Acht Wahrheiten.
Ein Stöckchen von wortteufel.
Nun werden also acht Wahrheiten von mir erwartet.
Mit Erwartungen tue ich mich schwer.
Und da das schon eine Wahrheit ist,
beantworte ich gerne das Stöckchen.
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Die 1. Wahrheit: Ich tue mich schwer damit, Erwartungen zu erfüllen.
Es ist ja nicht so, dass ich Erwartungen extra nicht erfülle. Außerdem geht es nicht um jegliche Art von Erwartungen. Aber ich überlege Dinge eigentlich lieber selbst. Druck kann ich schlecht vertragen.
Am schwersten fällt es mir, Erwartungen von Leuten zu erfüllen, die meinen, ich müsste irgendwie so sein: Leute, die ich von früher kenne, von denen ich mich aber weg entwickelt habe, Leute, die meinen, man macht etwas so, und und und.
Natürlich erfülle ich Erwartungen, die berechtigt an mich gestellt werden. Habe ich für jemanden zu sorgen, bin ich voll und ganz da. Braucht mich jemand, bin ich zur Stelle.
Aber: Meint jemand, man sollte doch mal, das wär so schön, war doch immer so, kann man doch: Nee, das kann ich nicht.
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Die 2. Wahrheit: Ich muss immer mal unvermittelt bei Musik weinen.
Da kann ich gar nichts gegen machen. Häufig ist es, wenn mir Musik, die ich lange nicht gehört habe, wieder zu Ohren kommt. Genauso kann es sein, das die ersten Klänge eines Konzertes oder einer neuen CD der Auslöser sind.
Dass Musik so schön, so intensiv sein kann! Die Art der Musik ist nicht entscheidend - wobei, ehrlich gesagt, ein Technosong mich noch nicht zum Weinen gebracht hat. Andererseits: Eigentlich ist Techno auch zum Heulen.
Davon abgesehen ist die Tatsache, dass mir Tränen in die Augen treten, nicht die mir in der Musik ebenfalls vertraute Möglichkeit des Schauer-über-den-Rücken-laufens, das ist noch was anderes. Das kann ich mit bestimmter Musik ein bisschen provozieren.
Den Tränenfluss nicht.
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Die 3. Wahrheit: Ich liebe die Berge.
Der Inbegriff von Entspannung sieht für mich so aus:
Ich packe meinen Rucksack und schnüre die Schuhe. Der Morgen ist noch neu. Es geht langsam in den Wald hinein. Die Bäume sind nass und tropfen herab. Es ist kühl. Die Luft riecht auf einzigartige Weise. Ich setze Schritt vor Schritt. Ein Atemrhythmus ergibt sich. Schweiß bricht aus. Es geht höher und höher. Kurze Pausen zum Trinken und Durchatmen. Der Wald bleibt zurück, es öffnet sich. Dann: Ein neuer Blick. Die erreichte Höhe wird deutlich. Wolken ziehen unter mir durch. Der Rucksack wird schwerer. Jeder Schritt ist bewusst. Zeit vergeht. Der Weg wird steiniger. Eine kleine Hütte wird erreicht. Kuhglocken läuten. Grüne Wiesen, steindurchsetzt. Hohe Gipfel dahinter. Sonne und Wolken. Ein Glas bei der Hüttenwirtin, billig. Ich sitze auf der Holzbank, lehne mich an die Hüttenwand. Ich atme durch.
Das ist es.
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Die 4. Wahrheit: Ich denke oft an meinen Großvater, wenn ich in den Spiegel schaue.
Als meine Schulzeit beinahe zuende war, ist mein Großvater gestorben. Er hatte eine gute Stunde entfernt gewohnt. Ich hatte eine typische Großvater-Beziehung zu ihm, soll heißen: Bis dahin standen eher regelmäßige Sonntagsbesuche an, Fünfmarkstück in die Hand, draußen rumlaufen und so. Fragen nach früher und das Bewusstsein für seine Geschichte kamen vielleicht gerade erst auf. Heute würde ich gerne mit meinem Großvater reden, ihn vieles fragen.
