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Entschuldigung. Bitte.

Ein paar Männer laufen durchs Dorf und vermöbeln zwei Menschen. Sie kommen vor Gericht. Die Anwälte führen Alkohol als Entschuldigung an und fordern mildere Strafen.

Da komm ich nicht mit.
Jetzt kann schon Alkohol entschuldigen.

Ich hab bisher immer gedacht, wenn jemand sich etwas zuschulden kommen lassen würde, müsse er - um davon loszukommen - um Entschuldigung bitten. Und dann könnte derjenige, der den Schaden hätte, quasi Absolution erteilen, vergeben, die Schuld abnehmen. Der Schuldige könnte das nicht selbst.

Allerdings hat sich so eingebürgert, dass die Bitte um Entschuldigung unterbleibt. Rempeln wir uns an, raunzen wir ‘Tschuldigung (wenn überhaupt) und gehen weiter. Die Bitte, sozusagen entschuldet zu werden, entfällt. Kann man sich also selbst entschulden?

Wie absurd das eigentlich ist, zeigt der Vergleich mit greifbaren Dingen: Hat jemand Schulden bei Anderen, stellt er sich dann hin und verkündet, er entschulde sich, und wäre damit die Sache vom Tisch? Wie praktisch, ich könnte meine Schulden selbst ausgleichen. Oder muss er nicht vielmehr um Entschuldung bitten, dass man ihm also die Schulden erlasse?

Und nun kann schon der Alkohol entschuldigen. Unglaublich.

Alkohol kann eine Erklärung für diese Tat sein, ja.
Aber kann er auch eine Entschuldigung sein?

Mein Lieblingssatz

Zubettbringen.
Ein Vorgang voller Rituale.
Albert braucht das. Eine feste Grundform, an der nicht gerüttelt wird, dazu gelegentlich kleinste Veränderungen, die im Laufe der Zeit an Bedeutung gewinnen können, wobei sich andere Elemente langsam ausblenden. Ganz faszinierend.

Im Moment besonders im Fokus: Der letzte Schritt. Albert liegt bereits im Bett, das Licht hat er bereits ausgemacht, er ist zugedeckt, er hat seinen Teddy im Arm, er räkelt sich und mummelt sich schön ein. Ich flüstere die vertrauten Dinge, er möge etwas Schönes träumen, ich freute mich schon auf den nächsten Tag, er habe es so schön kuschelig, er möge eine gute Nacht haben.
Wohliges Brummen ist die Antwort.

Und dann: Noch kuscheln, Papa.
Klar, sage ich, knie mich vor das Kinderbett (wobei ich mir gelegentlich ein Knie am Bettrand anschlage), taste mich vorwärts, spüre in meiner linken Seite die Ecke des Nachttisches und werde fest umschlungen.

Ein Seufzer. Wohlig.

Der Nachttisch drückt immer noch.
Macht nichts.

Und dann:
Papa?
Ja? sage ich.
Du musst noch sagen: ‘Weißt du, was mein Lieblingssatz ist?’.
Ich sage: Weißt du, was mein Lieblingssatz ist?
Und dann sagt Albert:
Ich lass dich nie…mals … los! Mit wirkungsvollen Pausen zwischen den letzten Silben.

Das hatte er mal gesagt. Und ich habe geantwortet, dass das wunderschön sei. Und nach ein paar Malen hatte ich gesagt, das sei mein Lieblingssatz. Jetzt ist er mittlerweile fest im Ritual verankert.

Ja, sage ich, das ist mein Lieblingssatz.
Und dann hält er mich in seinem Arm.
Und lässt mich niemals los.

Ich habe inzwischen etwas Probleme mit der Atmung. Meine Nase, sowieso schnupfengeplagt, sucht intensiv nach einer Lücke zwischen Schlafanzugpulli, Decke und Teddy.
Meine Knie beginnen zu schmerzen, auf dem Holzfußboden.
Die Nachtischecke wird nicht angenehmer für die Seite.
Mein Rücken macht sich bemerkbar.

