Archiv der Kategorie '.Politik'

Neues aus der Zeitung

In einer Zeit, in der uns die Zeitungen die Katastrophen, Dramen und Krisen dieser Welt nur so um die Ohren schlagen, erscheinen heute doch zwei kleine Lichtblicke:

Erstens ist es doch angesichts ständig steigender Managergehälter mal eine erfreuliche Nachricht, wenn der Chef weniger verdient.

Und zweitens freut es mich, dass sich die Londoner Wähler für den richtigen Kandidaten entschieden haben (wenn ich mich auch wundere, warum ausgerechnet die Torys die politische Heimat dieses überaus komischen Little Britain-Comedian sind…).

Mit Nachtdruck

Heute lag so ein Zettel im Briefkasten. Warum ich nicht Politiker werden kann.
Also, stand da nicht wortwörtlich. Aber mir fehlt da wohl etwas, was den engagierten Politiker - auch schon auf kommunaler Ebene - offensichtlich unabdingbar kennzeichnen sollte:

 mit-nachtdruck.jpg

Nachtdruck. Keine Ahnung, was das genau ist. Klingt ein bisschen, als müsste man nachts mehrmals raus, weil - naja, die Blase, Sie wissen schon.

Nachtdruck. Könnte auch ‘ne In-Disko sein, die ab 23 Uhr ordentlich Druck macht und die Bässe wummern lässt. Und wo sich die Politiker dann … nee, irgendwie nicht.

Nachtdruck. Vielleicht ist es der trendige Name einer Druckerei von umtriebigen Jungunternehmern, die nachts noch schnell Wichtiges drucken kann. Vielleicht ist es die Druckerei, die dieses Schreiben nachts noch schnell gedruckt hat.

Nachtdruck.
Hab ich nicht, weiß ich nicht, kenn ich nicht.
Ich geh jetzt besser zu Bett.

Nachtrag:

Kaum 5 Stunden nach Beendigung des Artikels hat Albert gezeigt, dass er Politiker werden kann.
Der Arme.
Ich hab denn mal das Bett neu gemacht und ihn umgezogen.

Die Wahl der Qual

Ich lebe in einem Bundesland, in dem wieder eine Wahl ansteht.
Die Wahl der Qual.

Ein Dorfbewohner hängt das Konterfei des Ministerpräsidenten in seinen Vorgarten.

Etwa sechzehnjährige Mädchen hängen im Nachbarort Wahlplakate für die braune Partei auf. Schön hoch, damit niemand sie runterreißen kann.

Der hiesige wohl irgendwann kommende Ortsvorsteher redet, als das Jahr gerade eine halbe Stunde alt ist, über inhaltliche Makel des braunen Wahlprogramms (Womit wollen die das bezahlen?)

Die rote Partei knallt die Gegend mit dem Gesicht des Spitzenkandidaten zu, dessen Karriere sich in vier Wochen erledigt haben dürfte. 

Der Landtagskandidat der schwarzen Partei spendiert Mentholbonbons (ohne Wahlwerbung) und Kugelschreiber (mit Wahlwerbung).

Ein weiterer Politiker nimmt eigenhändig Plakate der eigenen Partei ab, um die Überplakatierung einzudämmen. Kommt bei den eigenen Leuten nicht so gut an.

Von den gelben Großstellflächen lächelt mich ein ehemaliger Mitschüler an, der mittlerweile ein großes Tier geworden ist (und wohl noch weiter kommen wird).

Aus dem Nachbarbundesland tönt das Patentrezept zur Eindämmung jugendlicher Gewalttaten.

Was mir total fehlt in diesen kalten Wintertagen: Wo ist das erste Grün?

wahlplakat-1.jpg

wahlplakat-2.jpg

wahlplakat-3.jpg

wahlplakat-4.jpg

wahlplakat-5.jpg

Die Qual der Wahl

Manchmal habe ich den Eindruck, bei uns würde nächstes Jahr gewählt. Wird ja auch, in zwei Landtagen, aber das weiß kaum jemand, allein schon in den betreffenden Bundesländern selbst.

