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Wertschätzung

Wir alle leben in einer durch und durch kategorisierten Welt. Wir messen alles: Zeit, Entfernung, Gewicht, auch unpopulärere Dinge wie Licht, Lautstärke, Dichte.
Und obwohl alles messbar ist, legt es der Mensch offensichtlich darauf an, ein Gefühl für etwas zu bekommen. So zur Einschätzung. Er will schätzen, wie weit etwas weg ist,wie lange etwas dauert.
Schon als Kind.
Nein, gerade als Kind.
Puh.

Wie weit ist es noch? kräht es hinten aus dem Wagen.
Wie lange fahren wir noch? schließt sich an.
Was sagt man da? Sagt man, es seien noch 55 Kilometer? Oder noch 40 Minuten?
Nein, man sagt, man habe schon ganz viel geschafft, das, was noch käme, wäre jetzt noch ungefähr eineinhalb Mal so weit wie von uns zuhause bis zur Oma (Wir fahren zu Oma!     Nein, es ist nur ungefähr so weit wie hin und dann noch halb zurück.      Wieso fahren wir wieder halb zurück?) oder so lang wie zwei Hallenfußballspiele von Jack (Das weiß ich nicht, da guck ich immer nicht hin…).
Wir Erwachsenen könne uns etwa vorstellen, wie weit es noch ist und wie lange etwas noch dauert. Kinder noch nicht so.
Sie versuchen es aber.
Von Kathi die Eltern, die haben ein neues Auto, so ein großes, das war ganz teuer, das hat bestimmt 1000 Euro gekostet! verkündet Jack.
Staunender Blicke von Albert.
Der Koffer war total schwer, Mama, bestimmt 50 Kilo oder so! sagt Lula.
Staunender Blick von Jack.
Zu Tom fährt Papa 4 Stunden! tönt Albert.
Staunender Blick von Lula.

Die letzte große Autofahrt hatten wir technische Hilfe. Dank ausgeliehenem Navigator gaben wir von vorne nur sachliche Informationsmeldungen in den Fond weiter:
Wie weit noch?            Noch 382 Kilometer.
Wie lange noch?          Noch 4 Stunden und 46 Minuten.
Wann sind wir da?       Um 18 Uhr 34.

Da muss man nix mehr selbst einschätzen, das sitzt.

Wo Sie nur ganz sicher sein können: Die Einschätzung des Kindes gibt Ihnen durchaus eine Information, wie weit beispielsweise etwas weg ist. Wenn Jack erzählt, er sei mit dem Fahrrad wohingefahren, da müsse man da und da lang, und dann nach so 300 Metern käme da so ein kleiner Weg … dann dürfen Sie keinesfalls ihre Vorstellung von 300 Metern ansetzen. Es können 80 Meter oder 900 oder 2 Kilometer sein.
Wo Sie aber ganz sicher sein können: 300 Meter sind es gerade nicht. Garantiert.

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Schön wär’s.

Wenn man sagt, Kinder hätten eine so blühende Phantasie, sie könnten sich alles ausdenken, sich alles erschaffen, so trifft das, glaube ich, nicht ganz den Kern. Ich denke, für Kinder ist das mit der Wirklichkeit und der Phantasie so eine Sache. Die Wirklichkeit ist ja noch so dermaßen unüberschaubar groß und begreifbar, dass in ihr sowieso alles möglich ist. Erfahrungswerte präzisieren wohl erst die eigentliche Realität und reduzieren die unendliche Freiheit des Alles-ist-möglich.

Ein Freund sitzt kürzlich bei uns am Frühstückstisch. Ihm gegenüber Albert, am Kopfende ich. Der Freund versteht sich ausgezeichnet auf’s Zaubern, so aus Liebhaberei, und mitten im Frühstück fragt er Albert, ob er wisse, wie man eine Banane esse. Albert guckt ihn aufmerksam an, etwas schüchtern und dadurch ohne Antwort, lässt aber alles einfach geschehen. Nach kleinen Sprüchen des Freundes - ich schaue derweil immer zwischen den beiden hin und her - verschwindet die Banane plötzlich aus den Händen des Freundes und wird erst nach einigen Momenten aus Alberts Ohr wieder hervorgeholt. Das Phänomen: Das mit dem Ohr am Schluss hab ich kapiert; den ersten Teil nicht. Ich staune und überlege, wie er es wohl hat machen können, komme nicht dahinter, bin verblüfft. Albert hingegen guckt immer noch aufmerksam. In seinem Blick lese ich so etwas wie Aha, so ist das also, nun gut. Beeindruckt ist er nicht. Die Realität scheint so viele Möglichkeiten zu haben, da ist diese auch nur eine unter vielen.

Schade eigentlich, dass die Realität so begrenzt ist. Gut, für den Zauberer wie hier oder Spezialeffektfirmen in Hollywood würden schlechte Zeiten anbrechen, aber für uns …

Wenn man dem Kind in Weihnachtszeit erzählt, der Weihnachtsmann brächte die Geschenke, er brauche nur einen Wunschzettel, würde seine vorhandenen Gaben dann gerecht auf alle Kinder dieser Erde verteilen und sie fertig eingepackt ganz pünktlich an den gewünschten Ort liefern - dann wünscht man sich schon mal die Möglichkeit, dass es doch tatsächlich so sein könnte.

Und wenn dem Kind abends im Zuge des Zubettbringens gerne erzählt wird, dass alle müde seien (stimmt) und dass alle jetzt in die Betten gingen (stimmt nicht), dann denkt man schon mal:
Wenn’s doch nur echt so wäre. Schön wär’s!