Ich denke: Wenn jetzt jemand reinkäme und das Licht anmachte, würde, was er sähe, schon reichlich merkwürdig aussehen, so ein großer kopfloser Mensch auf Knien mit durchgebeugtem Rücken, der leise schnaufend versucht, Luft zu bekommen.

Aber irgendwann macht Albert die Klammer einfach auf.
Zieht die Decke richtig über sich.
Und brummt nochmal.

Gute Nacht, flüstere ich, schlaf gut.

Und dann geh ich raus.
Mit dem Geruch seines Pullis in der Nase.
Und meinem Lieblingssatz im Kopf.

Armutszeugnistag!

Dieser Tage gibt’s Zeugnisse. Armutszeugnisse. Praktisch ist, dass sich die Betroffenen alle selbst eines ausstellen. Dann muss es sonst keiner mehr machen.

Frau Links: Wenn Sie wirklich meinen, dass eine Institution wie die Staatssicherheit ein vom Ideal her menschliches Zusammenleben sichern soll, dann stimmt etwas mit der Umsetzung des Ideals nicht.
Und wenn Sie meinen, dass eine Mauer ein System gegen Einflüsse von außen schützen muss, dann bauen Sie doch eine geschlossene Mauer um Ihr Haus. Dann kommt auch keiner rein.
Versetzung in den Landtag: Gefährdet.

Herr Post: Wenn Sie meinen, dass das Geld, was Sie aus der Gesellschaft ziehen, nicht wie allgemein üblich anteilig der Gesellschaft wieder zugute kommt, indem man Steuern zahlt, dann sehen Sie zu, dass Sie Ihr Geld nicht auf Kosten der Gesellschaft verdienen.
Versetzung aus dem Vorstand: Bereits erfolgt.

Herr Vau und Herr We: Wenn Sie meinen, dass - wie Ihre Anwälte im Prozess gerade lautstark verkünden - Sie “Ihr Geld wert waren”, dass sich “Ihre Investitionen ausgezahlt hätten” und dass Sie “zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt hätten, etwas Unrechtes zu tun”, dann bedaure ich Sie; nicht, weil Sie so arme Schweine im System waren, die nix anders machen konnten, sondern weil Ihnen offensichtlich noch jetzt jegliches Bewusstsein für Moral fehlt. Aber für Moral gibt’s nun mal keinen Sündenbock.
Versetzung in den Strafvollzug: Nicht ausgeschlossen.

Ich kann verstehen, warum sich manche mit ihren Zeugnissen nicht nach Hause trauen.

Ich spekuliere ein bisschen (6.)

Jaja, gestanden, diesmal einen Zettel gefunden, der vor Samstag noch raus muss:

Einkaufszettel Nr. 7

einkauf-07.jpgSo, denn hamma ma de 26, dat is doch mal ne schöne Zahl, woll. Denn hatt isch mir noch eine aufgeschriebn, wo war se denn, watte mal, ah hier, also de 45. Janz schön hoch vielleisch, abba ejal. Denne de 36, ei, da war isch doch schonne mal, wo isse denn, hier, jut. De 10 steht hier, wo find isch die denne nu, ma kuckn, ah hier, bei de 11. Denn de 22, hab isch och schonn mal jesehn, hab isch gleisch, woll, da isse. Un de 39, mann, da muss isch ja wieda voll nach hinten, so, Kreuz druff, fertisch.

Und mitte Zahln vonne Berta, dat soll se mal selba machn, nachher mach isch da watt falsch. Un den Jewinn will se sowieso nisch mit mir teiln. Soll se ma schön selba hinjehn.
Isch bin jedefalls fertisch.
An mir liechts nisch.
Von mir aus kann de Jewinn kommn.

Isch watte.

(Wer noch auf der Suche nach Lottozahlen für den morgigen Samstag ist, darf sich gern bedienen. Das Risiko einer Teilung eines eventuellen Gewinnes sollte allerdings berücksichtigt werden.)

Nachtrag:
Eine Richtige. Vergeblich gewartet.

Ich spekuliere (5.)