Aber in den USA wird gewählt. Das weiß jeder. Offenbar hängt unser Wohl und Wehe mehr vom sogenannten mächtigsten Mann der Welt ab als von unsern selbst gewählten Abgeordneten. Falls es denn überhaupt wieder ein mächtigster Mann wird und nicht eine mächtigste Frau.

Was erfährt man nicht alles über die möglichen Kandidaten, über Stimmungen der Wählerschaft, Kampagnen, Kosten und und und. Und dann dieses Phänomen der Vorwahlen. Vorwahlen kenn ich sonst nur vom Telefonieren.

Ich denke: Wir, die wir gar keine Amerikaner sind, haben ganz gut die Jahre überstanden, in denen die Amerikaner erst gar keinen gewählten Präsidenten hatten (denn wir alle haben hautnah verfolgen können, wieviele Wahlzettel in Florida nicht in der Mitte gestanzt waren (oder so) und dass das Wahlmännerverfahren dazu führt, dass man auch mit mehr Gesamtstimmen nicht unbedingt Sieger wird) und in denen sie sich dann selbst nochmal die Höchststrafe gaben und den Amtsinhaber tatsächlich wählten. Natürlich sind die Entscheidungen eines amerikanischen Präsiden-ten überwiegend auch für außeramerikanische Politik mit Folgen verbunden, aber: Ändern können wir es sowieso nicht. Wir sind und bleiben Zuschauer der dortigen Wahlen.

Das amerikanische Wahlvolk selbst hat es schwer genug, sich durch Vorwahlen und eigentliche Wahl zu kämpfen. Das habe ich heute in der Zeitung gelesen. Ständige Zwischenergebnisse allgemeiner Umfragen mögen der einen oder anderen Zielgruppe helfen - manche aber sind eher hilfloser als zuvor.
Ich lese:

“… Der am Mittwoch veröffentlichten Umfrage von Reuters/Zogby zufolge liegt Clinton, die die erste Frau im Präsidentenamt wäre, in der Gunst der weiblichen Wähler vorn. Die schwarze Bevölkerung würde demnach Barack Obama den Vorzug geben.”

Da frag ich mich:
Was wählen bloß schwarze Frauen?

Ich mache Meldung

Sehr geehrter Herr Scheu,

ich möchte Meldung machen. Da alle Bürger dieses Landes aufgerufen sind, erhöhte Aufmerksamkeit zu zeigen, um Terroranschlägen vorzubeugen, teile ich Ihnen meine jüngsten Beobachtungen mit und bitte Sie, diesen Hinweisen gründlich nachzugehen.

Ich habe kürzlich eine SMS von Bin Laden bekommen, die wohl fehlgeleitet war. Der Absender wurde nicht angezeigt, aber dass diese Leute die Rufnummern unterdrücken, passt ja zu den ganzen anderen Unterdrückungen, die die machen, oder?
Da stand auf jeden Fall: sorry ben, kann gerade nicht ans laptop und mailen, akku ist alle. bin laden.
Vielleicht können Sie ja herausfinden, von wo die Nachricht verschickt wurde.

Dann war ich neulich im Reisebüro, als ich mitbekam, wie am Nachbarschalter ein Mann - mit Bart übrigens - von einem Freund erzählte, der seinen Urlaub in einem Camp verbracht hätte (oder war es Camping-Urlaub?), in einem Ort, einer Gegend oder einem Land mit A, Andalusien sei es nicht gewesen, Aserbaidschan auch nicht, und er wolle das auch machen, man hätte da so richtigen Aktivurlaub gehabt, mit körperlicher Ertüchtigung, aber auch für den Geist sei etwas dabei gewesen, so etwas Meditatives oder so. Ich glaube, der sagte dann was von einem Flug nach Afghanistan in ein Camp, ich weiß nur nicht, ob er gesagt hat, für Touristen oder für Terroristen. Gibt es dort überhaupt Robinson-Clubs oder Campingplätze?