Der Reihe nach

Als ich heute an der Kasse anstand, dachte ich, fallensteller hat Recht. Ob man will oder nicht. Irgendwann ist man vorne angelangt.

Am Tag, als unser erstes Kind geboren wurde, bekam ich plötzlich einen anderen Blick auf bzw. für meine Eltern. Bis dahin war ich Kind, nicht mehr klein, aber doch Kind. Nun nicht mehr, zumindest nicht ausschließlich.

Schon davor gab es in meinem Leben Begräbnisse, von verschiedensten Menschen. Nicht nur alte Menschen starben. Als ich sechs war, ist ein gleichaltriger Freund aus meiner Straße gestorben. Er war wohl von Geburt an nicht vollkommen gesund, für das Miteinander hatte das aber keine Auswirkungen. Unvermittelt war er nicht mehr da, das gemeinsame Spielen endete. Ich habe das einfach so hingenommen. Ich habe zwar auch darüber nachgedacht, aus heutiger Sicht aber betrübt es mich viel mehr. Wie muss das für die Eltern gewesen sein? Eigentlich unfassbar.

Ansonsten gab es Sterbefälle meist in der ältesten Generation. Neben den eigenen Großeltern auch die von Freunden. Aber allmählich kam der Tod sozusagen näher. Die ersten Freunde verloren Vater oder Mutter, meist nach kurzer und heftiger Krankheit. Ich weiß noch, wie uns im Gespräch bewusst wurde, das so langsam die nächste Generation betroffen war.

Aber doch erst nach der oben genannten Geburt wurde mir unvermittelt die eigene Position deutlich. Und heute beim Schlangestehen vor der Kasse kam dieses Bild hinzu. Wir stehen letztlich alle in dieser Schlange. Und irgendwann sind wir an der Kasse angekommen. Wie lange man da steht, kann man nicht sagen. Manchmal ändert sich die Schlange. Eine weitere Kasse wird geöffnet, Einige scheren aus und sind früher dran. Auch wird mal jemand vorgelassen. (Dass sich - gemäß dem Klischee - ältere Leute genervt beschweren, dass es so lange dauere, und dass sie doch zuerst da gewesen seien, bekommt durch dieses Bild eine ironische Note.) Sogar die heimlichen Ladendiebe, die sich mit scheinbar teilnahmslosem Blick an der Schlange vorbei durch die Kasse mogeln, finden ihren Platz in dieser Übertragung.

Wünschen wir uns einfach, dass es halt der Reihe nach geht und nicht willkürlich durcheinander. Nur so wird unser Sinn für Gerechtigkeit überhaupt in der Lage sein, das Geschehen akzeptieren zu können. Ansonsten wird es passieren. Ob man will oder nicht.

Ich kritisiere

Mit mir ist es komisch, sagt Astrid Lindgrens Lotta in einer ihrer Geschichten, ich kann so viel!
Mit gesundem Selbstbewusstsein stapft sie durchs Leben, stellt fest, zu was sie alles in der Lage ist, und zieht ein hohes Maß aus Zufriedenheit daraus. Und wenn sie feststellt, dass irgendetwas nicht geht, kann sie halt fast alles. Auch nicht schlecht.

So eine Selbsteinschätzung ist Gold wert. Leider geht sie so manchem Zeitgenossen vollkommen ab. Ein kurzer Zapp in eine beliebige Castingshow präsentiert reihenweise Beispiele für maßlose Selbstüberschätzung. Mensch Leute, Selbstbewußtsein an sich ist ja okay, aber zieht ihr euer Selbst-wertgefühl daraus, was andere über euch sagen? Was andere von euch erwarten? Bemisst sich grundsätzlich Wert aus der Kritik, dem überhöhten Bild, der Illusion anderer, denen zugestanden wird, es geschafft zu haben? Das kann doch nur in die Hose gehen.

Wie wär es mal mit Selbstkritik?
Nun gilt Kritik - und somit auch der Kritiker - eigentlich durchweg als Negativum - ein großer Fehler. Der Begriff Kritik selbst ist vollkommen wertfrei und bezeichnet nur die Infragestellung an sich - d. h., eine Sache steht nicht fest, sondern wird hinterfragt. Ist ja grundsätzlich nicht schlecht. Aber Kritik muss doch immer mit dem Zusatz positiv versehen werden, wenn sie mal nicht negativ gemeint ist. Und Kritiker - ja, die kennen wir doch alle, oder? Ewig am Rummäkeln, finden immer irgendwas, woran sie etwas auszusetzen haben, stöhnen, klagen.
Häufig ist es ja auch so. Und wortteufel schrieb neulich zurecht über das Phänomen, selbst immer schnell solch ein Kritiker zu sein. Diese Umgangsform führt natürlich dazu, dass, wenn ein Kritiker etwas sagt, innerlich gerne gleich die Schutzmauer hochgeht und signalisiert, dass man selbst es besser wüsste.

Das kann ja auch sein. Muss es aber nicht. Wie wär’s mal mit oben genanntem Infragestellen? Kann ja was bei rauskommen. Wie will man denn zu einer vernünftigen Selbsteinschätzung gelangen, wenn das eigene Bild schon festgelegt ist?

Auf so eine dämliche Castingshow bezogen heißt das: Nicht jeder Kasper ist dafür geboren, auf den Bühnen der Welt die Menschen emotional aufzurütteln und ihnen ein Gefühl von Tiefe zu geben.
Und auch: Nicht jeder Juror ist dafür geboren, den wahren Blick für Qualität gepachtet zu haben, um diese dann der so sehnsüchtig wartenden Menschheit zuzuführen. Auch da wäre Selbstkritik mal angebracht.