Bereits gestanden, auf ein Neues:

Einkaufszettel Nr. 6 

einkauf-06.jpgSo, zuerst also mal Nutella. Hach, dies süße am Morgen, ohne geht gar nicht. Bei dir auch? Ja, kennst du, ne? Meine Beraterin, die sagt zwar, weglassen wär besser. Aber ich brauch das morgens. Sonst komm ich nicht in die Gänge. Dann hab ich schon gleich schlechte Laune. Morgens gleich auf’n Körper achten, nee, kann ich nicht. Ist auch einfach zu lecker. Da geht aber auch was weg von dem Zeugs, man, man.

Vielleicht gehst du besser mal da weg von dem Zeugs.
Man, man.

Und Kirschgrütze, mmh. Ist nicht soo gut für mich, aber ab und zu muss das einfach sein. Mmm, da könnt’ ich mich reinsetzen. Also, nehm ich mal viermal Kirschgrütze. Dafür ess ich ja wenig zum Mittag, so. Und Obstgarten, das ist leichter. Das tut dem Körper gut, das darf ich ruhig essen. Ist nicht so lecker, aber geht so. Magst du auch nicht so? Nee, ist so säuerlich, ne? Probier mal mit’n bisschen Zucker drauf, du! Schmeckt besser dann! Also, achtmal Obstgarten.

Vielleicht, ähm, einfach mal Obst aus dem Garten?

Denn noch Kaffee, aber ‘n guter muss es immer sein. Und stark. Und italienisch. Weißte noch, Italien letztes Jahr, im Sommer? Dieser Kaffee! Und dieses Eis! Also, am besten Lavazzo.

Ist auch besser als Tchiba oder Eduscha.

Jetzt Hygieneabteilung: Ich brauch Toilettenpapier, Tempo und Klammertabs.

Klammertabs, gut.
An der Klammer hängt ja auch immer soviel Kirschgrütze.

Dann noch Clotücher. Weißte, diese feuchten, die sind ganz angenehm. Und die riechen so gut. Und Clospüler brauch ich auch neu. Wieder mit diesem Duft, nach Blumen und so!

Ah, das hat Stil.
Hier bekommt das Örtchen eine charmante Note.
Und einen neuen Anfangsbuchstaben.
Fehlt noch Clopapier, oder?

Nun eine Springform. Für meine Kuchen. Immer fertige Kuchen zu kaufen geht ja ganz schön ins Geld, ne? Und meine Beraterin sagt, man staunt sowieso, wenn man weiß, wieviel Zucker in so’nem Kuchen drin ist. Und: Recht hat’se! Was ist da für Zucker drin, bis mein Kuchen schmeckt!

Also, auf  zu den Cüchenartikeln.

Und dann: Was süßes. Nur für zwischendurch. Nein, du, nicht statt richtiger Mahlzeit, nur so als Extra. Eine kleine Nascherei hab ich mir verdient. Für die Seele, weißt du?

Clar.
War ja auch noch nichts Süßes dabei, bisher.

nur kurz

rote-nase.jpgWenn ich sage, ich bin heute immer noch weiß im Gesicht und ich hab immer noch meine rote Nase;

wenn ich sage, ich bin ein wenig wackelig heute und mein Kopf dröhnt so;

wenn ich sage, ich habe gestern dauernd so buntes Krams in mich reingeschmissen und ansonsten nur getrunken, was das Zeugs hält;

und wenn ich dann noch sage, ich habe mit Karneval, Fasching und ähnlichem nix am Hut -

dann wissen Sie, dass ich momentan eine Grippe habe.

Hoffentlich sind die ollen Tage bald vorüber…

['Aenekn]

Das Fieber hat nun auch bei Jack zugeschlagen.
Nicht, dass er Fieber hätte, nein. Vielmehr ist er im Fieber.
Auf mir unerklärliche Weise und rational nicht fassbar schwappt offensichtlich regelmäßig eine Welle über die Kinder dieser Welt. Eine Welle, die eine Begeisterung nach sich zieht, die vorher nicht stetig gewachsen war, sondern urplötzlich aus dem Kinde hervorbricht. Die Begeisterung für Star Wars.