Er war einige Monate krank gewesen, sein Tod kam nicht allzu überraschend. Der Tod an sich war schon damals kein Tabuthema, ich konnte ganz gut damit umgehen. Ein paar Tage vor der eigentlichen Beerdigung bestand die Möglichkeit, ihn noch einmal zu sehen. Ich fuhr mit meinen Eltern hin. Es war sehr eindrücklich. In Ruhe betrachtete ich ihn, sein Aussehen, sein Gesicht. Die Züge prägten sich mir deutlich ein.
Am Abend zuhause kam ich gerade ins Bad, als mein Vater vor dem Spiegel stand. Ich sah in sein Gesicht und entdeckte plötzlich ganz viel von meinem Großvater, von den Zügen, die ich am Nachmittag gesehen hatte..
Später ging ich in den Keller in mein Zimmer. Als ich dort selbst vor dem Spiegel stand, ging es mir ein weiteres Mal so: Ich sah wieder die Züge meines Großvaters und mich sozusagen als dritten in der Reihe. Es waren die Ähnlichkeiten im Aussehen, die gleichen Züge, doch über drei Generationen verteilt. Ein kleiner Blick in den Lauf der Welt.
Noch heute, wenn ich vor dem Spiegel stehe, sehe ich oft meinen Großvater.
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Die 5. Wahrheit: Ich habe keine Ahnung von Pflanzen.
Ich muss es gestehen: Von Botanik in jeglicher Form habe ich keinen blassen Schimmer. Natürlich kenne ich grundsätzliche Formen und kann sie unterscheiden. Ich kenne und erkenne Birke und Sonnenblume, Eiche und Rose, Kastanie und Klee. Aber dann ist eigentlich schon Schluss.
Nicht, dass ich ignorant wäre. Ich denke nicht, dass ich es nicht nötig hätte, mich mit Pflanzen abzugeben. Es ist mir auch durchaus unangenehm. Und ich bemühe mich auch. Ich bin fleißig dabei, die Pflanzen in unserem Garten zu lernen. Meine Liebste hat ein Händchen dafür, es grünt und sprießt nur so, unglaubliche Fülle erwächst im Frühjahr aus so manchem vermeintlich toten Stück Beet, üppiges Buschwerk, Farbenpracht und Formenvielfalt auferstehen quasi über Nacht. Und ich genieße es. Allein: Ich weiß nicht, was da blüht.
Ich lebe mit dieser Schwäche. Ich halte es da mit Helmut Zerlett. Der war früher vornehmlich Bandleader und nachher immer öfter auch Dialogpartner von Harald Schmidt. Er sagte in einer Sendung, als es gerade mal um Pflanzen ging, einen Satz, der es auch für mich trifft:
Für mich ist alles Ginster.
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Die 6. Wahrheit: Ich mache mir gerne Gedanken.
Meine Erinnerung an griechische Philosophen ist nicht besonders gut. Hängen geblieben ist etwas von Sokrates, der sagte, er wisse, das er nicht wisse, und damit verdeutlichte, dass man die Weisheit zwar versuchen kann, zu erreichen, sie aber nicht gepachtet hat.
Ich muss sagen: Nichts ist mir suspekter als jemand, der genau weiß, wie die Dinge laufen. Nicht, dass niemand eine Ahnung von irgendwas hätte; es geht mehr um den Umgang mit Wissen. Im Studium hatte ich ein Seminar belegt, das fächerübergreifend angelegt und aus diesem Grund auch mit zwei Professoren bestückt war. Absolut auffällig war der Unterschied in der Vorgehensweise der beiden. Es ging um ein zu untersuchendes Objekt, und während der eine gemeinsam mit uns Studenten überlegte, was es damit auf sich haben könnte, und was er hier sehen würde, wobei er nicht wüsste, wie wir das sähen, sprang der andere dazwischen und erklärte uns genau, was wir da vor uns hätten. Das machte mich eher nachdenklich.
Ebenso erinnere ich mich an ein nicht allzu begeisterndes Pflichtseminar mit nicht allzu ansprechendem Inhalt, in dem der dortige Professor irgendwann mit erboster Stimme darauf hinwies, dass das große Kunst wäre, und er sich verbitten würde, dieser weiterhin nur mäßiges Interesse entgegenzubringen. Das war zwar praktisch, weil man nun nicht mehr selbst überlegen musste, ob es große Kunst war oder nicht. Aber auch das machte mich nachdenklich.