Damit ist im Übrigen zu Castingshows eigentlich schon zuviel gesagt. Sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens wären da mal zu beleuchten, Politikerfuzzis, die mit ihren Äußerungen selbstverliebt den Nabel der Welt repräsentieren zu meinen, Radsportler, die ihre tatsächliche Leistung nicht als Wert, sondern als ein Defizit verstehen, das es mit Hilfsmitteln auszugleichen gilt, Filmschauspieler, die mit ihrem schauspielerischen Vermögen nicht hinterfragen, sondern Klischees erfüllen, um den Zuschauer an sich ins Kino zu holen.

Ich frage mich: Ist man dann tatsächlich zufrieden? Kann man abends zufrieden schlafen gehen? Mag man mit gutem Gefühl in den Tag starten?

lotta-illustration-ilon-wikland.jpgIch weiß, was ich nicht kann. Manches habe ich gelernt. Manches habe ich eingesehen. Ich hätte mir durchaus andere Wege vorstellen können, aber ich bin froh, froh zu sein mit dem, was ich wirklich kann. Nicht zu vergessen ist nämlich, dass man vieles ja durchaus lernen kann. Der Mensch ist ja in der Lage, seine Fähigkeiten zu erweitern. Allein die Frage des Umfanges sollte stets im Blick bleiben. Lotta merkt auch, das sie nicht alles kann: Alles außer Slalom, stellt sie fest. Also übt sie, denn so unheimlich schwer kann das ja nicht sein. Zuerst fährt man in die eine Richtung und dann in die andere und die ganze Zeit über wedelt man mit dem Po. Mit dem Po wedeln kann ich überhaupt schon, dachte sie und probierte eine Zeit lang aus, wie gut sie es konnte.

Solche Art von Selbstkritik und Selbsterkenntnis kann durchaus schon früh beginnen.
Albert sah gestern ein Paket im Flur liegen und machte sich daran zu schaffen.
Bitte lass das Paket, sagte ich, das soll noch weggeschickt werden.
Ich will das aber lesen, sagte Albert.
Gut, sagte ich, dann lies es, aber lass es bitte liegen.
Aber, sagte Albert und verharrte kurz, aber … ich kann gar nicht lesen!
Dann les ich dir das vor, ja? sagte ich.
Und Albert sagte: Okee.

W8

w8.jpgAcht Wahrheiten.
Ein Stöckchen von wortteufel.
Nun werden also acht Wahrheiten von mir erwartet.
Mit Erwartungen tue ich mich schwer.
Und da das schon eine Wahrheit ist,
beantworte ich gerne das Stöckchen.
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Die 1. Wahrheit: Ich tue mich schwer damit, Erwartungen zu erfüllen.

Es ist ja nicht so, dass ich Erwartungen extra nicht erfülle. Außerdem geht es nicht um jegliche Art von Erwartungen. Aber ich überlege Dinge eigentlich lieber selbst. Druck kann ich schlecht vertragen.
Am schwersten fällt es mir, Erwartungen von Leuten zu erfüllen, die meinen, ich müsste irgendwie so sein: Leute, die ich von früher kenne, von denen ich mich aber weg entwickelt habe, Leute, die meinen, man macht etwas so, und und und.
Natürlich erfülle ich Erwartungen, die berechtigt an mich gestellt werden. Habe ich für jemanden zu sorgen, bin ich voll und ganz da. Braucht mich jemand, bin ich zur Stelle.
Aber: Meint jemand, man sollte doch mal, das wär so schön, war doch immer so, kann man doch: Nee, das kann ich nicht.
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Die 2. Wahrheit: Ich muss immer mal unvermittelt bei Musik weinen.

Da kann ich gar nichts gegen machen. Häufig ist es, wenn mir Musik, die ich lange nicht gehört habe, wieder zu Ohren kommt. Genauso kann es sein, das die ersten Klänge eines Konzertes oder einer neuen CD der Auslöser sind.
Dass Musik so schön, so intensiv sein kann! Die Art der Musik ist nicht entscheidend - wobei, ehrlich gesagt, ein Technosong mich noch nicht zum Weinen gebracht hat. Andererseits: Eigentlich ist Techno auch zum Heulen.
Davon abgesehen ist die Tatsache, dass mir Tränen in die Augen treten, nicht die mir in der Musik ebenfalls vertraute Möglichkeit des Schauer-über-den-Rücken-laufens, das ist noch was anderes. Das kann ich mit bestimmter Musik ein bisschen provozieren.
Den Tränenfluss nicht.
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Die 3. Wahrheit: Ich liebe die Berge.

Der Inbegriff von Entspannung sieht für mich so aus:

Ich packe meinen Rucksack und schnüre die Schuhe. Der Morgen ist noch neu. Es geht langsam in den Wald hinein. Die Bäume sind nass und tropfen herab. Es ist kühl. Die Luft riecht auf einzigartige Weise. Ich setze Schritt vor Schritt. Ein Atemrhythmus ergibt sich. Schweiß bricht aus. Es geht höher und höher. Kurze Pausen zum Trinken und Durchatmen. Der Wald bleibt zurück, es öffnet sich. Dann: Ein neuer Blick. Die erreichte Höhe wird deutlich. Wolken ziehen unter mir durch. Der Rucksack wird schwerer. Jeder Schritt ist bewusst. Zeit vergeht. Der Weg wird steiniger. Eine kleine Hütte wird erreicht. Kuhglocken läuten. Grüne Wiesen, steindurchsetzt. Hohe Gipfel dahinter. Sonne und Wolken. Ein Glas bei der Hüttenwirtin, billig. Ich sitze auf der Holzbank, lehne mich an die Hüttenwand. Ich atme durch.

Das ist es.
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Die 4. Wahrheit: Ich denke oft an meinen Großvater, wenn ich in den Spiegel schaue.