Es ist nicht so, dass ich glühender Verfechter dieser Filmreihe bin und seit Jahren meinem Nachwuchs predige, welche Tiefen des Universums sich bei genauem Studium eröffnen. Gut, ich habe - im Fernsehen - Teil IV bis VI und vor ein paar Jahren auch Episode I und II gesehen - Teil III habe ich entweder verpasst oder er lief noch gar nicht öffentlich. Es war auch wirklich immer okay. Aber eben nicht mehr.

Nun bricht also unvermittelt das Star Wars - Fieber aus. Und man stellt fest: Nicht nur das eigene im offensichtlich relevanten Alter stehende Kind ist angefallen worden, nein, auch die Gleichaltrigen im Umfeld scheinen widerstandslos der Begeisterung erlegen zu sein. Faszinierend.

Nun wird das ganze Imperium noch etwas gefiltert:  Das Kind sieht die ganze Welt etwas verschoben durch die Lego-Brille. Lego hat einen reichhaltigen Bestand an Flugkörpern, Charakteren und Materialien aus der Star Wars - Welt in viereckige Bausteine zum Zusammenklicken gegossen. Auch das Computerspiel bewegt sich per Legomännchen durch eine Legowelt, nicht schlecht gemacht. Erst nach und nach gewinnt Jack nun Einblick in den filmischen Epos, schrittweise darf er sich in das Universum vorwagen. Immer wieder nett ist dabei zu beobachten, von wo er sich der Sache nähert: Sieht er das erste Mal dann filmischen Anfang, stellt er belustigt fest, dass das mit der Schrift und dem Text, der da vorweg läuft, genau wie in echt aussieht. Wie im Legocomputerspiel halt.

Seine grundsätzliche Gabe, in einer beliebigen Situation unvermittelt eine Feststellung, eine Frage oder eine Beschreibung aus seiner Gedankenwelt in den Raum zu stellen, kombiniert mit meiner nicht dermaßen stark Star Wars - geprägten Welt, führt zu einem wiederkehrenden Phänomen: Jack sitzt wahlweise im Auto, am Tisch oder sonstwo und sagt einfach so was wie: Papa, wenn die Imperalen beim großen Schiff mit dabei sind, dann ist einer davon auf jeden Fall Anakin. Und … Dann folgt, vielleicht etwas nachdenklich, der nächste Gedanke hinterher.
Und bei mir setzt automatisch immer wieder die gleiche Weltenöffnung ein, eine kleine, recht unbedeutende, nicht ausformulierte Welt, aber eine andere.
Jack spricht von Anakin. Ich hab heute mal nachschauen müssen, wie der sich denn genau schreibt.
Ich höre immer Änneken.
Und dann denk ich: Jaja, das Änneken. Das kannte ich schon, als es noch soo klein war.
Oder: Damals, im Krieg, dein Großvatter und ich, und dat Änneken naürlich, wir mit’nem Bollerwagen, wat war dat für Zeiten.

der-grose-bollerwagen.jpgNicht, dass ich das je so gehört hätte. Aber die Assoziation beim Klang von ['Aenekn] scheint doch bei Jack und mir grundverschieden zu sein.

Das Änneken hätte auf jeden Fall im Weltraum so seine liebe Müh.

Mit Schalter

Albert sitzt neben mir im Auto. Er sitzt jetzt lieber vorne mit seinem Sitz.
Da kommt man besser an alles dran.
An den Türverriegelungsknopf. An die Fensterheber. An den Außenspiegel. An das Radio. An verklebtes Bonbonpapier auf der Mittelkonsole.

Außerdem erhöht das Vornesitzen die Kommunikation.
Noch etwas mehr.

Zu meinem Geburtstag, sagt Albert, zu meinem Geburtstag, da wünsch ich mir eine Brille, sagt Albert.
Soso, sage ich, du möchtest eine Brille haben. brille.jpgUnd will gerade ansetzen, dass er ja - zumindest noch - keine Brille benötige.

Ja, sagt er, so eine Brille, wenn man die anschaltet, dann geht die so hoch und so vor die Augen.

Bitte was für eine Brille? sage ich.

So zum Anschalten. Mit einem Schalter dran. Nicht so eine wie Oma hat, sagt Albert.

Nicht so eine wie Oma hat? frage ich.

