Herr Scheu irritiert mich. Die Tatsache, dass er mich irritiert, irritiert mich wiederum auch. Das macht’s nicht einfacher.
Der Reihe nach: Ich denke, wir können beobachten, dass Herr Scheu etwas vorhat. Etwas Großes, Geschlossenes. Geradezu epischen Charakters. Er hat eine Vision, die Vision einer anderen Welt, einer neuen Form des Zusammenlebens, des Daseins. Mag sein, dass der Arbeitstitel “Eine bessere Welt” lautet, ich denke zumindest schon, dass das seine Intention ist.
Nun ist Herr Scheu Politiker und kein Schriftsteller. Und das macht die ganze Sache komplizierter. Wäre Herr Scheu Schriftsteller, würde er seine Vision, sein Aussage, seine Sicht der Dinge in gesammelter Schriftform in voller Gänze veröffentlichen. Es könnte ein Kurzroman sein, ebenso eine weitausholende Geschichte, ein Epos. Tatsache ist: Man hätte alles vorliegen.
Der Politiker in Herr Scheu macht das anders. Er serviert häppchenweise. Ein Fortsetzungsroman, eine Buchreihe, so etwas in der Art. Nach und nach bekommt der Interessierte Einblick in seine Vorstellungswelt, er erkennt Tendenzen, bekommt vage Ziele angedeutet, spürt Anzeichen des neuen Geistes. Aber: Nur das, nicht alles.
Dabei glaube ich, dass das Werk längst fertig ist, innerlich. Klar umrissen, die Handlungsstränge gebündelt ausgerichtet, die Aussage definiert.
Das Risiko aber, mit dem Werk zu scheitern - und zwar auf ganzer Linie -, ist ja ungleich höher, wenn auf einen Schlag das Werk vorliegt und es rezipiert werden kann. Ein schnelles Urteil, ein schnelles Zerreden, allein schon das Bemängeln einzelner Details würde dazu führen, die Größe des Gesamtwerkes in der allgemeinen Wahrnehmung zu verkleinern. Hätten erst einmal ‘führende’ Kritiker das Werk verrissen oder zumindest - auch bei möglicherweise ‘guter handwerklicher Arbeit’ - nichts Überragendes entdeckt, wäre die Vision dahin. Komplett.
Folglich der Weg der Teilschritte. Alle paar Tage liest Herr Scheu sozusagen wieder ein kleines Kapitel vor, lässt erahnen, wo die Reise hingehen soll, hält das Ziel aber außen vor. Die Kritiker können nun zwar über die Episoden urteilen, eine Einschätzung des Gesamtwerks aber wird ihnen ja unmöglich gemacht. Das nimmt Wind aus den Segeln, und es ermüdet.
Das ist schade. Wäre es ein dicker Wälzer, der womöglich gar nicht mein Fall wäre - ich könnte doch einmal in einer Buchhandlung ein Exemplar in die Hand nehmen und die letzten Sätze lesen. Dann wüsste ich schon, wie es ausgeht.
Weil ich das aber nicht weiß, irritiert mich Herr Scheu jetzt. Ich entwickle also eine etwas diffuses Bild des Gesamtwerkes in meinem Kopf, halte auch durchaus verschiedene Enden für möglich, die in dieses Bild passen würden - und wundere mich über das gerade veröffentlichte Teilkapitel: Die Forderung nach mehr Freiheiten im Zusammenhang mit dem Besitz und Erwerb von Schusswaffen.
Das macht mich etwas ratlos. Also, mehr Schusswaffen für die Polizei - hätte mich nicht überrascht. Mehr Einschränkungen, Waffen besitzen zu dürfen - hätte ich auch nachvollziehen können. Aber Erleichterungen beim Erwerb von Schusswaffen?
Ich bin mal ganz naiv: Sagen wir mal, auf ein Ziel zu schießen, fänd ich klasse, ich habe aber nix zum Schießen. Was mach ich? Ich gehe doch nicht zum Schusswaffenhändler nebenan und sage, ich möchte 1 Pfund Schusswaffen zum Schießen haben, und der fragt, ob es denn etwas mehr sein darf, und ich sage, gerne, geben Sie mir ruhig etwas Stärkeres. Um dann im Haus oder auf der Straße rumzuballern. Nein, Ich muss natürlich in einen Verein oder so etwas, wo es Ziele, Regeln und auch die erforderlichen Geräte gibt.
Wozu soll ich dann beim Schusswaffenhändler nebenan so schweres Zeugs kaufen können? Versteh ich nicht. Und was Herr Scheu damit beabsichtigt, weiß ich nicht. Erhöhung der Sicherheit durch mehr gefährliche Waffen - das geht auf jeden Fall nicht in meinen Kopf rein.
Herr Scheu irritiert mich also. Gut, kann passieren. Aber mich irritiert, dass er mich überhaupt irritieren kann. Ich hatte ein so schlüssiges Bild von ihm. Nun ist es ins Wanken geraten. Nicht, dass ich ein Fan seiner sich andeutenden Vision wäre. Aber wenn diese Vision irgendwie wieder undeutlicher wird - dann beruhigt das nicht gerade.
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