Als meine Schulzeit beinahe zuende war, ist mein Großvater gestorben. Er hatte eine gute Stunde entfernt gewohnt. Ich hatte eine typische Großvater-Beziehung zu ihm, soll heißen: Bis dahin standen eher regelmäßige Sonntagsbesuche an, Fünfmarkstück in die Hand, draußen rumlaufen und so. Fragen nach früher und das Bewusstsein für seine Geschichte kamen vielleicht gerade erst auf. Heute würde ich gerne mit meinem Großvater reden, ihn vieles fragen.
Er war einige Monate krank gewesen, sein Tod kam nicht allzu überraschend. Der Tod an sich war schon damals kein Tabuthema, ich konnte ganz gut damit umgehen. Ein paar Tage vor der eigentlichen Beerdigung bestand die Möglichkeit, ihn noch einmal zu sehen. Ich fuhr mit meinen Eltern hin. Es war sehr eindrücklich. In Ruhe betrachtete ich ihn, sein Aussehen, sein Gesicht. Die Züge prägten sich mir deutlich ein.
Am Abend zuhause kam ich gerade ins Bad, als mein Vater vor dem Spiegel stand. Ich sah in sein Gesicht und entdeckte plötzlich ganz viel von meinem Großvater, von den Zügen, die ich am Nachmittag gesehen hatte..
Später ging ich in den Keller in mein Zimmer. Als ich dort selbst vor dem Spiegel stand, ging es mir ein weiteres Mal so: Ich sah wieder die Züge meines Großvaters und mich sozusagen als dritten in der Reihe. Es waren die Ähnlichkeiten im Aussehen, die gleichen Züge, doch über drei Generationen verteilt. Ein kleiner Blick in den Lauf der Welt.
Noch heute, wenn ich vor dem Spiegel stehe, sehe ich oft meinen Großvater.
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Die 5. Wahrheit: Ich habe keine Ahnung von Pflanzen.

Ich muss es gestehen: Von Botanik in jeglicher Form habe ich keinen blassen Schimmer. Natürlich kenne ich grundsätzliche Formen und kann sie unterscheiden. Ich kenne und erkenne Birke und Sonnenblume, Eiche und Rose, Kastanie und Klee. Aber dann ist eigentlich schon Schluss.

Nicht, dass ich ignorant wäre. Ich denke nicht, dass ich es nicht nötig hätte, mich mit Pflanzen abzugeben. Es ist mir auch durchaus unangenehm. Und ich bemühe mich auch. Ich bin fleißig dabei, die Pflanzen in unserem Garten zu lernen. Meine Liebste hat ein Händchen dafür, es grünt und sprießt nur so, unglaubliche Fülle erwächst im Frühjahr aus so manchem vermeintlich toten Stück Beet, üppiges Buschwerk, Farbenpracht und Formenvielfalt auferstehen quasi über Nacht. Und ich genieße es. Allein: Ich weiß nicht, was da blüht.

Ich lebe mit dieser Schwäche. Ich halte es da mit Helmut Zerlett. Der war früher vornehmlich Bandleader und nachher  immer öfter auch Dialogpartner von Harald Schmidt. Er sagte in einer Sendung, als es gerade mal um Pflanzen ging, einen Satz, der es auch für mich trifft:
Für mich ist alles Ginster.
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Die 6. Wahrheit: Ich mache mir gerne Gedanken.

Meine Erinnerung an griechische Philosophen ist nicht besonders gut. Hängen geblieben ist etwas von Sokrates, der sagte, er wisse, das er nicht wisse, und damit verdeutlichte, dass man die Weisheit zwar versuchen kann, zu erreichen, sie aber nicht gepachtet hat.

Ich muss sagen: Nichts ist mir suspekter als jemand, der genau weiß, wie die Dinge laufen. Nicht, dass niemand eine Ahnung von irgendwas hätte; es geht mehr um den Umgang mit Wissen. Im Studium hatte ich ein Seminar belegt, das fächerübergreifend angelegt und aus diesem Grund auch mit zwei Professoren bestückt war. Absolut auffällig war der Unterschied in der Vorgehensweise der beiden. Es ging um ein zu untersuchendes Objekt, und während der eine gemeinsam mit uns Studenten überlegte, was es damit auf sich haben könnte, und was er hier sehen würde, wobei er nicht wüsste, wie wir das sähen, sprang der andere dazwischen und erklärte uns genau, was wir da vor uns hätten. Das machte mich eher nachdenklich.

Ebenso erinnere ich mich an ein nicht allzu begeisterndes Pflichtseminar mit nicht allzu ansprechendem Inhalt, in dem der dortige Professor irgendwann mit erboster Stimme darauf hinwies, dass das große Kunst wäre, und er sich verbitten würde, dieser weiterhin nur mäßiges Interesse entgegenzubringen. Das war zwar praktisch, weil man nun nicht mehr selbst überlegen musste, ob es große Kunst war oder nicht. Aber auch das machte mich nachdenklich.

Ich finde, wenn jemand einer Meinung ist, hat das schon mal seine Berechtigung. Und wenn jemand einer anderen Meinung ist, hat das auch schon mal seine Berechtigung. Dann kann man gemeinsam herausfinden, was es damit auf sich hat. Und hinterher vielleicht immer noch unterschiedlicher Meinung sein, vielleicht auch die Meinung des anderen unmöglich finden. Es gibt sie trotzdem, also habe ich nicht die Berechtigung, sie zu verdammen, nur weil ich sie nicht nachvollziehen kann.