Und schließlich muss ich noch einen alten Studienkollegen von mir melden, der gerade Vater geworden ist, und der mir eine Karte schickte und bei dessen Namenswahl für das Kind ich sofort hellhörig geworden bin. In der Anzeige steht: Wir freuen uns über die Geburt unserer Tochter Elke-Ida.
Ich bin noch immer ganz erschüttert.

Zur Erhöhung meiner Sicherheit bitte ich Sie, sich möglichst bald mit diesen Hinweisen zu beschäftigen.
Ich tippe diese Mitteilung an Sie einfach in meinen Computer. Da Sie sich ja sowieso in allen Computern umgucken, denke ich, werden Sie auf diese Meldung sicherlich schnell stoßen.

Mit aufmerksamen Grüßen und Dank im Voraus
Yulius

meldung.jpg

Fragen an Frau P.

Werte Frau P.,

ich erfuhr gerade von Ihrem Ansatz, die Ehe auf sieben Jahre zu begrenzen. Ein lobenswertes Unterfangen, ohne Zweifel.
Um mir ein genaueres Bild machen zu können, hätte ich da nur noch ein paar Fragen.

Erstens:
Gilt diese Regelung dann auch rückwirkend für bereits geschlossene Ehen?
Ist man eventuell schon gar nicht mehr verheiratet?
Wird zumindest eine Übergangsfrist gewahrt, in der man seine Ehe nachträglich aufrecht erhalten kann?
Gibt es vielleicht die Möglichkeit eines Abos?

Zweitens:
Sind eventuell aus der Ehe hervorgegangene Kinder nach sieben Jahren auch elternlos?
Dürfen sie sich neue Eltern suchen?
Dürfen die Eltern die Kinder ablehnen?

Drittens:
Könnte es - ähnlich wie im Fußballgeschäft - Ablösesummen, Ausstiegsklauseln, vorzeitige Vertragsverlängerungen zu besseren Konditionen u. ä. geben?
Muss man um seinen Stammplatz bangen?
Darf man bei besser dotierten Angeboten nur mit Zustimmung des derzeitigen Vertragspartners Verhandlungen aufnehmen oder auch ohne?
Sind Wechselfristen einzuhalten?
Ist innerhalb der EU ein Wechsel einfacher als außerhalb?
Und auch: Kann man mehrmals verlängern?
Oder folgt irgendwann so etwas wie Elfmeterschießen, um eine Entscheidung herbeizuführen?

Viertens:
Ist, wenn der staatliche Schutz von Ehe und Familie nach sieben Jahren erlischt, ein eventueller kirchlicher Segen ebenfalls betroffen?
Ändert sich also die bis-dass-der-Tod-euch-scheide-Formel in bis-mindestens-sieben-Jahre-vorbei-sind?
Müssen Extraanträge zur Segensverlängerung gestellt werden?

Fünftens:
Müssen es wirklich sieben Jahre sein?
Kann die Dauer nicht grundsätzlich flexibel sein?
Welche Mindestdauer sollte denn vorliegen?
Mehr als zehn Minuten?

Sechstens:
Gibt es dann Eheringe mit Mindesthaltbarkeitsdatum?

So viele Fragen, Frau P. Ungeduldig harre ich Ihrer Antworten. Ich bin froh, dass sich endlich jemand für die Freiheit der Ehepartner einsetzt. Ach ja, wenn Sie mir antworten, könnten Sie mir vielleicht gerade nochmal den Artikel des Grundgesetzes nennen, in dem der Zwang zur Ehe verankert ist, er ist mir gerade entfallen.

Mit freundlichen Grüßen
Yulius

Haselnuss mag ich nicht

Heute hatte ich ein mulmiges Gefühl. Und ich musste an Umberto Eco denken. Und an ein Lied von Heino.

Aber der Reihe nach.

