Ich bin verletzt. Also, jetzt nicht in der Seele so, nein, ganz normal verletzt, physisch, körperlich beschädigt, angeschlagen, mitgenommen. Meine Oberlippe ist aufgeplatzt, hat mittlerweile zu Bluten aufgehört. Meine Unterlippe hat das mit dem Bluten mit sich selbst ausgemacht und sich auf das Mundinnere beschränkt, was meinem Aussehen durchaus zugute kommt. Meine linker Zeigefinger ist deutlich dicker als der rechte, sein Bewegungsgrad liegt bei schätzungsweise 60 Prozent. Der danebenliegende Mittelfinger, ebenfalls betroffen, kommt so auf 80 Prozent. Dazu kommen diverse blaue Flecken an den Beinen.
Und alles, weil ich Fußball gespielt habe. Mit Vätern. Vätern von fußball-spielenden Jungs. Oh Mann.
Früher benutzte man das Kürzel WK 2 noch für den 2. Weltkrieg. Fragte man nach WK 2, bekam man alte Kriegs-geschichten zu hören. Fragt man heute danach, wird einem die komplette Inhaltsangabe von Die Wilden Kerle, Teil 2 erzählt. Diese wilden Fußballkerle prägen die Jungs und Mädchen schon in starkem Maße. Reihenweise werden WK-Shirts, WK-Mützen, WK-Socken und was weiß ich nicht alles getragen. Aber wenn ich bei Fußballspielen von Kindern dabei bin, habe ich manchmal den Verdacht, manche Eltern denken bei WK weiterhin an Krieg.
Jack spielt seit einigen Jahren im Fußballverein, mit Begeisterung. Die Truppe ist nett, die Jungs passen gut zueinander, haben Spaß. Für die Elternschaft trifft das ebenso zu. Und dennoch gibt es auch hier ein Phänomen, was in verschieden Gradstärken immer wieder zu beobachten ist, bei Liga- und Freundschaftsspielen wie bei Turnieren: Der Typus Vater eines Fußballkindes.
Schon beim allerersten Schnuppertraining, damals im Sommer, traf man auf diesen besonderen Typus. Es gab verschiedene Übungen, die man machen konnte, Schüsse aus der Entfernung, Weitschießen, Jonglierversuche. Bei einer Dribbelübung mussten einige Hütchen mit Ball umspielt werden, bevor man wieder zurücklaufen konnte. Während Jack herrlich kindlich den Ball immer sehr weit vorlegte, dann mehr laufen musste, um ihn wieder um das nächste Hütchen schießen zu können, und dadurch ordentlich Zeit verbrauchte, hockte ein anderer Vater neben seinem Schützling - ebenfalls ein fünfjähriger Knirps, der einfach Freude hatte, gegen Bälle zu treten - und erläuterte ihm genau, was das Kind vor ihm, Jack, alles falsch mache und wie er es richtig machen solle.
Auf die Idee wär ich gar nicht gekommen. Aber die Situation steht für mich sinnbildlich für den Typus Vater, der sein eigenes Fußballverständnis, seine Fußballerfahrung, seine Fußballweisheit zeigen, weitergeben, ausleben will. Projizieren will.
Wie oft stehen Väter bei Spielen ihrer Jungs am Spielfeldrand und rufen, zetern schimpfen, fordern, weisen an, granteln?! Mit einer zutiefst subjektiven Sicht werden Schiedsrichterentscheidungen kommentiert und bewertet, dass es einem manchmal peinlich ist. Gerne legt sich der Typus mit dem Schiedsrichter an, der dann die in der Juniorenklasse nicht so einfach wie in der Bundesliga durchzusetzende Platzsperre ausspricht und noch Beleidigungen zu hören bekommt. Gerne auch legen sich mal Eltern mit Eltern des Gegners an, hochgezogen am Spielverlauf, etwaigen Fehlentscheidungen, möglicher Härte, eventueller absichtlicher Handspiele, usw. usw. Peinlich.
Immerhin haben die nun genervten Väter ein Ventil zu Dampfablassen. Gern darf das Kind bei Nichterfolg, Nichterfüllen der Erwartung oder Ähnlichem mit unterschiedlichen Maßnahmen rechnen. Vorwürfe und Geschimpfe, Nicht-beachtung und mehr - keine Seltenheit. Nur weil der Typus sich selbst als Mittelpunkt sieht, nicht das Kind.
Ich sehe das völlig anders. Damit will ich nicht peacig-friedlich verkünden, die alleinige Anwesenheit eines Balles sollte uns doch schon glücklich machen, egal wer ihn träte, wohin er auch flöge. Nein, ein gewisser sportlicher Reiz, aus einer Mannschaftsleistung heraus, sollte durchaus dahinter stehen. Allerdings immer mit dem richtigen Maßstab. Den Spaß dabei behalten, das Kind ermuntern und loben, es aufbauen bei Rückschlägen, es ermutigen, sich mit ihm zu freuen, es zu trösten. Nicht immer weiterzuschimpfen, wenn es schon heult, reinzubrüllen, was das denn gerade gewesen sei, Haare raufend am Rand seinen Unmut zu äußern.
Klar ist nämlich: Die Jungs aus der anderen Mannschaft machen genau das Gleiche. Sie üben auch ein- oder zweimal in der Woche, um besser zu werden. Sie schießen genau so gerne Tore. Sie wollen auch Spaß haben. Sie brauchen auch einen Gegner zum Messen. Und irgendwie geht ein Spiel nunmal aus.
Eine Sichtweise, die ich einfach zu häufig vermisse.
Jacks Truppe ist dabei wirklich im grünen Bereich, einzelne rote Warnlichter gelegentlich eingeschlossen. Den totalen Misserfolg bei einem Turnier gestern - nach einem Turniersieg zwei Wochen zuvor - haben alle ganz gut weggesteckt, wenn es auch ein Prozess im Laufe des Tages ist, der von Spielleistung zu Spielleistung bewältigt werden muss. Dem Grillabend zum Saisonausklang stand nichts im Wege, die Laune hing nicht auf Halbmast.
Interessant war aber doch die irgendwann eingeleitete kleine Partie unter Vätern auf dem kleinen Bolzplatz. Bei allem Spaß und aller Leichtigkeit blitzte doch immer wieder Ehrgeiz auf, der aus Spaß durchaus Ernst machte. Sei es die halbe Sekunde im Zweikampf um den Ball, als mir eine energisch eingesetzte Hand die Ebenmäßigkeit der Lippe nahm, sei es die halbe Sekunde, als der zweieinhalb Meter vor dem Tor abgefeuerte Schuss genug Wucht hatte, mir zwei Finger so zu verstauchen, dass ich noch einige Tage etwas davon haben werde. Es war nicht böse gemeint gewesen, und ich bin weder pingelig noch weinerlich. Aber es war interessant, das zu beobachten.
Die Jungs standen derweil an der Seite.
Und brüllten wie die Stiere.
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