Vielleicht ist es dieser Haltung zu verdanken, dass man Bundestagswahlen und Politikerreden übersteht, nicht im Streit mit allen Mitmenschen lebt und immer wieder neue und zum Teil faszinierende Blicke auf bzw. Einblicke in das Leben erhält.
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Die 7. Wahrheit: Ich sage oft mal Sachen einfach nur so.

Das ist manchmal ein bisschen problematisch. Ich bin vielleicht mit anderen im lockeren Gespräch, es wird nett geplaudert, irgendwas wird gesagt, ein Wortspiel oder eine Bemerkung oder ein Kommentar oder ein gespielt hämischer oder ein gewitzter oder gerne auch dummer Satz geht mir durch den Kopf - schon sag ich ihn.
Schwierig: Mir geht’s nur darum, es mal zu sagen. Ich mein das eigentlich gar nicht. Äußert jemand leise Selbstzweifel, bestätige ich ihn gespielt. Hat jemand eine echte Frage, fällt mir nur eine Bemerkung ein, die herrlich absurd wäre. Und mache sie.
Ich bin also an einer Plauderrunde beteiligt, betrachte den Gesprächsverlauf irgenwie ein bisschen von außen, wie ein Theaterstück, und führe es einfach weiter. Manchmal sollte ich da besser nichts sagen. Oft kann ich die Leute gar nicht richtig einschätzen, kenne sie nicht immer alle. Die gucken mich dann gerne mal ein bisschen komisch an. Was ich verstehen kann. Andererseits ist es auch möglich, die Runde enger zusammenzuschweißen und einen netten weiteren Abend zu verbringen.

Beispiel?
Ich bin auf einer Uni-Party überwiegend Ehemaliger, der Abend ist nett, Musik läuft, ein kleines Feuerwerk brennt ab, irgendjemand holt ein Bier, wir stoßen an, ich sage: Auf Hannelore Kohl.
Um’s mal zu sagen.
Besagte Frau Kohl war Tage zuvor aus dem Leben geschieden, die Medien hatten ein etwas seltsames Spiel mit den Hintergründen ihres Todes getrieben - Lichtallergie und so - und die mediale Betroffenheit dominierte das Zeitgeschehen. Und? Muss man da beim Zuprosten Auf Hannelore Kohl sagen?
Nein. Muss man nicht. War aber schon passiert. Erstem Oha und Nach-Luft-schnappen folgte eine kleine inhaltliche Diskussion über besagte Medienphänomene, und es entwickelte sich zu einem ganz guten Abend.
Aber: War das nötig?

Ich will mich bessern. Eigentlich.
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Die 8. Wahrheit: Ich habe gerne ein Kind an der Hand.

Ganz ehrlich: Es gibt nichts Schöneres als die Hand eines Kindes an der eigenen, besser wohl: in der eigenen. Ein warmes Patschehändchen, gern etwas verklebt oder feucht, ein bisschen dicklich, und die Fingerchen greifen in die Handfläche, suchen Halt. Die eigene Hand umschließt die Kinderhand, sorgsam, hält zur Not das ganze Gewicht, wenn es zum Stolpern kommt, greift auch mal fester, wenn ein Loslassen nicht sein darf.

Vielleicht liegt es daran, dass es so viel mehr ist als das bloße Halten einer Hand. Es hat ganz viel mit dem Menschen zu tun, mit Liebe, mit Geborgenheit und Vertrauen, mit Nähe, Begleitung und Führung. Alles durch die Verbindung zweier Hände auf dem gemeinsamen Weg.

Händchen in Hand. Und dann stapft man los.
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Bestandsaufnahme / in spiel

kaffee.jpgAlbert hat die zweite Dimension entdeckt, das Paralleluniversum, die verblüffend ähnliche und doch so andere Welt neben der in echt: Die Welt in spiel. Ungleich reichhaltiger ist sie, erweiterbar, formbar, beliebig denkbar. Wunderbar. In spiel fährt er Auto, isst Süßigkeiten en masse, besucht pausenlos Andere, erlebt Abenteuer. Er zieht für draußen seine Gummelstiefel an und kann sie im nächsten Moment in Fussballschuhe verwandeln. Er geht um die Ecke und kommt mit einem Geschenk zurück. Er pflückt von seinem Spielzeugtrecker Bonbons in allen Farben, steckt sie mir und sich in den Mund und schwärmt, wie lecker die sind. In spiel.

Ich habe heute vormittag auch Besuch bekommen. In spiel. Der Betriebsleiter meines Lebens stand unerwartet vor mir. Ich saß gerade auf der Bank vor unserem Häuschen, in der Hand einen Kaffee, Albert bei mir spielend, als er um die Ecke bog. Sagen Sie mal, Herr Yulius, sagte er, nachdem er mir einen guten Morgen gewünscht hatte, meinen Sie nicht, es wäre mal wieder an der Zeit, eine kurze Bestandsaufnahme zu machen? Um wieder auf den Stand der Dinge zu kommen? Seit der letzten Bestandsaufnahme ist schon wieder etwas Zeit vergangen.

Damit hatte er recht. Nun verlangt dieser Betrieb glücklicherweise nicht eine turnusmäßige Inventur im Vierteljahresabstand, zu der man sich dann aufraffen müsste, auch wenn einem gar nicht danach ist. Glücklicherweise darf man sich frei aus dem Lager versorgen, die Vorräte nutzen und sie verbrauchen. Aber es stimmt schon: Man sollte sich nicht ganz ohne einen gelegentlichen mehr oder minder gründlichen Blick in die Vorräte ins Leben stürzen, denn ein leeres Vorratslager könnte ganz fatale Folgen haben.

