertheit, die hier nicht zu Debatte steht.

 

Mir stiegen Tränen in die Augen. Bei einem Rapsong.