Beruflich hatte ich heute in der Stadt zu tun, die just an diesem Tag auch das Ziel von Leuten eines ganz anderen Schlages war. Diese braune Partei meinte also, hier irgendeine Tagung abhalten zu müssen. (Der Begriff Partei ergreifen bekommt in diesem Zusammenhang eine nicht unsympathische Note…) Schon im Vorfeld deutete sich eine breit aufgestellte Gegenveranstaltung an, mit Auftakt in der Innenstadt, Marsch zum Tagungsort, Kundgebung vor Ort und abschließendem Zug zurück in die Innenstadt zur Abschlussveranstaltung. Ich plante also etwas mehr Zeit für die Anfahrt ein.

Zeitlich gesehen musste die Menge schon den ersten Marsch hinter sich gehabt haben, als ich in das betreffende Viertel einbog. Vereinzelte kleine Gruppen, manchmal auch Einzelne, liefen Richtung Tagungsort oder kamen zurück, vorbei an ersten Straßenabsperrungen, die durch Polizei gesichert wurden. Kurz vor dem Ziel schien die Zahl größer zu werden. Unerwartet wurde mein Blick in einen kleinen Grünstreifen hinter einer Schule gelenkt. Vielleicht fünfzehn, zwanzig junge Menschen bewegten sich dort, alle schwarz gekleidet, Kapuze vom Pulli überm Kopf, schwarze Sonnenbrille auf. Unruhe, schwer einzuschätzende Dynamik, Energien spürte ich. Kein gutes Gefühl. Buntes Treiben drumherum, mehr und mehr andere Menschen. Weiterfahren. Mulmiges Gefühl. Polizeitransporter von rechts. Noch mehr Menschen, manche laufend. Einzelne Rufe. Eine Gruppe von gepolsterten Polizisten im Laufschritt. Parken wollen. Alles voll. Unheimlich. Ein Stück weiter, etwas ruhiger. Wagen abstellen, von hinten ans Büro, reingehen. Vorne der frontale Blick auf den Vorplatz. Massen ziehen vorbei. Beängstigende Stimmung.

Und erst langsames Erkennen: Das ist der Rückmarsch. Der Rückmarsch der Guten, will mir mein Hirn signalisieren. Jetzt mehr und mehr gemischtes Volk. Endlich auch bunte Farben, Kinder im Wagen, ältere Leute mit Transparenten, auch Leute mit DGB-Fahnen, JuSo-Jacken und ähnlichem. Aber auch immer wieder Gruppen von schwarzen Kapuzenträgern mit Brillen. Aufheulendes Martinshorn von ferne, Näherkommen, Sprechchöre, Blaulicht.

Ich war fertig. Ich hätte nicht gedacht, dass mir ausgerechnet die Gegendemo Angst macht. Bei den Menschen war Wut zu spüren, starke Wut. Nicht bei allen, natürlich nicht. Mein Kopf sagte mir auch, dass es ja gut sei, dass so viele gegen Rechts aufstehen. Aber mit gut und schlecht kam ich nicht weiter.

Irgendwann beruhigte es sich, weniger Menschen zogen ab Richtung Stadt, der Menschenschlag strahlte zunehmend mehr Freundlichkeit aus. Ich atmete durch.

Im Internet las ich dann vom “schwarzen Block”, und dass dieser sich auf dem ersten Marsch unterwegs mit Steinen aus dem Schienengleisbett versorgt hätte, dass aufgrund massiver polizeilicher Ansagen über entsprechende polizeileiche Antworten eine Eskalation aber hatte verhindert werden können.

Später musste ich an Umberto Eco denken, der in einer seiner kurzen Kolumnen einmal etwas über Schwarzweiß-Denken sagte und erkannte, dass mit diesem Entweder-Oder-Denken nicht alles erklärt werden kann, sondern sämtliche Grau-Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß benötigt werden.

Und ich merkte, dass man einem Braun auf der einen Seite nicht einfach ein Schwarz auf der anderen entgegenstellen kann, um es zu lösen, oder um für sich eine einfache Erklärung und Zuordnung zu haben. Die Extreme sind grundsätzlich gefährlich, mit Schablonen kommt man nicht weit.