Sie haben ganz recht, sagte ich zu ihm, ich schau mal, wie es so aussieht in meinem Lebenslager. Ich gehe die Regale und Schränke durch und werfe einen Blick hier und dort hin, um einen Überblick zu bekommen. Der Betriebsleiter sah mich zufrieden an. Das ist gut so, Herr Yulius. Damit sind sie auf der sicheren Seite. Und damit zog er von dannen, er hatte seine Arbeit getan.

So saß ich also da, versonnen und ein bisschen nachdenklich. Und ich ging in spiel die Regale durch.
Gut, die Vorräte im Ausgeschlafenheitsregal könnten besser gefüllt sein, die waren schon seit Jahren unten. Aber es bestand kein wirklicher Grund zur Sorge. Die Fülle des Vorratsraumes für die Fitness bewegte sich auf ähnlichem Niveau.
Wichtiger war mir aber das Zeitregal: Von der Zeit muss wirklich immer genügend vorhanden sein. Heute war das Zeitregal gerade prall gefüllt. Ich hatte ja schließlich genügend von dieser Zeit, um in Ruhe auf der Bank sitzen zu können. Und zufrieden den Vormittag zu genießen. Ein kurzer Blick in den Zufriedensheitsschrank bestätigte dies: Ausreichend Zufriedenheit vorhanden. Außerdem so viele Reserven, dass ich mir keine Sorgen machen muss.
Ebenfalls ganz wichtig: Das Geborgenheitsregal. Keine Frage, ich war ausreichend geborgen; meine Familie und meine Freunde hatten dafür gesorgt, dass immer Geborgenheit da ist. Ein Grund, warum auch der Zufriedenheitsschrank nie leer werden kann.
Und auch meine Vorräte an Empfindungen und Mitempfinden waren gefüllt. Ich habe die Vermutung, dass manche an diese Regale in ihrem Leben gar nicht oder nur wenig denken und sie stattdessen lieber den großen Schrank mit Härte und Stärke neu befüllen. Ich bin mit der Gewichtung in meinem Lager aber ganz zufrieden.

Und so ging ich alles durch, schritt die Gänge ab, überschlug beispielsweise die Bestände an Selbstbewusstsein, Wissensdurst, Gelassenheit, Freundlichkeit, Verständnis, begutachtete unter anderem den Bestand an Offenheit, Sicherheit, Würde, Toleranz, Humor, Initiative, und sah zu, dass die leider auch vorhandenen Vorräte an Gereiztheit, Langeweile und Belanglosigkeit - wenn sie denn nun schon mal da waren - so gut es geht unter Verschluss gehalten werden, damit sie keinesfalls unkontrolliert und am Besten gar nicht angetastet werden.

Es war alles in allem ein ganz ordentlicher Gang durch das Lager, ein Gang, den ich machte, während Albert zufrieden vor mir spielte und gerade in spiel einen Tisch deckte mit lauter Köstlichkeiten, mit einem zufriedenen Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, ein Gang, den ich machte, während ein lauer und leichter Wind meine nackten Füße umspielte, während die Frösche aus dem Teich des Nachbarn unüberhörbar quakten, während die Sonne und die Wolken ein intensives Spiel mit Hell und Dunkel spielten.

Und ich stellte fest: Es geht mir gut. In echt.

Faltige Arme

arm.jpgNein, faltige Arme hab ich gar nicht. Ich finde faltige Arme auch nicht besonders schön. Ich finde faltige Arme aber auch nicht besonders unschön. Ich finde sie eigentlich überhaupt nicht. Ich habe mir eigentlich bislang noch nie Gedanken um faltige Arme gemacht.
Jetzt schon.

Wenn ich in meinen Statistiken an den Suchbegriffen vorbeikomme und sehe, was Leute in die Suchmaschine eingetippt haben, schüttele ich zuerst den Kopf. Und dann werde ich nachdenklich. Mehrere Dinge daran find ich nämlich interessant. Zuerst einmal natürlich: Für was interessiert sich der Mr. Search denn da? Ich bekomme einen Einblick in Lebenswelten und Vorstellungen Anderer, die mir zuvor verschlossen waren. Eigentlich ein witziges Prinzip. Ich müsste nur mal ein paar Texte mit unterschiedlichsten Schlagwörtern veröffentlichen, und schon bekäme ich Ergebnisse über Lebenseinstellungen, Präferenzen, Sehnsüchte, Intelligenzquotienten, sprachliche Fähigkeiten, etc., die keine Volkszählung und keine Meinungsumfrage liefern könnten. Praktisch.

Neben den reinen Wörtern, die ich erhalte, sagt ja der komplette Suchinhalt in seiner sprachlichen Verbindung fast noch mehr über das psychologische Bild von Mr. Search aus. Der Suchbegriff “Sport in meinem Leben.” - inklusive Punkt - spricht Bände. Sucht Mr. Search Sport in seinem Leben? Dann sollte er welchen treiben. Oder sucht er jemanden, der Sport in seinem Leben treibt? Und darüber geschrieben hat? Im Internet? Inklusive dieses Satzes? Mit einem Punkt am Ende?

Und wenn Mr. Search “Vor und Nachteile genmanipulierter Tiere” eintippt, dann denke ich: Ähm, Mr. Search, vielleicht sollten Sie besser sowas wie “Vorteile Nachteile Tiere Genmanipulation” eingeben. Denn die grammatikalisch mögliche verkürzte Aufzählung “Vor- und Nachteile” ist nicht unbedingt die Vorgehensweise der Suchmaschinen. Es sei denn, Sie suchen diesen Satz. (Davon abgesehen: Vorteile genmanipulierter Tiere? Da kann man doch endlos suchen. Das am Rande.)