Nein, nicht so eine wie Oma hat. Albert verfällt in einen leichten Plauderton. Oma macht das immer mit der Hand so hoch, die Brille hat keinen Schalter. Ich will eine Brille mit Schalter. Die geht dann - sssssssmm - so hoch, dann kann man durchgucken. Und wenn man wieder auf den Schalter drückt, geht sie wieder so runter.

Und dann guckt Albert so zu mir, als wär ich etwas schwer von Begriff.
Bin ich wohl auch.
Ich glaube, er ist meiner Zeit ein Stück voraus.

Selling England by the pound

selling-england-by-the-pound.jpg

Can you tell me where my country lies?
So singt Peter Gabriel fragend am Anfang der Genesis-Platte Selling England by the pound, ganz alleine, ohne Band. Ein paar Töne, und die Tür öffnet sich, das alte Genesis-Land liegt vor einem.

Der Autor von Soloalbum, v. Stuckrad-Barre, schrieb vor Jahren in einem Nebensatz über Genesis von diesem, wie er meint, Irrglauben, dass die früher mal gut oder besser waren - die waren aber immer scheiße!
Das sehe ich einfach anders. Er muss es ja nicht hören, wenn er nicht will.

Was für eine Platte! Eine Platte voller Erinnerungen. Damals, in der Schulzeit, immer mit ein paar Anderen rumgehockt und Musik gemacht. Dann kam da dieser Kleine mit Wuschelkopf aus der Oberstufe und gab uns ‘ne Cassette: Woll’n wa vielleicht was in diese Richtung machen? Hm, Selling England by the pound stand da in Krackelschrift. Mein Freund und ich haben sie uns angehört. Wieder und wieder. Zum gemeinsamen Mucken mit dem Wuschelkopf ist es nie gekommen. Die Cassette haben wir lieben gelernt.

Es war eine C-90. Nur einseitig bespielt. Soll heißen: Nach fünfundvierzig Minuten ist Schluss. Der Rest passte nicht drauf, hatte er gesagt. Das war in diesem Falle im siebten Song. Erst Jahre später kaufte ich mir überhaupt einen CD-Player und auch diese CD. Und dann hörte ich das erste Mal, wie es weiter ging. Eine kleine Offenbarung. Noch heute kann ich exakt den Moment bestimmen, an dem die Cassettenaufnahme endete; es ist immer wie ein kleines Innehalten, verbunden mit dem neuerlichen Staunen, dass es weitergeht.

Irgendwann haben wir vielleicht drei Tage bei dem Vater eines Freundes in der Firma gejobbt und irgendwelche Aktenordner in einem Lager neu sortiert. Dabei: Ein kleiner plärriger Cassettenrecorder und genau eine Cassette. Selling England lief rauf und runter, mit ständigem Seitenwechsel. Ich glaube, heute kenne ich jeden Ton.

Wir amüsierten uns über den Battle of Epping Forest, in dem dem Bandenkleinkrieg der englischen Vorstadt die große Bühne bereitet wird. Wir lauschten der Cinema show, wenn Romeo und Juliet sich für den Abend fein machen. Wir sprachen die einleitenden Worte von I know what I like mit; noch heute geht mir (und nicht nur mir) häufig bei der Frage nach der Uhrzeit die Textzeile dieses Songs durch den Kopf: It’s one o’clock and time for lunch - humdeedumdeedum. Im Originaltonfall.

Im Klavierunterricht legte mein Lehrer irgendwann überraschend die Klaviereinleitung von Firth of Fifth vor mich, rausgehört und handgeschrieben. Ich weiß, dass ich nach dem Unterricht nach Hause fuhr und mich direkt ans Klavier gesetzt habe, um es zu üben.
Das tat ich sonst nicht.
Nach einer Woche diskutierten wir im Klavierunterricht über einige Stellen, die wir beide jeweils etwas verschieden hörten. Klasse war’s.

Vor einigen Jahren gingen mein Freund aus der Schulzeit und ich dann zusammen auf ein Konzert der Revival-Band Musical Box. Das sind so ein paar liebenswerte Verrückte, die Originalauftritte von Genesis aus den Siebzigern originalgetreu nachspielen - sowohl hinsichtlich der Musik als auch hinsichtlich der Show an sich. Es ist so ein Mittelding zwischen Theater und Konzert, man hat zudem das Gefühl einer kleinen Zeitreise. Herrlich war’s. Die Selling England - Tour quasi in echt, schon witzig.