Dann ging mir dieses Lied von Heino durch den Kopf, das ja eigentlich gar nicht von ihm ist und das er ja nur singt, das nicht zu der Musik gehört, die man eigentlich so hört und das man eigentlich auch gar nicht richtig kennt, sondern nur weiß, dass es das gibt, und das da heißt: Schwarzbraun ist die Haselnuss.

Und ich dachte: Haselnuss mag ich nicht.

Ave Herman

Gegrüßet seist du, Herman! Du unerschrockener Kämpfer, tapferer Recke, voller Kraft, voller Geist, unermüdlich deine Energie aufwendend für die gute Sache selbst. Ave!

Es tut uns leid, dass wir solche Schwierigkeiten mit deinen Ideen haben. Wir sind solche Gemütsmenschen. Kaum, dass man uns einmal ein Menschenbild bietet, das auf gleichberechtigten Werten fußt, ruhen wir uns schon aus und werden faul und kraftlos, die wahren Werte zu erkennen. Dabei lehrt uns doch die Tradition solch wunderbares Zusammenleben.

Nein, du hast Recht, nicht alles war schlecht in der braunen Zeit. Zum Beispiel, ähm, ich muss gerade mal überlegen, äh, ja, zum Beispiel das Wetter, das war gar nicht schlecht damals. Meistens jedenfalls. Glaube ich. Aber es war eben auch nicht alles gut, damals. Das Menschenbild zum Beispiel. Aber die Geschmäcker sind ja verschieden.

Bewundernswert war deine Antriebskraft. Es adelt den Menschen, wenn er eine Idee um ihrer selbst willen verfolgt, auch wenn die Konsequenz den eigenen Macht- und Handlungsbereich verringert. Unglaublich, wie du es geschafft hast, neben dem frühen Aufstehen für die Kinder, dem Wecken, Anziehen, Frühstück Machen, Windelwechseln, Abräumen, Einkaufen Gehen, Sachen Heimschleppen, dem Aufräumen und Saubermachen, Geschirrspülen, Essen Vorbereiten, mit dem Kind Spielen, dem Tischdecken, Kochen, Füttern, Abräumen, Windelwechseln, Zubettbringen, Abspülen, dem nochmal Hingehen, Trösten, Rausnehmen, Fiebermessen, dem zum Arzt Gehen, Warten, Quengeln Ertragen, endlich dran Sein, dem Medikamente Holen, dem nach Hause Schieben, Ausziehen, Wäsche Zusammensammeln, Wäsche Waschen, dem Abendbrot Machen, Fertigmachen, Gutenachtlied Singen, Abräumen, Nochmal Hingehen, all diesen alltäglichen Tätigkeiten - wie du es da geschafft hast, noch zwei dicke Bücher zu schreiben, Pressetermine in verschiedenen Großstädten wahrzunehmen und reichlich Moderatorentätigkeiten im Fernsehen auszuüben. So ganz ohne Hilfe. Bewundernswert. Ich glaub, ich könnte das nicht.

Nun wende dich lieber voller Elan nach Hause, mit deiner ganzen Kraft, wo dir doch die Fernsehtätigkeit dankbarerweise jemand anderes abnimmt und dir somit hilfreich unter die Arme greift. Kümmere dich um das Wohl deines Hauses und der Familie. Schreibe doch auch ruhig nebenbei ein neues Buch. So ein Tagebuch. Mit Schloss. Wofür nur du den Schlüssel hast.

Ade, Herman.

Herr Scheu hat etwas vor

Herr Scheu irritiert mich. Die Tatsache, dass er mich irritiert, irritiert mich wiederum auch. Das macht’s nicht einfacher.

Der Reihe nach: Ich denke, wir können beobachten, dass Herr Scheu etwas vorhat. Etwas Großes, Geschlossenes. Geradezu epischen Charakters. Er hat eine Vision, die Vision einer anderen Welt, einer neuen Form des Zusammenlebens, des Daseins. Mag sein, dass der Arbeitstitel “Eine bessere Welt” lautet, ich denke zumindest schon, dass das seine Intention ist.