Auf diese Weise offenbart mir Mr. Search nämlich neben den eigentlichen Suchbegriffen auch ein bisschen was über sein Verständnis von einer Suchmaschine. Hallo, hören ich ihn quasi durchs Telefon quäken, Frau Suchmaschine, ich hätte da eine Frage, ähm, wissen Sie was über die Vor- und Nachteile genmanipulierter Tiere? Und dann denkt Frau Suchmaschine einen Weilchen nach. Und macht das, was für mich ein weiterer interessanter Aspekt ist: Sie nennt ihm unter anderem meinen Blog.

Nun, ich habe über “Vor- und Nachteile genmanipulierter Tiere” genauso viel geschrieben wie über “faltige Arme”. Und auch über “Spritze in den Po”, “Geschichte eines Rasenmähers”, “Schnuller mit 2 Jahren noch”, “klamotten trimmer”, “kuscheln umsonst”, “friseuse legt umhang um” und “Zahl 2 im Märchen”. Nämlich nix. Denn, Mr. Search, die Frau Suchmaschine guckt in alle meine Texte hinein, um die gesuchten Wörter hervorzukramen. So, wie eine Köchin, die ein aus diversen Zutaten bestehendes Gericht zubereiten soll, in der Vorratskammer in alle Regale hinein schaut und hier und dort etwas nimmt, um es schließlich zuzubereiten und köstlich dampfend dem Gast auf einem Teller vor die Nase zu stellen. Nur, dass ein Gericht aus diversen Blogartikeln leider keine köstlich dampfende Antwort gibt, Mr. Search! Sondern nur Murks. Wenn ich jetzt also mal wahllos die Begriffe “Gurke”, Stiefel”, was fällt mir noch mal schnell ein, “Guatemala”, “Rechtssicherheit”, “lieblich” und “Elch” nenne, dann kann es sein, das Frau Suchmaschine dieses bei einer entsprechenden Anfrage alles für Sie suchen und kochen würde, Mr. Search. Aber es würde Ihnen nicht schmecken!

Das ist auch eigentlich der Punkt, über den ich mir am meisten Gedanken mache: Wird Mr. Search glücklich? Wenn er nun den Wunsch nach Information verspürt, die Begriffe eingibt, Frau Suchmaschine fragt, die Ergebnisliste liest und dann auf meinen Eintrag klickt - wird er dann glücklich? Wollte er hierhin? Hat seine Suche eine Ende? Ist er alle Fragen los, jeglicher Ungewissheit entrückt? Konnte ich ihm helfen?

Ich glaub nicht.
Manchmal glaube ich, keiner kann Mr. Search helfen. Ich lese die Suchbegriffe “fiebermessen im po geschichten”, “Was ist Morzen”, “WIE GEHT Morzen”, “Die Einkaufszettel als Ding”, “mein förmchen ist grüner” oder “steckte mir thermometer hinten rein” und denke:
Ihm ist vielleicht gar nicht zu helfen.

Jaja, die Zeit schon wieder

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Albert hat ja - wie berichtet - diese Fähigkeit, den Zeitfluss zu stoppen und den linearen Verlauf einer Zeitleiste zu durchbrechen. Aber: Er kann noch mehr! Albert vermag es, einen exakt festgelegten Zeitpunkt immerwährend festzuhalten, ja, ihn quasi zu knechten und zu binden, auf dass er niemals nicht keinen Wandel mehr erfahren solle. Mit einem weiteren weisen Wort, das er mit allergrößter Selbstverständlichkeit von seinen Lippen bilden lässt, gebietet er der Zeit Einhalt.

Albert sagt: Fünf Uhr.

Das sagt er immer. Immerzu ist es fünf Uhr. Fragt man ihn morgens, fragt man ihn abends - es ist fünf Uhr. Fragt man ihn gar nicht, ist es auch fünf Uhr. Das sagt er einem auch so.

Das Gute ist: Fünf Uhr ist nie zu früh, nie zu spät. Fünf Uhr ist immer richtig. Es hetzt einen nicht, treibt einen nicht voran, ebensowenig lässt es einen verzweifeln ob der Trägheit der Zeit. Bevor er die Zeit verkündet - stets mit erhobener und fast ein bisschen feierlichen Stimme -, wirft er fachmännisch einen Blick auf Jacks ausgediente Uhr, die lange in unserem Bad gelegen hatte, und die er jetzt täglich trägt. Ich habe neulich, nach zahlreichen erfolglosen Versuchen, endlosem Bemühen, fast unangebrachtem Betteln zufällig das erste - und womöglich auch das letzte - Mal einen winzigkleinen Blick auf diese Uhr erhaschen können - und ich schwöre, ernsthaft und vollster Überzeugung, sie zeigt fünf Uhr. Ich bin mir ganz sicher.

Bei Albert ist es immer fünf Uhr. Ich habe bei ihm auch das Gefühl, das er nicht älter wird. Ich gucke schon immer ganz genau, aber es zeigen sich keine Veränderungen.

Heute sind wir mit dem Auto gefahren, alle zusammen. Mittendrin sagt Jack: Papa, wie spät ist es? Ich sage nur: Frag Albert, der weiss es. Albert, sagt Jack, wie spät ist es? Fünf Uhr, sagt Albert. War ja klar. Stimmt! sagt Lula, die den Uhrenvergleich mit der Autouhr vorgenommen hat. Es ist Fünf Uhr. Tatsächlich. Mein Blick auf die Autouhr bestätigt es, und der Kontrollblick auf meine Armbanduhr führt zum selben Ergebnis.

Mir wird gleichzeitig (natürlich gleichzeitig, die Zeit steht ja) heiß und kalt.

Wir sind alle Gefangene. Gefangene der Zeit. Gefangene Alberts Zeit. Oh Mann.