Einfach eine geniale Platte. Mit vielen Farben. Phil Collins hat später mal gesagt, die Selling England - Platte wäre ziemlich konzeptlos gewesen. Ich befürchte, der Mann weiß nicht, wovon er spricht. Ein buntes Panoptikum öffnet sich dem Hörer - und schließt sich wieder, wenn am Ende die Motivik des Anfangs aufgegriffen wird.

Und letztlich hat Gabriel halt Recht mit seinen letzten Worten auf der Platte:
It’s scrambled eggs.
Und das ist ja nicht das Schlechteste.

Danke, ´Klimaschützer´.

Da sitzen sie nun also so vor sich hin und warten. Warten auf die nächste große Wahl. Damit endlich die eine der beiden Parteien alleine entscheiden kann. Wie das so läuft mit der Kernkraft. Und weil es bis dahin noch etwas dauert, kommt man halt mal auf Ideen. Leider auf schlechte.
Wenn also der Ölpreis ganz stark ansteigt, überlegen sie sich, man könnte jetzt doch mal davon reden, dass man sich vom Öl unabhängiger machen sollte. Und Kernkraft wäre die Lösung. Hat zwar nix miteinander zu tun, wie auf einem Spartensender ein Experte im Interview vermeldet, das hören aber nicht so viele.
Wenn die Preise mal wieder erhöht werden wollen, überlegen sie sich, die Pflichtabgabe an den Bund als Begründung zu nennen. Das sind zwar nur vier Prozent des Gesamtpreises, aber diesen Hinweis hören nur manche, wenn Sie zur rechten Zeit den richtigen Sender hören. Schriftlich haben es hingegen alle, mir haben Sie es auch geschrieben.
Und wenn das Weltklima in Gefahr ist, überlegen sie, sie könnten sich ja mal als Klimaschützer präsentieren. Das geht nicht, meint vielleicht noch jemand, das ist zu dreist, das merken die! Machen sie trotzdem. Jeder, der es nicht merkt, ist doch ein potentieller Kunde.

Und so schlage ich heute die Zeitung auf und sehe das vor mir:

zeitung-01.jpg

Wunderschöne Landschaft, prima Wetter, blendend weißes Kernkraftwerk an der Flussbiegung. Schön. Und dazu die message: Wer Atomstrom nutzt, schützt das Klima.

Da fällt mir gar nicht mehr viel zu ein.
Gut, mir fällt ein, dass es jedes Jahr in Gorleben Proteste gibt, weil dort niemand den Abfall haben möchte. Diesen radioaktiven. Zwei Seiten weiter in der Zeitung lese ich zudem von Anwohnerprotesten gegen die Flutung eines einsturzbedrohten Bergwerks, in dem bereits reichlich radioaktive Fässer lagern. Eigentlich will niemand, aber auch wirklich niemand, solchen Müll in seiner Nähe haben.
Mir fällt ein, dass gelegentlich mal eine Trafostation brennt und ein Kernkraftwerk besser mal schnell abgeschaltet wird, weil es ein bisschen gefährlich mit dem Zeugs ist.
Mir fällt ein, dass Flussfauna und -flora in Mündungsbereichen von Kernkraftwerken sich ein bisschen verändert haben, der Temperatur wegen.
Mir fällt ein, dass gerade eine Studie diskutiert wird, nach der im Einzugsbereich von Kernkraftwerken das Risiko einer Leukämieerkrankung doch ein bisschen höher zu sein scheint als anderswo.
Mir fällt ein, dass es bei Radioaktivität um Zeiträume geht, die mit denen der Klimaveränderungen in keinster Weise vergleichbar sind.
Sonst fällt mir dazu gar nichts ein.

Das muss man sich mal vorstellen:
Man tippt das Wort Klimaschützer ein und landet bei der Atomindustrie.
Auf die Idee muss man erstmal kommen.

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