Ich finde, wenn jemand einer Meinung ist, hat das schon mal seine Berechtigung. Und wenn jemand einer anderen Meinung ist, hat das auch schon mal seine Berechtigung. Dann kann man gemeinsam herausfinden, was es damit auf sich hat. Und hinterher vielleicht immer noch unterschiedlicher Meinung sein, vielleicht auch die Meinung des anderen unmöglich finden. Es gibt sie trotzdem, also habe ich nicht die Berechtigung, sie zu verdammen, nur weil ich sie nicht nachvollziehen kann.
Vielleicht ist es dieser Haltung zu verdanken, dass man Bundestagswahlen und Politikerreden übersteht, nicht im Streit mit allen Mitmenschen lebt und immer wieder neue und zum Teil faszinierende Blicke auf bzw. Einblicke in das Leben erhält.
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Die 7. Wahrheit: Ich sage oft mal Sachen einfach nur so.
Das ist manchmal ein bisschen problematisch. Ich bin vielleicht mit anderen im lockeren Gespräch, es wird nett geplaudert, irgendwas wird gesagt, ein Wortspiel oder eine Bemerkung oder ein Kommentar oder ein gespielt hämischer oder ein gewitzter oder gerne auch dummer Satz geht mir durch den Kopf - schon sag ich ihn.
Schwierig: Mir geht’s nur darum, es mal zu sagen. Ich mein das eigentlich gar nicht. Äußert jemand leise Selbstzweifel, bestätige ich ihn gespielt. Hat jemand eine echte Frage, fällt mir nur eine Bemerkung ein, die herrlich absurd wäre. Und mache sie.
Ich bin also an einer Plauderrunde beteiligt, betrachte den Gesprächsverlauf irgenwie ein bisschen von außen, wie ein Theaterstück, und führe es einfach weiter. Manchmal sollte ich da besser nichts sagen. Oft kann ich die Leute gar nicht richtig einschätzen, kenne sie nicht immer alle. Die gucken mich dann gerne mal ein bisschen komisch an. Was ich verstehen kann. Andererseits ist es auch möglich, die Runde enger zusammenzuschweißen und einen netten weiteren Abend zu verbringen.
Beispiel?
Ich bin auf einer Uni-Party überwiegend Ehemaliger, der Abend ist nett, Musik läuft, ein kleines Feuerwerk brennt ab, irgendjemand holt ein Bier, wir stoßen an, ich sage: Auf Hannelore Kohl.
Um’s mal zu sagen.
Besagte Frau Kohl war Tage zuvor aus dem Leben geschieden, die Medien hatten ein etwas seltsames Spiel mit den Hintergründen ihres Todes getrieben - Lichtallergie und so - und die mediale Betroffenheit dominierte das Zeitgeschehen. Und? Muss man da beim Zuprosten Auf Hannelore Kohl sagen?
Nein. Muss man nicht. War aber schon passiert. Erstem Oha und Nach-Luft-schnappen folgte eine kleine inhaltliche Diskussion über besagte Medienphänomene, und es entwickelte sich zu einem ganz guten Abend.
Aber: War das nötig?
Ich will mich bessern. Eigentlich.
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Die 8. Wahrheit: Ich habe gerne ein Kind an der Hand.
Ganz ehrlich: Es gibt nichts Schöneres als die Hand eines Kindes an der eigenen, besser wohl: in der eigenen. Ein warmes Patschehändchen, gern etwas verklebt oder feucht, ein bisschen dicklich, und die Fingerchen greifen in die Handfläche, suchen Halt. Die eigene Hand umschließt die Kinderhand, sorgsam, hält zur Not das ganze Gewicht, wenn es zum Stolpern kommt, greift auch mal fester, wenn ein Loslassen nicht sein darf.
Vielleicht liegt es daran, dass es so viel mehr ist als das bloße Halten einer Hand. Es hat ganz viel mit dem Menschen zu tun, mit Liebe, mit Geborgenheit und Vertrauen, mit Nähe, Begleitung und Führung. Alles durch die Verbindung zweier Hände auf dem gemeinsamen Weg.
Händchen in Hand. Und dann stapft man los.
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