Jaja, die Zeit

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Albert hat eine Fähigkeit an sich entdeckt, die wohl nur er und seine Altersgenossen besitzen: Er ist in der Lage, den Zeitfluss stoppen. Ehrlich! Er durchbricht den linearen Verlauf einer Zeitleiste. Einfach so. Mit der Sprache. Ein Wort genügt. Ein Zauberwort. Ist es erklungen und nimmt es den Lauf in die Welt, erfüllen seine Schwingungen den gesamten Erdkreis, dann wird die Zeit relativ relativ.

Und siehe, ich verkünde es gerne, das Zauberwort, voll ungeheurer Macht, es lautet daselbst: Nochmal!

Kaum ist es gesprochen, schon arbeitet die Zeit emsig daran, die Kurve zu kratzen, den Weg zurückzusuchen, sich einen vermeintlich längst vergangenen Punkt zu suchen und eine formvollendete Schleife zu bilden. Die Zeit lechzt nach Wiederholung, Fortschreiten ist nicht ihre Sache mehr. Oh du Zauberwort, könntest du doch auch mich ermächtigen, des unablässigen Weiterziehens Herr zu werden und der Umbarmherzigkeit des Laufes aller Dinge Einhalt zu gebieten! Manch Erlebnis würd ich repetieren, so mancherlei Situation zum wiederholten Male erleben wollen. (Erste Gedanken: Ein Tor meines Lieblingsvereins, ein Kuss meiner Liebsten - besser wohl in anderer Reihenfolge.)

Ich fahre mit Albert zum Einkaufen. Reinheben in den Wagen. Nochmal! Nein, es regnet so, wir wollen … Nochmal reinheben. Gut. Geht schneller. Ist mir ja auch nicht so wichtig, wie es ihm ist. Rein ins Geschäft. Rasierschaum aussuchen. Die von ihm in die Hand genommene Zahnpasta zurückstellen. Nochmal Zahnpasta haben. Nein, wir müssen doch noch andere Dinge einkaufen. Nochmal die Zahnpasta angucken. Gut, guck sie dir nochmal an. Stellst du sie dann weg? Ja, dann. So, bist du fertig? Nein, nochmal angucken. Also nochmal. Weiter. Papa, Hände weg da. Wie soll ich da schieben? Naja, Hände in die Mitte des Lenkers, kurz stehenbleiben, Artikel in den Wagen tun, Hände automatisch nach außen, auf Alberts Hände. Nein, nicht dahin. Weg da. Gut, hatte ich vergessen. Was wollte ich jetzt kaufen? Nochmal. Was nochmal? Nochmal deine Hände. Meine Hände sind doch innen! Nein, nochmal deine Hände auf meine Hände. Ach so, nichts leichter als das. Weg. Die Hände? Ja. Okay. Jetzt nochmal deine Hände auf meine Hände. Man kann nicht alles nochmal machen, es muss auch mal weitergehen. Noch einmal, Papa.

Und so weiter.

Versuche, das Zeitkontinuum wiederherzustellen, sind aussichtslos. Sie heben sich paradoxerweise selbst auf. Man bleibt ohne Ausweg in der Problematik der Zeitschleife hängen, kann ihr argumentativ nicht entfliehen.

“Ich sag dir nochmal, dass man nicht alles nochmal machen kann”, sage ich. Und verstumme.

Wichtigkeit kennt keine Grenzen

Es gibt viele Dinge im Leben. Einige sind wichtig, andere unwichtig. Ob eine Sache wichtig und wie wichtig eine Sache ist, entscheidet jeder subjektiv. Nun möchte man manchmal seine - natürlich subjektive - Meinung ob der Wichtigkeit einer bestimmten Sache gerne als Objektivität verstanden wissen: Sie wissen doch, wenn man vernünftig ist, klar ist doch, usw. Hilft aber häufig nix. Die andere Seite sieht die Dinge subjektiv anders.

Wenn man sich dieses - eigentlich simple - Prinzip ab und zu vor Augen hält und sich in entscheidenden Situationen daran erinnert, wächst das Verständnis für die andere Seite. Oder man bleibt zumindest gelassener.

Ein hypothetischer Fall: Ein Kind von etwa 2 Jahren möchte einen Schnuller. So weit, so gut: a) Es bekommt ihn oder b) es bekommt ihn nicht. Fall erledigt.

Eine Fall-Erweiterung: Das Kind möchte einen bestimmten Schnuller. Möglichkeiten: a) Es bekommt einen Schnuller oder b) es bekommt ihn nicht. Fall nicht erledigt. Denn wenn es einen Schnuller grundsätzlich bekommen kann, gibt es noch die Frage, welcher es sein soll. Gut, kann man klären, Fall erledigt.

Zusatzschwierigkeit: Der gewünschte Schnuller ist nicht zu finden. Möglichkeiten: a) Einen anderen Schnuller empfehlen oder b) den gewünschten Schnuller suchen. Letzteres kann glücklich enden, somit wäre der Fall erledigt. Endet es unglücklich: Möglichkeit a). Diese beinhaltet allerdings diese Sache mit der Wichtigkeit. Tja. Müssen Sie jetzt selber wissen.

Zusatzschwierigkeit 2: Es ist Nacht, es ist 2.15 Uhr, es ist stockdunkel. Sie hören das Kind rufen, Sie taumeln aus dem Bett - wenn Sie denn mit Ihren gerade nachts noch sehr deutlichen Rückenschmerzen irgendwann mal hochkommen - und tasten sich den Flur entlang. Vor dem Kinderbett lauschen Sie der Bitte des Kindes, es hätte gern den Fußball-Schnuller, und

- BUMM -

da haben Sie`s:

Das Problem mit der Wichtigkeit.