Nun ist Herr Scheu Politiker und kein Schriftsteller. Und das macht die ganze Sache komplizierter. Wäre Herr Scheu Schriftsteller, würde er seine Vision, sein Aussage, seine Sicht der Dinge in gesammelter Schriftform in voller Gänze veröffentlichen. Es könnte ein Kurzroman sein, ebenso eine weitausholende Geschichte, ein Epos. Tatsache ist: Man hätte alles vorliegen.

Der Politiker in Herr Scheu macht das anders. Er serviert häppchenweise. Ein Fortsetzungsroman, eine Buchreihe, so etwas in der Art. Nach und nach bekommt der Interessierte Einblick in seine Vorstellungswelt, er erkennt Tendenzen, bekommt vage Ziele angedeutet, spürt Anzeichen des neuen Geistes. Aber: Nur das, nicht alles.

Dabei glaube ich, dass das Werk längst fertig ist, innerlich. Klar umrissen, die Handlungsstränge gebündelt ausgerichtet, die Aussage definiert.

Das Risiko aber, mit dem Werk zu scheitern - und zwar auf ganzer Linie -, ist ja ungleich höher, wenn auf einen Schlag das Werk vorliegt und es rezipiert werden kann. Ein schnelles Urteil, ein schnelles Zerreden, allein schon das Bemängeln einzelner Details würde dazu führen, die Größe des Gesamtwerkes in der allgemeinen Wahrnehmung zu verkleinern. Hätten erst einmal ‘führende’ Kritiker das Werk verrissen oder zumindest - auch bei möglicherweise ‘guter handwerklicher Arbeit’ - nichts Überragendes entdeckt, wäre die Vision dahin. Komplett.

Folglich der Weg der Teilschritte. Alle paar Tage liest Herr Scheu sozusagen wieder ein kleines Kapitel vor, lässt erahnen, wo die Reise hingehen soll, hält das Ziel aber außen vor. Die Kritiker können nun zwar über die Episoden urteilen, eine Einschätzung des Gesamtwerks aber wird ihnen ja unmöglich gemacht. Das nimmt Wind aus den Segeln, und es ermüdet.

Das ist schade. Wäre es ein dicker Wälzer, der womöglich gar nicht mein Fall wäre - ich könnte doch einmal in einer Buchhandlung ein Exemplar in die Hand nehmen und die letzten Sätze lesen. Dann wüsste ich schon, wie es ausgeht.

Weil ich das aber nicht weiß, irritiert mich Herr Scheu jetzt. Ich entwickle also eine etwas diffuses Bild des Gesamtwerkes in meinem Kopf, halte auch durchaus verschiedene Enden für möglich, die in dieses Bild passen würden - und wundere mich über das gerade veröffentlichte Teilkapitel: Die Forderung nach mehr Freiheiten im Zusammenhang mit dem Besitz und Erwerb von Schusswaffen.

Das macht mich etwas ratlos. Also, mehr Schusswaffen für die Polizei - hätte mich nicht überrascht. Mehr Einschränkungen, Waffen besitzen zu dürfen - hätte ich auch nachvollziehen können. Aber Erleichterungen beim Erwerb von Schusswaffen?

Ich bin mal ganz naiv: Sagen wir mal, auf ein Ziel zu schießen, fänd ich klasse, ich habe aber nix zum Schießen. Was mach ich? Ich gehe doch nicht zum Schusswaffenhändler nebenan und sage, ich möchte 1 Pfund Schusswaffen zum Schießen haben, und der fragt, ob es denn etwas mehr sein darf, und ich sage, gerne, geben Sie mir ruhig etwas Stärkeres. Um dann im Haus oder auf der Straße rumzuballern. Nein, Ich muss natürlich in einen Verein oder so etwas, wo es Ziele, Regeln und auch die erforderlichen Geräte gibt.

Wozu soll ich dann beim Schusswaffenhändler nebenan so schweres Zeugs kaufen können? Versteh ich nicht. Und was Herr Scheu damit beabsichtigt, weiß ich nicht. Erhöhung der Sicherheit durch mehr gefährliche Waffen - das geht auf jeden Fall nicht in meinen Kopf rein.

Herr Scheu irritiert mich also. Gut, kann passieren. Aber mich irritiert, dass er mich überhaupt irritieren kann. Ich hatte ein so schlüssiges Bild von ihm. Nun ist es ins Wanken geraten. Nicht, dass ich ein Fan seiner sich andeutenden Vision wäre. Aber wenn diese Vision irgendwie wieder undeutlicher wird - dann beruhigt das nicht gerade.

Rezension

Vor ein paar Tagen habe ich ein schon vor längerem bestelltes Buch erhalten. Nun bin ich bei weitem noch nicht durch damit, aber schon jetzt muss ich sagen, dass es mir durchaus zusagt. Es heißt Grundgesetz und wird herausgegeben vom Deutschen Bundestag. Ein Autorenkollektiv schreibt und sammelt seit Jahren an diesem Werk, entwickelt es weiter, hinterfragt es auf seine Aktualität, erweitert es, passt es an.

grundgesetz.jpgWenn nun eine gewisse Qualität einem Werk nicht abzusprechen ist, sollte bei einem solchen Prozess der Weiterent-wicklung natürlich die Sicherung der Qualität an erster Stelle stehen. Nichts ist schlimmer, als wenn einige Pfuscher an einem Bestseller herumdoktern, sei es auch in bester Absicht, um dem ganzen Geschehen mehr Thrill zu geben, und damit an den Grundpfeilern kratzen, auf denen der ganze Plot aufgebaut ist. Einzelne Vorstöße zur Veränderung sollten somit genau geprüft und von vielen Seiten hinterfragt werden, um das Gesamtwerk nicht zu gefährden.

Gleich von Beginn an hat auch der das Werk begleitende Staat zum Buch einen ordentlichen Start hingelegt. Trotz einiger Härtephasen und diverser Rückschläge und Angriffe konnte sich der Staat dank des guten Originalskripts ganz achtbar schlagen. Er bietet natürlich auch alles, was das Herz begehrt: Kraftvolle Mono- und Dialoge, Streitgespräche, Massenaufläufe, emotionale Actionszenen genauso wie Frieden und Ruhe, Kultur und Sport, Emotion und Abgeklärtheit, Geschichte und Erinnerung, Technik, Architektur und und und. Da ist eigentlich für jeden etwas dabei. Und das dank eines Ausgangstextes, der den Anspruch an sich selbst stellt, allen Bedürfnissen Rechnung zu tragen und auf ihre Berechtigung hin und die daraus in das Buch aufzunehmenden Ansprüche zu hinterfragen. Kein einfaches Geschäft, zumal der Staat zum Buch zunehmend Forderungen stellt, die das Werk nicht unbedingt erfüllen kann und sollte.

Ein Vorteil ist der regelmäßige Wechsel der Hauptdarsteller. Jeder kennt das Phänomen von aufkommender Langeweile aufgrund abgehalfterter Altstars, die fast verbissen an ihrem Platz in der ersten Reihe vor den Kameras festhalten wollen und somit dem ganzen Werk schaden können. Wieviel verheißungsvolle Buchumsetzungen sind letztlich genau an dieser Tatsache gescheitert! Das Karussell der Protagonisten sollte also stets in Schwung bleiben, um die Buchumsetzung nicht grundsätzlich zu schädigen.

Zuletzt der Hinweis, dass jeder Leser und jeder Akteur seine Vorstellungen in die Diskussion um die ständige Weiterentwicklung des Buches miteinbringen kann und sollte. Das Werk ist im besten Sinne basisdemokratisch gedacht.

Nichstdestotrotz scheint auch die jetzt vorliegende Fassung des Werkes schon recht ordentlich zu sein. Um dies den momentanen Hauptakteuren deutlich vor Augen zu führen, schicke ich - wie Andere auch - eine zur Zeit aktuelle Version direkt in die Schreibwerkstatt nach Berlin.

Sie ist das Fundament für alle, an dem der Einzelne nicht rütteln sollte.

Nächste Seite »